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USA
11.11.2016

Die Route 66 - mehr als nur eine Straße

Die Route 66: mehr als nur eine Straße.
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Die Route 66: mehr als nur eine Straße.
Foto: Jens Schmitz

Die Route 66 verbindet den Osten mit dem Westen der USA. Sie gilt als Inbegriff des amerikanischen Lebensgefühls. Wie es einem Friseur gelang, sie vor dem Verfall zu retten.

Die 500-Seelen-Gemeinde Seligman liegt im staubigen nirgendwo des US-Bundesstaates Arizona. Ihr 89-jähriger Friseur Angel Delgadillo hat sie nur zweimal verlassen. Das macht ihn zu einer Art lebendigem Geschichtsbuch. „Ich wurde an der alten Route 66 geboren“, sagt er und blickt auf den Asphalt vor dem Fenster seines Geschäfts. Die auch „Mother Road“ (Mutter-Straße) genannte Strecke ist nur wenige Monate älter als er – und kaum wegzudenkender Teil amerikanischer Kulturgeschichte.

Heute vor 90 Jahren erhielt die fast 4000 Kilometer lange Ost-West-Verbindung von Chicago bis Santa Monica ihre offizielle Straßennummer. Eine Art Geburtsdatum. Dass es aber die legendäre Route 66 überhaupt noch gibt, das verdankt die Welt auch Seligmans Friseur.

Route 66: Atemberaubende Landschaften, chromblitzende Autos

Delgadillos Eltern waren 1917 aus Mexiko nach Seligman gekommen. Von 1926 an wurde die Ost-West-Verbindung als „US Highway 66“ ausgebaut, oft auf bestehenden Straßen. So kam es, dass die Route 66 durch Delgadillos Geburtsort führte. Der lebte damit an einer von Sehnsüchten überladenen Verkehrsverbindung, wie sie ihres Gleichen sucht. Die Route 66 steht für atemberaubende Landschaften, chromblitzende Autos, für Freiheit. Für die USA.

Die U.S. Highway Association bewarb sie als „Main Street of America“ (Hauptstraße Amerikas). Als erster Highway, also als Hauptverkehrsstraße, war sie 1938 durchgängig asphaltiert. In den 30er Jahren reisten bereits Hunderttausende auf ihr vom Landesinneren in Richtung Westen – in der Hoffnung auf einen Neubeginn im „gelobten Land“. Später fuhren Kriegsheimkehrer, Weltenbummler, Touristen auf ihr.

Angel Delgadillo aus Arizona ist fast so alt wie die Route 66.
Foto: Jens Schmitz

"Route 66" Inbegriff amerikanischer (Auto-)Kultur

1946 setzte der Songwriter Bobby Troup der Straße mit dem Lied „(Get Your Kicks on) Route 66“ ein Denkmal. Künstler wie Chuck Berry, Nat King Cole, die Rolling Stones oder Diana Krall interpretierten das Lied. Nicht zuletzt zementierte die TV-Sendung „Route 66“ in den 60er Jahren ihren Ruf als Inbegriff amerikanischer (Auto-)Kultur.

Angel Delgadillos Vater war einst als Eisenbahnarbeiter nach Seligman gekommen, später eröffnete er einen Frisiersalon. Angel Delgadillo trat in seine Fußstapfen – für Kundschaft sei schließlich am viel befahrenen Highway immer gesorgt. Dachte er. Es kam anders. In den 70er Jahren führten neue, größere Highways an den kleinen Gemeinden an der alten Route 66 großräumig vorbei. 1978 traf es Seligman: „Am 22. September um 14.30 Uhr sah ich diesen Ort sterben“, sagt Delgadillo. „Der ganze Verkehr floss zur I-40.“ Das Dorf hatte vom Durchgangsverkehr gelebt, von Hotels, Tankstellen, Gastronomie. „Jetzt folgte ein sehr langer Niedergang. Sie können sich nicht vorstellen, wie desolat es hier aussah!“ 1985 hob die U.S. Highway Association die Bezeichnung „U.S. Highway 66“ auf – das offizielle Ende einer Legende. Die Straße verfiel zusehends, und mit ihr die angrenzenden Ortschaften.

Delgadillo will Arizona Wirtschaft und Tourismus zurückbringen

Delgadillo wollte das nicht hinnehmen. Mit 14 Mitstreitern gründete er am 18. Februar 1987 in Seligman die „Historic Route 66 Association of Arizona“; er wurde ihr Präsident. Das Ziel: Wirtschaft und Tourismus zurückbringen, die Strecke erhalten. Bereits im November 1987 erklärte der Bundesstaat Arizona den Streckenabschnitt von Seligman ins eine Stunde westlich gelegene Kingman zur „Historic Route 66“, zur historischen Route 66 – ein Titel, mit dem sich nicht nur auf Schildern werben ließ. Zur dreitägigen Einweihung im April 1988 kamen mehr als 150 Oldtimerbesitzer. Und Songwriter Bobby Troup. Noch im selben Jahr kehrten die Touristen zurück.

Heute gibt es in allen acht US-Bundesstaaten, durch die die Straße verläuft, Menschen, die sie wiederbeleben wollen. Es ist bitter nötig, denn mancherorts ist nicht einmal mehr Asphalt übrig, stattdessen Schlaglochpassagen oder Streckenabschnitte, die über gesperrten Privatbesitz führen.

Mit den Touristen kamen die Souvenirläden. Spötter veralbern Troups berühmtes Lied daher als „Get your Kitsch on Route 66“. Kitschige Souvenirs, die an die vermeintlich guten alten Zeiten – an Rock ’n’ Roll und James Dean – erinnern, sind überall zu kaufen. Genau das mache den Charme der Strecke inzwischen aus, meint Angel Delgadillo. Aus aller Welt kämen Menschen und seien glücklich. „Ich glaube, viele sind vom Tempo der modernen Welt überfordert. Sie sehnen sich danach, einen Gang runterzuschalten“, sagt er.

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