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Ein Jahr danach
13.11.2016

Mein Leben ohne Matthieu nach dem Anschlag im "Bataclan"

„Mein Alltag ist alles andere als einfach, aber ich weiß, dass meine Fähigkeit zu lieben intakt ist“: Aurélie Silvestre hat im Musikklub „Bataclan“ ihren Freund verloren.
Foto: Brigitte Baudesson

Aurélie Silvestre ist schwanger, als ihr Freund im Musikklub „Bataclan“ ein Konzert besucht. Er schickt ihr noch eine SMS. Dann wird er ein Opfer des Terrors. Ein Jahr ist das her.

Es reiht sich ein in mehrere Bücher, mit denen Opfer oder Hinterbliebene schreibend versuchen, den Schmerz zu verarbeiten. Sie werden gelesen, weil diesen Schmerz auch Franzosen empfinden, die selbst niemanden verloren haben. Sie fühlen sich betroffen vom Comic „Mein Bataclan“, in dem ein 59-jähriger Grafiker sein Erleben der Mordnacht in der Konzerthalle schildert. Oder von dem Buch „Ein schönes Team“ („Une belle Équipe“) von Grégory Reibenberg, dem Betreiber der Bar „La Belle Équipe“, vor der 19 Menschen getötet wurden, darunter seine Frau. Andere Bücher befassen sich mit einer minutiösen Rekonstruktion der Geschehnisse oder dem „Kriegszustand in Paris“, den der Chef-Medizinier der Elite-Einheit Raid beschreibt.

„Ihr werdet meinen Hass nicht kriegen“ – mit diesen Zeilen in Richtung der Attentäter hat der Journalist Antoine Leiris das Land bewegt. Leiris’ Frau Hélène starb im „Bataclan“. Auch er hat ein Buch geschrieben, in dem er den Alltag mit dem gemeinsamen Sohn Malvin schildert. Es wurde ein Bestseller, sein Plädoyer für die Liebe und die „Notwendigkeit zu leben“, während die Welt weiter vom Terror erschüttert wird – Brüssel, Nizza, Istanbul. Gegen den Hass habe er nur eine Kerze, schreibt er. „An dem Tag, wo wir keine Kerzen mehr anzünden, werden wir wie sie geworden sein.“

Die Bilder der Gedenkfeier in Frankreich
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Frankreich gedenkt der Terroropfer von Paris
Foto: afp, dpa

Die Pariser leben ihr Leben weiter. Die damals betroffenen Bars und Cafés haben längst wieder geöffnet. Erst bei genauem Hinsehen fällt im Restaurant „Casa Nostra“ das Blatt an der Wand mit den Worten „Peace, Love, Freedom, together“ auf. Auch im Café „La Bonne Bière“ herrscht normaler Betrieb, und nur sehr vorsichtig will Betreiberin Audrey Bily über den 13. November sprechen. „Wir sind doch in erster Linie Gastronomen…“

Er wünscht sich eine tolerantere Gesellschaft

Es passt ins Bild, dass die Gedenkfeiern am Sonntag mit Präsident Hollande und der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo ausgesprochen leise inszeniert sind, ohne die sonst obligatorischen Reden von Amtsträgern. Nur vor dem Stade de France wird gesprochen. Michael Dias erinnert sich an die ersten Nachrichten an dem verhängnisvollen Abend. „Zum Glück gab es nur einen Toten. Ich war weit davon entfernt, mir vorzustellen, dass das einzige Opfer mein Vater sein könnte.“ Der damals 63-jährige Chauffeur Manuel Dias hatte vor dem Stadion auf eine Gruppe Fußballfans gewartet. Erhobenen Kopfes wolle er weitermachen, sagt der Sohn des Getöteten, der einst als junger Mann aus Portugal eingewandert ist. Aber er wünsche sich auch eine tolerantere Gesellschaft: „Bildung und Integration ist der Schlüssel.“

Wenig später vor dem „Bataclan“ steht in der Besuchermenge Jesse Hughes, der Sänger der „Eagles of Death Metal“. Nach scharfer Kritik am Sicherheitspersonal, das er sogar der Zusammenarbeit mit den Terroristen verdächtigt hatte, hat er sich mit der Direktion des Musikklubs überworfen. „Es gibt Dinge, die man nicht vergisst“, sagt Jules Frutos, einer der „Bataclan“-Chefs. Als Hughes und ein Bandmitglied am Samstagabend in den Klub wollen, werden sie abgewiesen.

Terror, Flugzeugabstürze, Erdbeben - 2015 sorgten schreckliche Katastrophen mit vielen Toten weltweit für Entsetzen und Trauer.
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Jahresrückblick 2015: Diese Katastrophen erschütterten die Welt
Foto: Denis Bois, afp

Sting beginnt mit einer Schweigeminute

Auch so wird dieser Abend denkwürdig. Zur offiziellen Wiedereröffnung nach einem Jahr Renovierungsarbeiten sind unter den 1500 Gästen etwa 250 Überlebende und Angehörige von Opfern. Es tritt auf: der britische Superstar Sting. Er beginnt mit einer Schweigeminute. „Wir haben heute zwei Aufgaben“, sagt er dann in fast perfektem Französisch. „Zum einen an jene zu erinnern, die beim Attentat vor einem Jahr ihr Leben verloren haben. Und dann das Leben und die Musik zu feiern, die dieser historische Konzertsaal repräsentiert.“ Sein erstes Stück treibt vielen Besuchern Tränen in die Augen: „Fragile“ – über die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Zum Ende seines Auftritts ruft er „Vive le Bataclan“, Es lebe das Bataclan, und verlässt die Bühne. Um noch einmal zurückzukehren und sein Lied „The Empty Chair“ über den 2014 von Dschihadisten im Irak hingerichteten US-Journalisten James Foley zu singen. „Ich widme diesen Song allen Familien, die jemanden verloren haben“, sagt er.

Menschen wie Aurélie Silvestre. Zu Sting ist sie nicht gegangen. Und doch hat sie gelernt, nach vorne zu sehen. Weiterzuleben. „All das hätte mich niederschmettern können. Aber nein. Meinen Kindern geht es gut, mir geht es gut. Mein Alltag ist alles andere als einfach, aber ich weiß, dass meine Fähigkeit zu lieben intakt ist.“ Einst hat sie Matthieu ein Versprechen gegeben: „Dass wir glücklich sind.“ Das gilt. Auch an jedem Tag, der auf den 13. November 2015 folgt.

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