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Prozess in Essen

06.07.2018

Krebsmedikamente gepanscht? Urteil erwartet

Der Angeklagte wird im Landgericht in Essen in den Saal geführt. Der 47 Jahre alte Apotheker aus Bottrop soll seit 2012 fast 62 000 Krebsmedikamente gepanscht haben.
Bild: Rolf Vennenbernd, dpa

Im Prozess um einen Apotheker aus Bottrop, der lebenswichtige Krebsmedikamente gestreckt haben soll, steht das Urteil bevor. Dem Mann droht eine lange Haftstrafe.

Im mutmaßlichen Medizinskandal um massenhaft gepanschte Krebsmedikamente wird am Freitagvormittag gegen 11 Uhr das Urteil gegen einen Apotheker aus Bottrop erwartet. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass der 47-Jährige jahrelang lebenswichtige Krebsmedikamente gestreckt hat, um seinen luxuriösen Lebensstil zu finanzieren. Doch wichtige Fragen blieben in dem Verfahren am Landgericht Essen offen. Vor allem konnte nicht geklärt werden, wie viele Patienten unterdosierte Chemotherapien bekommen haben. Anfänglich war die Staatsanwaltschaft von mehr als 1000 betroffenen Patienten ausgegangen. Die Verteidiger des Apothekers zweifeln die Indizienkette insgesamt an und fordern einen Freispruch.

Die Staatsanwaltschaft fordert über 13 Jahre Haft

Der Anklage zufolge habe der 47-Jährige die Krankenkassen um mehr als 50 Millionen Euro geprellt, indem er bei der Herstellung von Krebsmedikamenten zwar die volle Wirkstoffdosis abgerechnet, aber nur eine geringere Dosis verwendet habe. Die Staatsanwaltschaft fordert daher dreizehneinhalb Jahre Haft wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und Betrugs. Der Angeklagte habe sich auf Kosten von Menschen bereichert, die um ihr Leben bangten, sagte Staatsanwalt Rudolf Jakubowski. "Und das zur Fortsetzung seines luxuriösen Lebensstils - zum Beispiel zum Bau einer Villa mit Wasserrutsche."

Die Verteidigung zweifelt die Ermittlungen an

Der Angeklagte selbst hatte sich im Prozess nicht zu den Vorwürfen geäußert. Seine Verteidiger äußern Zweifel an den Indizien, die die Ermittler zusammengetragen haben. Dem Apotheker könne nicht nachgewiesen werden, dass er ein Serienbetrüger sei, argumentierten die Anwälte am Donnerstag. Außerdem sei die Analyse der sichergestellten Arzneien anzuzweifeln. "Es ist nichts bewiesen", sagte Verteidiger Ulf Reuker in seinem Plädoyer.

Der mutmaßliche Medikamentenskandal war von zwei Mitarbeitern des Angeklagten aufgedeckt worden. Für ihre Enthüllungen waren sie Ende 2017 mit dem Deutschen Whistleblower-Preis ausgezeichnet worden. Mehrere andere ehemalige Mitarbeiter hatten vor Gericht keine Aussagen gemacht.

Der Fall hat eine Diskussion über Transparenz angefacht

Der Fall hat auch in der Politik Wellen geschlagen: Als Konsequenz aus dem Bottroper Fall hatte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) 2017 neue Transparenz-Regeln erlassen. Nun gibt es in den spezialisierten Krebs-Apotheken unangemeldete Inspektionen, bei denen das Personal und die Herstellung von Infusionsarzneimitteln kontrolliert wird.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz in Dortmund zeigt sich zum Ende des Prozesses trotzdem ernüchtert: "Noch immer haben Bund und Länder keine ausreichenden Konsequenzen gezogen", kritisiert Vorstand Eugen Brysch. Dabei gehe es um die Sicherheit von Hunderttausenden Patienten, die durch eine Krebstherapie auf ein Weiterleben hofften. (dpa)

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