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Raumfahrt
23.05.2016

Alexander Gerst - Unser Mann für die ISS

Ein Selfie aus dem Weltraum: Wohl kaum einer hat die Menschen so an der Reise ins All teilhaben lassen wie Alexander Gerst.
Foto: Alexander Gerst/Esa/Nasa/dpa

Alexander Gerst ist Deutschlands Vorzeige-Astronaut. Doch wer ist dieser Mann eigentlich, der so wunderbar von Schwerelosigkeit schwärmen kann und von Saltos beim Zähneputzen?

Hinter ihm das Inferno, vor ihm die unendliche Leere. Alexander Gerst wird in seinen Sitz in der Sojus-Rakete gepresst, deren 26 Millionen PS voll aufgedreht sind. Seine Augen schmerzen, sein Gesicht ist platt gedrückt, das Dreifache des Körpergewichts wirkt auf ihn und seine beiden Astronautenkollegen ein. Hinter ihm röhrt der Antrieb der Rakete in ohrenbetäubender Lautstärke.

Doch das alles spielt für Gerst keine Rolle. Dieser Höllenritt ist der Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere, hierauf hat er sein ganzes Leben hingearbeitet. Seit der Großvater Alexanders Namen mit Amateurfunk zum Mond schickte, als er fünf Jahre alt war, und der Bub das zurückkommende Signal mit dreisekündiger Verzögerung vernahm, war das hier sein Lebenstraum: die Reise ins All. An diesem Mittwoch im Mai 2014 ist es so weit, die Rakete ist schon hunderte Kilometer von der Erde entfernt, die Crew ist im Weltall. Gerst neigt den Kopf, so gut es geht, und sieht aus dem Fenster. Der erste Gedanke, der ihm in diesem Moment durch den Kopf geht, ist nicht unbedingt das, was man erwarten würde: „Wie schön, die Erde ist wirklich rund“, denkt er sich. Nur das.

Alexander Gerst wird Kommandant der ISS

Seit ein paar Tagen sind Anekdoten wie diese wieder gefragt. Seit klar ist, dass Gerst für eine weitere Mission ins Weltall zurückkehren wird. Dieses Mal sogar als Kommandant der internationalen Raumstation ISS. Seither ist der Astronaut wieder ein äußerst beschäftigter Mann. Wer mit ihm sprechen will, braucht viel Geduld. Er habe Termine, man müsse verstehen, heißt es bei der European Space Agency, kurz Esa, in Köln. Fernsehen, Radio, Trainingseinheiten, überall wird jetzt seine Anwesenheit verlangt. Hat man den 40-Jährigen dann am Telefon, gilt es, viele Fragen in kurzer Zeit zu stellen. Trotzdem wirkt Gerst ruhig und freundlich, versucht, seinem Gesprächspartner auf Augenhöhe zu begegnen. Man könnte sagen, dass dieser Mann bodenständig ist, kein bisschen abgehoben. Wenig originell, solche Floskeln für einen Raumfahrer zu benutzen. Doch bei Gerst treffen sie zu. Er ist kein Selbstdarsteller, er hat eine Mission. Auch, wenn er gerade auf der Erde weilt.

In zwei Jahren dann soll Gerst erneut ins All starten, voraussichtlich von Mai bis November 2018. Damit ist er der dritte deutsche Astronaut auf der Raumstation ISS und der erste, der dort das Kommando übernimmt. Drei Monate lang wird Gerst eine Vorrichtung leiten, die er selbst als „komplexeste Maschine in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnet. Die in 400 Kilometern Höhe um die Erde rast. So schnell, dass die Besatzungsmitglieder alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang erleben. In dem die Mitglieder dutzende Experimente betreuen, die in der Schwerelosigkeit durchgeführt werden. Zum Beispiel, wie die Wurzeln von Pflanzen wachsen, wenn man ihnen den Sinn für oben und unten nimmt.

Und wie ist das so, Deutschlands Mann im All zu sein? Gerst nennt es eine großen Ehre, so viel Verantwortung in seine Hände gelegt zu bekommen. Obwohl man ihm den Stolz durchaus anmerkt, will er sich nicht in den Mittelpunkt stellen. Er sagt dann sehr bescheidene Sätze. Dass über 100.000 Menschen direkt und indirekt an der ISS mitgearbeitet haben. Dass er alle Auszeichnungen, wie das Bundesverdienstkreuz, als Stellvertreter für das gemeinsame Werk entgegennehme. Auch für den Mann, der seinen Raumanzug genäht hat. Solche Sätze eben.

Dass er sich vor der ersten Mission gegen fast 9000 Bewerber für das Astronautenprogramm durchsetzen musste? Auf solche Dinge kommt Gerst von sich aus nicht zu sprechen. Oder darauf, dass er als studierter Geophysiker und Vulkanologe noch einmal eine ganze Reihe von Ausbildungen absolvieren musste. Ausbildungen, die für ein paar Lebensläufe gereicht hätten.

Astronauten sind Mechaniker, Sanitäter, Biologen, Kommunikationsexperten. Alles in einem. Gerst und seine Kollegen müssen topfit und psychisch belastbar sein, in den brenzligsten Situationen einen kühlen Kopf bewahren. So steht es auf den Jobbeschreibungen der Raumfahrtbehörden Esa und Nasa. Schließlich ist die Besatzung auf sich allein gestellt, trotz dauerndem Kontakt mit den verschiedenen Bodenstationen. Bei einem unlösbaren Krankheitsfall bleibt nur die Reise mit der Rettungskapsel nach unten. Und auch die birgt Gefahren. „Sie können sich ja vorstellen, wie wenig witzig das sein muss, wenn man mit einem Blinddarmdurchbruch in der Rettungskapsel sitzt und das Fünffache des Körpergewichts auf einen runterdrückt“, hat er dazu in einem Interview gesagt.

