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Stuttgart 21
26.10.2019

Fast erblindeter Stuttgart-21-Gegner Wagner bereut seinen Protest nicht

Foto: Ulrike Bäuerlein

Exklusiv Dietrich Wagner ist durch einen Wasserwerfereinsatz zum Gesicht des Stuttgart-21-Widerstandes geworden. Denn er erblindete fast. Zehn Jahre später spricht er über sein neues Leben.

Als das Bild des Mannes mit den blutigen Augen am Abend des 30. September 2010 in der Tagesschau zu sehen war, brannte es sich sofort in das kollektive Gedächtnis der Republik als das Symbolbild des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 ein. Der massive Polizeieinsatz im Schlossgarten, später als „Schwarzer Donnerstag“ bekannt geworden, formierte den Widerstand in der Stuttgarter Stadtgesellschaft erst so richtig und löste die Montagsdemonstrationen aus, bei denen Hunderttausende auf die Straßen gingen.

Seit zehn Jahren ziehen die Gegner von Stuttgart 21 durch die Stadt

Seit zehn Jahren ziehen die S21-Gegner jeden Montag durch die Stadt. Erstmals am 26. Oktober 2009, das nächste Mal am kommenden Montag. Es ist das 487. Mal. Auch die Dauer-Mahnwache vor dem Hauptbahnhof gibt es noch. Damit gehört die Protestreihe zu den am längsten andauernden Bürgerprotesten großen Umfangs in Deutschland. Die Teilnehmer fordern statt des unterirdischen Durchgangsbahnhofs einen optimierten Kopfbahnhof, der ihrer Ansicht nach billiger, sicherer und leistungsfähiger ist und sich trotz der längst fortgeschrittenen Bauarbeiten noch umsetzen ließe. Natürlich, es sind bei den Montagsdemos weniger geworden mit den Jahren, oft nur noch ein paar Hundert. Aber meistens ist der Mann von dem Foto aus dem Jahr 2010 dabei. In der Hand einen Blindenstock, an den Armen zwei gelbe Binden.

Dieses Bild von Dietrich Wagner, damals 66 Jahre alt, prägte sich ins kollektive Gedächtnis ein.
Foto: Marijan Murat, dpa

Dietrich Wagner, 75 Jahre alt, kommt pünktlich zum Gespräch im Café im Stuttgarter Westen. Er wohnt mit seiner langjährigen Partnerin unweit von hier, seit langem schon, kennt alle Straßen, Ecken und Zebrastreifen, kann sich orientieren. Das hilft ihm, ein Stück Unabhängigkeit zu bewahren. Dietrich Wagner ist so gut wie blind.

An jenem Donnerstag zerschoss ihm der Strahl eines Wasserwerfers aus 13 Metern Entfernung die Augen. Lider und Netzhaut zerrissen, Augenbodenbruch, die Linsen zerstört. Das linke Auge bleibt blind und nimmt nur schwach Licht wahr, das rechte hat einen minimalen Rest an Sehkraft. „Es wird von Jahr zu Jahr schlechter“, sagt Wagner. Ob der Zucker, den er in seinen Kaffee nimmt, in die Tasse rieselt oder daneben, erkennt Wagner nicht. Auch den Fortschritt des bekämpften Bauprojekts kann Wagner nicht sehen.

Wasserwerfereinsatz: Baden-Württemberg zahlte Dietrich Wagner 120.000 Euro Entschädigung

Die riesige Baugrube, aus der die Stelen wachsen, die später das Dach des neuen Bahnhofs tragen sollen. Oder den ausgebeinten traurigen Rest des alten Bahnhofsgebäudes. „Ich sehe natürlich, dass das eine Riesenbaustelle ist. Aber richtig verfolgen kann ich das nicht. Ich kann mir es mehr mit meinem Spatzenhirn vorstellen“, sagt er. „Aber zum Leidwesen meiner Frau kann ich in ganz kurzen Abstand erkennen, ob eine Frau hübsch ist oder nicht“, berichtet er lächelnd. Wagner spricht bedächtig, überlegt lange, bevor er in langen Linien antwortet, und lacht ab und zu; über sich selbst, über die kleinen Scherze, die er gerne macht.

Zum Lachen aber ist seine Lebenssituation seit dem „Wasserwerferüberfall“, wie er es nennt, nicht. Er wurde in ein anderes Leben geschossen, für das es keine Pläne gab. Von den 120.000 Euro Entschädigungszahlung, die das Land Baden-Württemberg Dietrich Wagner nach jahrelangem Prozessieren wegen unverhältnismäßigen Polizeieinsatzes bezahlt hat, ist die Hälfte schon verbraucht. „Ich war früher selbstständig und habe nie viel einbezahlt, deshalb ist meine Rente ziemlich gering.“ Das Sozialamt stockt die Rente auf, Wagners Partnerin ist ebenfalls Kleinrentnerin. „Wir sind keinen großen Lebensstandard gewöhnt“, sagt er. Es klingt nüchtern, nicht bitter.

