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Russland

16.10.2020

Aufruhr im Idyll: Alexej Nawalny macht Urlaub im Schwarzwald

Alexej Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Bild: dpa

Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny sucht nach seiner Vergiftung Erholung im Schwarzwald. Ein 360-Seelen-Dörfchen steht deswegen Kopf.

Die Idylle ist nahezu perfekt. Ein Dorf inmitten des Schwarzwaldes. Weidelandschaften, Bauernhöfe, Kühe. Das örtliche Wirtshaus hat Betriebsferien, die Gaststätte ein paar hundert Meter weiter nur freitags und am Wochenende geöffnet. Unter der Woche rechnet man offenbar nicht mit Gästen. Das Dorf ist umgeben vom weitläufigen Hotzenwald, einer malerischen Hügellandschaft im Schwarzwald, die an diesem Morgen mit Sonne und blauem Himmel dem Bilderbuch zu entspringen scheint. Wären da nicht die vielen Polizeikastenwagen vor dem Gemeindehaus. Ein weißer Kombi steht in einer Kurve, ein Mann und eine Frau sitzen darin, beobachten die Straße. So etwas fällt auf in dem kleinen Dorf, wo sonst kaum Menschen unterwegs sind.

Nach seiner Vergiftung hält sich der russische Oppositionelle Nawalny im Schwarzwald auf.
Bild: Philipp von Ditfurth, dpa

Kurz zuvor war ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz, von Personenschützern umringt, aus der Tür eines Hauses getreten und schnell in eine von zwei großen schwarzen Limousinen gestiegen. Gerade sind die beiden Wagen aus dem Dorf gefahren, die Scheiben seitlich schwarz getönt. Der Mann ist Alexej Nawalny, russischer Staatsfeind und Vergiftungsopfer, er hat sich in einer Ferienwohnung in Ibach in Baden-Württemberg eingemietet.

Das Gemeindehaus wurde kurzerhand zur Einsatzzentrale der Polizei eingerichtet. Immer wieder gehen Männer und Frauen in Zivil, mit kleinen durchsichtigen Kabeln am Ohr, ein und aus. Polizisten springen aus den Kastenwagen, sobald sich jemand nähert. Das 360-Seelen-Dörfchen ist diesen Aufruhr nicht gewöhnt. Mobiles Internet erwartet man hier ja gar nicht. Wenn jemand verraten will, dass Nawalny hier ist, braucht er ein Festnetz-Telefon. Dass der Kremlkritiker sich hier aufhält, weiß trotzdem fast jeder hier.

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Nawalny: Eine Drohne surrt, Polizisten rasen den Berg hinauf

Nawalnys Bilder gingen um die Welt, nachdem er in der Charité behandelt wurde. Dass er im August Opfer eines Giftanschlags wurde, hat selbst die Organisation für das Verbot chemischer Waffen inzwischen zweifelsfrei bestätigt. Inzwischen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen und steht unter Personenschutz.

Eine Bäuerin, die auf einer Weide unweit vom Gemeindehaus einen Unterstand ausmistet, hebt abwehrend die Hände: „Ich will mich nicht dazu äußern“, sagt sie. Ein Esel kommt neugierig an den Zaun, die Frau selbst hält Abstand. „Wer hat da nur geredet“, fragt sie sich: „Wir wollen hier unsere Ruhe.“

Doch mit der Ruhe ist es an diesem Mittag nicht weit her. Eine Drohne surrt über das Dorf. Eilig spurten Polizisten in Kastenwagen, rasen den Hügel hinauf, Richtung Wald. In der Kurve hält der Wagen abrupt an, mehrere Beamte lehnen sich aus dem Fahrzeug, blicken in den Himmel. Als der ehrenamtliche Bürgermeister eintrifft, wird er von zwei Fernsehteams und ein paar Reportern umringt. Helmut Kaiser gibt sich Mühe, dem Medienrummel um das kleine Dörfchen gerecht zu werden. „Es ging alles so schnell“, sagt Kaiser, offensichtlich selbst noch etwas überrumpelt von der Situation. Der ehrenamtliche Bürgermeister bestätigt: „Wir haben hier in Ibach eine Person, die sehr hohen Personenschutz hat. Der macht hier Urlaub mit seiner Familie.“

Die Polizei hat die Gemeindehalle in Beschlag genommen

Warum ausgerechnet hier, mitten im Schwarzwald, in einem winzigen Dörfchen? „Das sehen Sie alle, es ist schön hier, Ibach hat einen hohen Erholungswert.“ Das habe sich schon bei anderer Politprominenz herumgesprochen: Die früheren Bundespräsidenten Karl Carstens und Horst Köhler (beide CDU) waren schon hier, erzählt Kaiser. Bekannt wurde das Dorf auch als Domizil der gestorbenen Sektenchefin „Uriella“. Der neue Gast werde wohl „eine geraume Zeit“ da sein. Ob er bestätigen könne, dass es sich um Nawalny handele? Aus Personen- und Datenschutzgründen könne er das nicht, sagt Kaiser. Doch dann: „Presseberichten zufolge handelt es sich um Nawalny.“

Der Bürgermeister kündigt an, er wolle seine Bürger offiziell informieren und um Verständnis für den Gast werben. Es seien besorgte Anrufe eingegangen. Für die Gemeinde selbst bringt der Besuch durchaus gewisse Einschränkungen mit sich. Wie der Bürgermeister berichtet, hat die Polizei sowohl den Sitzungssaal des Rathauses als auch die Gemeindehalle als Hauptquartier in Beschlag genommen. Letzteres bedeutet einen Eingriff ins Vereinsleben, das ihm als Bürgermeister sehr am Herzen läge, so Kaiser. Für den Musikverein sucht man gerade einen Proberaumersatz.

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17.10.2020

Na denn gute Erholung Herr Nawalny - von seinen "Freunden" (ganz selbstlos natürlich) gesponsert und von der Polizei beschützt.

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