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Baden-Württemberg

11.01.2014

"Abscheuliche Gräuelpraktiken": Streit über Homosexualität im Unterricht

Der Streit um das Thema Homosexualität im Unterricht spitzt sich zu.
Bild: Daniel Bockwoldt (dpa)

Die Pläne von Kultusminister Andreas Stoch zu einer Reform der Sexualerziehung an Schulen erhitzen die Gemüter. Vor allem im Internet läuft die Debatte langsam aus dem Ruder.

Der politische Streit um die Vermittlung von Toleranz gegenüber Homosexuellen in den baden-württembergischen Bildungsplänen verleiht der Online-Petition zu diesem Thema Flügel. Allein in der Nacht zum Freitag haben 8000 Menschen die Initiative des Realschullehrers Gabriel Stängle unterzeichnet. Die Zahl der Unterstützer ging am Freitag auf die 90 000 zu. Im Internet wächst sich die Debatte zu einer Woge aus sachlicher Kritik an den grün-roten Plänen und Hasstiraden aus.

Homosexualität: "Gehirnwäsche" in der Schule?

Das Thema Homosexualität im Unterricht treibt die Emotionen hoch. Das zeigen die Kommentare zu der Petition im Internet. Da ist von „Anmaßung des Staates gegenüber Kindern und Eltern“ die Rede. Ein Gegner will seine „Kinder nicht von verdorbener Moral belastet sehen“. Ein anderer warnt vor „Sodom und Gomorra“. Es wird über „abscheuliche Gräuelpraktiken“ und „Gehirnwäsche“ gehetzt.

Neuer Umgang mit sexueller Vielfalt im Unterricht gewünscht

Der SPD-Abgeordnete Stefan Fulst-Blei ist erschüttert über solche Kommentare: „Ich frage mich, wie solcher Hass auf Schwule und Lesben wirkt.“ Der Mannheimer Abgeordnete hat schon im Sommer viele Hass-Mails bekommen, als er erstmals die Forderung nach einer anderen Sicht auf sexuelle Minderheiten im Unterricht erhob.

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Fulst-Blei wie Kultusminister Andreas Stoch (SPD) plädieren für einen „neuen Umgang mit sexueller Vielfalt“ im Unterricht. Die Schüler sollten über „die Pluralität von Lebensentwürfen und sexueller Ausrichtungen“ informiert werden. Genannt werden in dem Ministeriumspapier unter der Überschrift „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ die klassische Familie, Regenbogenfamilien, Singles, Paarbeziehungen, Patchworkfamilien und Ein-Eltern-Familien. Hitzlsperger bekennt sich zu Homosexualität

Realschullehrer Gabriel Stängle Initiator der Petition

Dass gegen den Urheber Stängle eine Dienstaufsichtsbeschwerde läuft, sorgt für zusätzliche Aufregung. Für Fulst-Blei ist er aber für die Hetze mitverantwortlich. Denn für Stängle zielen die Regierungspläne „auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an allgemeinbildenden Schulen“.

Er warnt vor einer Überbetonung der Interessen von sexuellen Minderheiten und verweist auf eine höhere Suizidgefährdung von homosexuellen Jugendlichen. Stattdessen müsse „der Schutz von Ehe und Familie als demokratische Errungenschaft verteidigt werden“.

Es geht nicht um die Thematisierung von Sexualpraktiken

Die Gegenposition bezieht der Stuttgarter Grundschulrektor Holger Henzler-Hübner, der den zwölfjährigen Sohn mit seinem Partner erzieht. Er war für die Lehrergewerkschaft GEW Mitautor eines Aktionsplans zur Verankerung des Themas im Bildungsplan. Es müssten „unter dem Aspekt Vielfalt von Lebensweisen unterschiedliche Lebensmodelle gleichwertig dargestellt werden“. In der Petition würden „Lügen verbreitet, Ängste und Vorurteile geschürt“. Es gehe eben nicht um die Thematisierung von Sexualpraktiken im Unterricht.

Homosexualität im Unterricht: Streit auch innerhalb der Parteien

Die politische Debatte verläuft an der Linie Gleichwertigkeit der Lebensentwürfe. CDU-Oppositionschef Peter Hauk schlägt sich auf die Seite Stängles und erhebt die „christlichen und abendländischen Bildungs- und Kulturwerte“ zur Erziehungsnorm. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke vermisst ein Bekenntnis zur Familie: „Mann-Frau-Kind kommt dem Idealbild am Nächsten.“

Die eigene Partei ging auf Distanz. In einer Mitteilung betont das Präsidium der Südwest-FDP, dass „gelebte gesellschaftliche Toleranz für uns Liberale ganz selbstverständlich die Gleichstellung von schwulen und lesbischen Lebenspartnerschaften bedeutet“. Ungewöhnlich scharf kritisiert der Chef der Jungen Liberalen Rülke. „Ich schäme mich für die Aussagen von Herrn Rülke“, erklärt Sebastian Gratz. Der FDP-Nachwuchsmann spricht von „diskriminierenden Äußerungen“, die Sand im Getriebe der neuen FDP seien. Viel Zuspruch für Hitzlsperger

SPD und Grüne auf einer Linie

Das kann die politische Konkurrenz kaum toppen. Rülkes Äußerungen seien „einer sich liberal nennenden Partei nicht würdig“, sagt SPD-Generalsekretärin Katja Mast. Für Grünen-Landeschef Oliver Hildenbrand diskreditiert Rülke Alleinerziehende wie Patchworkfamilien und lege „gesellschaftspolitisch den Rückwärtsgang ein“.

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