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Für immer Besser-Wessi und Jammer-Ossi?

Für immer Besser-Wessi und Jammer-Ossi?
Kommentar Von Bernhard Junginger
01.10.2018

28 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik schwindet der gesellschaftliche Zusammenhalt. Wir müssen mehr miteinander reden als übereinander.

Dass die deutsche Einheit seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 als „vollendet“ gilt, ist ein wenig missverständlich. Formell, politisch, auf dem Papier, trifft das ja zu. Und es gibt auch allen Grund, diesen historischen Glücksfall der Wiedervereinigung jedes Jahr aufs Neue von Herzen zu feiern. Doch in der Lebensrealität vieler Menschen ist die deutsche Einheit eine unvollendete. Das gilt nach 28 Jahren noch und heute vielleicht sogar mehr denn je. Die Bruchlinien, die das Land durchziehen, werden immer zahlreicher. Und sie verlaufen keineswegs nur zwischen Ost und West.

Die gefühlte Spaltung der Gesellschaft nimmt zu

Die Spaltung der Gesellschaft, die gefühlte zumindest, nimmt eher zu. Arme und reiche Regionen, ob auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik oder in den neuen fünf Ländern, driften immer weiter auseinander. Stadt und Land entwickeln sich teils völlig gegensätzlich. In der Gesellschaft schwindet der Grundkonsens, die Bevölkerung fasert auf in kleinere und größere, einander mitunter leidenschaftlich ablehnende Gruppen und Grüppchen. Viele Bürger klagen, dass von dem seit Jahren anhaltenden Wirtschaftsboom vor allem die ohnehin Wohlhabenden profitieren.

Wo sich Menschen abgehängt fühlen, blühen Frust und Hass. Gerade der Zustrom von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren hat die Deutschen auf extreme Weise polarisiert. In der Politik werden die radikalen Ränder stärker. Die Menschen reden oft nur mehr übereinander, statt miteinander. Befördert wird das noch von den Filterblasen im Internet – in sozialen Medien bleibt man unter sich, bestärkt einander immer mehr in seiner Haltung. Anonyme Hasskommentare gegen Andersdenkende sind schnell geschrieben.

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Nationalfeiertag ist zum Nachdenken da

Wo Gruppen, die sich ablehnen, dann in der Realität aufeinandertreffen, kommt es zu echter Gewalt. Immer öfter machen Bilder der Enthemmung fassungslos: gewaltbereite Rechtsextremisten, die grölend durch Innenstädte ziehen und den Hitlergruß zeigen. Linke Chaoten, die beim G20-Gipfel eine Spur der Verwüstung durch Hamburg ziehen. Militante Umweltschützer im Hambacher Forst, die Polizisten mit Fäkalien bewerfen – welch ein Zeichen der Verachtung gegenüber dem Staat.

In einer Gesellschaft, die solchermaßen unter Druck geraten ist, muss der Nationalfeiertag mehr denn je Anlass zum Innehalten sein. Und zwar für alle Bürger, auf beiden Seiten der einstigen innerdeutschen Grenze. Jeder sollte sich selbstkritisch fragen, warum sich die Klischees der Nachwendezeit so hartnäckig halten. Wie das Bild vom „Besser-Wessi“, der stets klug daherredet und doch nur auf seinen wirtschaftlichen Vorteil aus ist. Sein ewiger Gegenpart: Der „Jammer-Ossi“, chronisch unzufrieden. Obwohl er doch statt Trabi endlich ein richtiges Auto fahren kann und jede Menge Fördergelder kassiert.

Tag der Deutschen Einheit ist ein starkes Symbol

Es lohnt sich, auch darüber zu reden, wie hart die Brüche nach dem Mauerfall sich oftmals auswirkten, auf das Schicksal Einzelner, auf Familien, ganze Dörfer, Städte und Regionen. Nur bei gegenseitigem Respekt kann wirklich zusammenwachsen, was zusammengehört – Deutsche aus West, Ost und solche, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben. Für diesen Prozess ist der Tag der Deutschen Einheit ein starkes Symbol. Steht er doch für die Überwindung eines Überwachungs- und Unrechtsstaats durch friedlichen Bürgerprotest. Für den unbändigen Freiheitswillen des Menschen, der Mauern und Zäune niederreißt. So ist die deutsche Einheit nicht nur ein vollendetes historisches Ereignis oder ein Datum aus den Geschichtsbüchern. Sondern die Verpflichtung, Trennendes zu überwinden, ein gemeinsames Ziel, ein Prozess der nie zu Ende ist.

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03.10.2018

Willy Brandt hat es doch beschrieben: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“.

Das entspricht Ihrer Eingangsthese, Herr Junginger. Damit ist bereits Alles gesagt: Zusammenwachsen braucht Zeit, Bereitschaft, sich miteinander zu befassen. Anzuerkennen dass die Einen den Zugang zur Bundesrepublik Deutschland als Antrag auf die Tagesordnung setzten und die Anderen diesem Antrag zugestimmt hatten.

Ohne Wenn und Aber. Ohne Vorbehalte in demokratietaugliche Bürger oder deren Untauglichkeit einzuteilen.

Natürlich war die eine Seite bestimmend. Bis in die politische Spitze der BRD. Der Ehrenwort-Kanzler hatte aber beschlossen, die zu regelnden Dinge in eigener Regie anzugehen. Das bedeutet, dass aus der Wiedervereinigung eben KEINE gesamtgesellschaftliche oder allparteienmäßige Aufgabe wurde. Nur einer durfte sich sonnen.

Und das Ausschwärmen der West-Buschtrommler zum Nachteil der Anderen war die Folge. Es galt in kürzester Zeit abzuräumen, was abzuräumen war. Zumal so auch wirtschaftliche Konkurrenz einfach beseitigt werden konnte. (Man lese dazu den Einheitsvertrag und seine Ausführungsbestimmungen: sehr aufschlussreich.)

Will sagen: die Entscheidung, KEINE gesamtgesellschaftliche Aufgabe auszurufen, war das, was uns den Alltag schwer macht. So wie manche Bestimmungen des Einheitsvertrages. Wie z.B. das Stichwort Rückübertragungen.

Nein, die Aufgabe des Zusammenwachsens ist nicht beendet. Es ist eine Generationen-Aufgabe.

Und die wird auf Dauer nur gelingen, wenn sich beide Seiten von Begriffen wie „Gut“ oder „Böse“ lösen. Weil die Einen nicht so ticken, wie die Anderen es sich vorstellen, die Nachkriegs-Systeme zum dauerhaften Geburtsfehler zu deklarieren, das geht halt nicht.

Es bedurfte und bedarf sichtbarer Anstrengungen in Sachen wehrhafte Demokratie. Das erlaubt keine politische jahrzehntelange Abwesenheit. Es erfordert politische Antworten zu geben und die wehrhafte Demokratie täglich mit unserem Grundgesetz als gültigen Maßstab lebendig zu halten.

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