Dabei kam Wagner, der 2010 gerade das Berufsleben hinter sich gelassen hatte und sich mit seiner Frau auf die neue Freiheit des Rentnerdaseins freute, mehr aus Neugier zum Protest gegen das Mega-Bahnprojekt in Baden-Württemberg. Er wollte eines Tages nur am Bahnhof mal schauen, was da so los ist. „Da kam ich erst morgens um drei oder halb vier zurück, ich hatte hochinteressante Gespräche mit den Gegnern. Ich dachte: Die Leute haben recht. Und dann habe ich gedacht, gut, protestierst du auch dagegen.“ So kam er auch zur Demo in den Stuttgarter Schlossgarten, eigentlich zunächst eine harmlose Schülerdemonstration gegen das Fällen der Bäume, die auf ein schwer bewaffnetes Polizeiaufgebot stieß und eskalierte.

Dietrich Wagner: Nach dem Unfall bei den Stuttgart-21-Protesten hatte er "eine Scheißwut auf diesen Staat"

Noch ein Jahr nach dem „Schwarzen Donnerstag“ nannte Dietrich Wagner das Polizeivorgehen in einem Interview eines der „schlimmsten Verbrechen, das der gesamtdeutsche Staat seit dem Zweiten Weltkrieg verübte“. Zumindest die Wut ist ein wenig abgeklungen. „Nein, ich hadere nicht mehr damit“, sagt der Rentner heute. „Ich habe mittlerweile etwas Frieden mit unserem zuweilen merkwürdigen Staat geschlossen.“ In China, so meint er, hätten sie ihn vielleicht gleich über den Haufen geschossen oder er wäre in einem Lager verschwunden. „Aber damals hatte ich eine Scheißwut auf diesen Staat und habe überlegt, ob er überhaupt besser ist als die DDR der letzten Jahre.“

Nur bei einem bleibt er eisern: Noch immer hält er das Projekt Stuttgart 21 für „einen mehr oder weniger korrupten Vorgang, bei dem sich die Macht- und die Geldkreise durchgesetzt haben“, sagt er. Auch deshalb geht er noch zu den Montagsdemonstrationen. Und dann ist da die Familie der Demonstranten in zehn Jahren zusammengewachsen. „Man hat im Lauf der Jahre Freunde gewonnen, die man da wiedersieht und sprechen kann“. Diese Familie hat ihn auch aufgefangen nach der Verletzung. Es gab viel Solidarität, auch kleine Spenden. „Ich hab viel Zustimmung gefunden, es hat mich gestützt, dass ich wusste, dass viele Menschen hier mit mir Hand in Hand gehen“, erklärt er. Das helfe ungemein. „Ich wüsste nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich allein gewesen wäre.“

Dietrich Wagner heute zu Stuttgart 21: "Jetzt soll man es in Gottes Namen fertig bauen"

Doch Wagner ist eben nicht nur Demonstrant. Er ist Pragmatiker, Ingenieur. Und Schwabe dazu. „Jetzt sind fast drei Viertel fertig gebaut, da soll man es in Gottes Namen fertig bauen, sonst wäre das ganze Geld umsonst rausgeschmissen“, sagt er über den Bahnhofsumbau – wohlwissend, dass er unter den Protestlern mit dieser Meinung ziemlich alleine dasteht. Doch die meisten Tunnel sind gebaut, die ersten Stützen für die Dachkonstruktion stehen und Verträge schon lange unterschrieben. „Ich bin sicher kein Unterstützer von Stuttgart 21 geworden. Aber bis jetzt wurden den Menschen acht oder neun Milliarden Euro dafür aus der Tasche gezogen, die wären völlig verloren, wenn man aufhört.“

War der Protest im Schlossgarten der Fehler seines Lebens? „Was hab ich denn für einen Fehler gemacht? Eigentlich keinen. Ich habe demonstriert für eine bessere Demokratie“, sagt Wagner. „Die Demokratie muss jeden Tag neu erobert werden. Dafür etwas zu opfern, kommt den wenigsten Bundesbürgern in den Sinn“, sagt Dietrich Wagner. Ob dieses Opfer etwas bewirkt hat, ist die Frage, die ihn am meisten beschäftigt. „Wenn es was Positives bewirkt hätte, könnte man ein Auge zudrücken und blind einigermaßen zufrieden weiterleben. Dann hätte es einen Sinn gehabt. Aber sicher“, sagt Wagner, „sicher bin ich mir nicht.“

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