Alexander Gerst: Ein Sympathieträger für die Raumfahrt

Und dann sind da die schönen Dinge, die man wohl nie mehr vergisst: der Blick auf die Sterne, die Milchstraße, die Erde. Die hauchdünne Atmosphäre, die sich wie ein Seidentuch um den Planeten legt. Es sind Erfahrungen, die Gerst geprägt haben. Weil man, wie er sagt, sehr klein und bescheiden werde, wenn man die Erde von oben sieht. Und weil man in diesen Momenten auch erkenne, „wie zerbrechlich unser kleiner Blauer Planet ist“.

Gerst weiß, dass sich viele Menschen das alles nicht vorstellen können. Darum will er sie an seiner Mission teilhaben lassen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter hat „Astro-Alex“ fast täglich kleine Anekdoten seiner ersten Reise ins All verbreitet. Berichtet, dass er gerade einen alten Freund getroffen hat – den Mond. Oder scherzt, kurz vor seinem Rückflug zur Erde: „Ich werde die Rückwärtssaltos beim Zähneputzen vermissen.“ Und er schickt Bilder – faszinierende, berührende, erschreckende Bilder. Vom Sonnenaufgang aus dem Orbit, von Vulkanen in den Anden, von den Explosionen über dem Gazastreifen, die man vom All aus sehen kann. Gerst ist Botschafter – und ein Sympathieträger, wie ihn die Raumfahrt lange nicht hatte. Einer, der auf Podiumsdiskussionen fast wirkt wie ein Schuljunge, der seine Zuhörer am Ärmel packen und mitnehmen möchte auf seine Reise. Der jedem zeigen will, was man lernen kann in der Endlosigkeit des Weltalls.

Schon vor seiner ersten Reise ins All haben ihn Kamerateams bei den Vorbereitungen begleitet. Sie haben gezeigt, wie er Russisch lernt, in weniger als drei Monaten. Wie er im Space Center in Houston dutzende Tauchgänge im ISS-Nachbau absolviert. Wie er von Zentrifugen umhergeschleudert wird, wochenlang beim Überlebenstraining in der eiskalten Einöde Russlands ausharrt.

Alexander Gerst im Raumanzug, im Außeneinsatz an der ISS.
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Alexander Gerst: Ein deutscher Astronaut auf der ISS
Foto: Alexander Gerst, ESA/NASA (dpa)

Nach seinen sechs Monaten auf der ISS hatte er dann, bei allem Abenteurergeist und Entdeckerdrang, bei aller umwerfenden Aussicht, auch mal genug vom All. „Ich habe mich am Ende nach ganz einfachen Dingen gesehnt. Zum Beispiel, zu spüren, wie es ist, wenn man sich in einen Sessel fallen lässt. Oder sich im Bett herumzudrehen.“ Im All sei man dauernd schwerelos, dauernd entspannt. Da merke man erst, wie schön es sich anfühlen kann, wenn man in den Polstern versinkt.

Nach der Rückkehr auf die Erde ist Gerst plötzlich ein Popstar

Im November 2014 rast Gerst mit seinen Kollegen in der kleinen Sojus-Kapsel zurück zur Erde. Und ist dort plötzlich so etwas wie ein Popstar. Zur Willkommensparty in seiner Heimatstadt Künzelsau kommen rund 10.000 Menschen, er wird Ehrenbürger.

Er ist sich bewusst, dass er als Weltraumfahrer ein großes Privileg genießt. Dass er derjenige ist, der den interessantesten Job übernimmt, der bei den zig Milliarden Euro Forschungsgeldern, die in die Raumfahrt investiert werden, entsteht. Über eines ist Gerst dennoch froh: „Mit meinen Freunden gibt es auch Abende, an denen das Wort ,Weltraum‘ kein einziges Mal fällt. Das brauche ich als Ausgleich.“

Doch Gerst muss jetzt Schluss machen. Weitere Pressegespräche stehen an. Und die Vorbereitungen auf sein neues Abenteuer, die bereits begonnen haben. Für seinen Job als Kommandant muss er lernen, eine Sojus-Rakete und deren Kapsel zu steuern. Dafür wird er voraussichtlich bis Oktober öfter im Trainingslager sein. Und bis zum Missionsstart wieder rund um den Erdball reisen – Köln, Moskau und Houston. Wenn es im Mai 2018 wieder mit der Trägerrakete Richtung Himmel geht, wird er wieder Speisen in Breiform zu sich nehmen und komplett auf Alkohol verzichten müssen. Zweieinhalb Stunden am Tag Sport treiben, um dem Muskelschwund in der Schwerelosigkeit zu entgehen. Er wird kaum Privatsphäre besitzen, mit fünf anderen Astronauten auf engstem Raum forschen und die ISS warten. Er wird wieder am Arbeitsplatz mit dem besten Ausblick der Welt sein.

Hat ihn schon wieder das Fernweh gepackt? Es folgt eine für Gerst typische Antwort: „Wir Astronauten müssen uns bereithalten für die Missionen. Unsere persönliche Vorfreude spielt da keine Rolle für die Planung.“ Und fügt dann doch noch hinzu: „Aber natürlich freue ich mich sehr, dass ich noch einmal fliegen darf.“

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