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Interview

26.04.2019

Hilfswerk: Terror in Sri Lanka hat die Katholiken völlig überrascht

Mehr als 1000 Gläubige haben in der St.-Sebastian-Kirche auf Sri Lanka den Ostergottesdienst gefeiert, mindestens 102 kamen durch einen Terroranschlag ums Leben.
Bild: afp

Für Tobias Lehner von "Kirche in Not" zeigen die Anschläge von Sri Lanka ein Problem: Christen werden in vielen Ländern systematisch benachteiligt.

Herr Lehner, am Ostersonntag hat Sri Lanka eine Reihe von blutigen Anschlägen erlebt, die sich überwiegend gegen Christen richteten. Hat Sie das überrascht?

Tobias Lehner: Wir haben noch am Ostersonntag mit einem Bischof aus Sri Lanka gesprochen, mit Valence Mendis aus Chilaw, das 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Colombo liegt. Er hat uns gesagt, dass der Terror für die christliche Gemeinschaft völlig überraschend kam. Seit dem Ende des Bürgerkriegs vor zehn Jahren ist die Lage auf der Insel relativ ruhig geblieben – abgesehen von kleineren Übergriffen. Es hat die Katholiken dort unvorbereitet und brutal getroffen. Mittlerweile gibt es Nachrichten, dass die Geheimdienste etwas wussten über entsprechende Vorbereitungen. Darauf hat auch der Kardinal von Colombo hingewiesen und gefragt: Warum habt ihr uns nichts gesagt?

Bisher lebten die anderen Religionen friedlich mit den Christen zusammen. Wenn Hindus und Buddhisten im Streit lagen, versuchten die Christen zu vermitteln. Was lesen Sie aus dieser Terrorserie heraus?

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Lehner: Man muss eines sehen: Der Bürgerkrieg ist seit einem Jahrzehnt beendet. Doch ist die Lage seitdem weiterhin angespannt. Der Frieden ist brüchig. Der Grund liegt in der Spannung zwischen den Volksgruppen der Tamilen und der Singhalesen. Sie bekämpfen sich nach wie vor. Die Christen stehen dazwischen, weil ihre Mitglieder aus beiden Volksgruppen kommen.

Was können Sie als kleines Hilfswerk tun?

Lehner: Wir können vor allem drei Dinge tun: Wir beten, wir informieren und wir handeln. Kirche in Not ist eine päpstliche Stiftung, die auch geistlich bei den notleidenden Gemeinden weltweit steht. Wir rufen auch unsere Förderer immer wieder zum Gebet für verfolgte Christen auf. Dazu kommt die Information: Wir sehen es als unsere Aufgabe, dass wir pausenlos an jene Gläubigen erinnern, die verfolgt werden und nicht so frei leben können wie in Mitteleuropa. Wenn wir das nicht tun, geraten diese Christen in Vergessenheit – und das wäre das Schlimmste. Alle zwei Jahre bringen wir deshalb unseren Report „Religionsfreiheit weltweit“ heraus.

Und rein praktisch?

Lehner: Wir unterstützen vorrangig die pastorale Arbeit der Kirche, das heißt: dass sie seelsorgerisch bei den Menschen sein kann. Wir fördern unter anderem den Bau und den Wiederaufbau von Kirchen, unterstützen Klöster und Seminare und fördern auch die karitative Arbeit der Gemeinden.

Ihre Organisation hat den Überblick über Menschen, die aus religiösen Gründen verfolgt werden. In welchen Ländern trifft es Gläubige am härtesten?

Lehner: Zunächst nenne ich Nigeria, das schwer unter islamischem Terror leidet. Ich erwähne nur Boko Haram, das als gefährlichste Terrorsekte der Welt gilt. Millionen Menschen wurden durch Boko Haram heimatlos. Kinder haben ihr Eltern verloren. Kürzlich kamen Übergriffe von Nomaden auf Dörfer vor. In allen Fällen sind Christen am stärksten betroffen.

Nigeria ist auch eines der reichsten Länder Afrikas. Geht es tatsächlich um Religion – oder um Bodenschätze und Reichtum?

Lehner: Bei diesen Konflikten haben wir es mit einer Gemengelage zu tun. Es geht um Politik und um Besitzverhältnisse ebenso wie um Religion. Alles spielt zusammen. Die Extremisten arbeiten mit religiösen Kampfbegriffen, aber sie sind auch wirtschaftlich interessiert. Man muss sich eines klarmachen: Extremismus bedeutet, dass Muslime unter den Islamisten genauso leiden. Es trifft die gesamte Bevölkerung.

Wie beurteilen Sie die Lage im Nahen Osten?

Lehner: Dort können wir nach wie vor von einem Pulverfass sprechen. Die Zahl der Christen hat sich massiv reduziert. Im Irak lebten früher rund 1,4 Millionen Christen, heute sind es gerade noch 300.000. Auch in anderen Ländern des Nahen Ostens ist es angespannt. Christen haben in diesen Regionen oft keinen Fürsprecher. Das versuchen wir zu ändern.

Wie sieht es mit Israel aus? Dort hört man von einem schleichenden Exodus der Christen.

Lehner: In Israel sitzen die Christen oft zwischen den Stühlen. Immer wieder kommt es zu antichristlichen Straftaten, vor allem Vandalismus. Unsere Gesprächspartner beklagen, dass die Aufklärung nur schleppend vorankommt. Palästinensische Christen sehen sich oft massiven Behinderungen ausgesetzt, wenn sie die heiligen Stätten in der Altstadt von Jerusalem besuchen möchten. Sie fühlen sich von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen. Im Gazastreifen, wo heute nur noch 1000 Christen leben, sind einige sehr radikale islamische Gruppen aktiv, die mit Drohungen, manchmal auch konkreten Taten gegen die christliche Minderheit vorgehen.

Wie sieht es aus in Staaten, die ein antireligiöses Programm verfolgen? In Diktaturen?

Lehner: Es gibt Länder, die stark von politischen Ideologien geprägt sind. Ich nenne nur China. Dort gelten seit 2018 neue Vorschriften für religiöse Angelegenheiten. Sie sehen drastische Geldstrafen für religiöse Zeremonien vor, die staatlich nicht genehmigt wurden. Christen werden von der Kommunistischen Partei nicht mehr blutig verfolgt, doch haben sie nach wie vor mit Benachteiligung zu kämpfen. China bleibt für uns ein Sorgenkind.

Wenn wir nochmals Sri Lanka anschauen: Gibt es auch gewaltbereite Buddhisten oder Hindus?

Lehner: Man muss sehen, dass in jeder Religion gewaltbereite Gruppen auftauchen können. Sie sind durch Fanatismus verblendet. Wenn man nur an Myanmar denkt; dort verbinden sich buddhistische Strömungen mit einem Ultranationalismus, der sich gegen eine Minderheit wie die muslimischen Rohingya wendet. Gegen sie wurden schwere Verbrechen begangen. In Indien beobachten wir nationalistische Hindus, die auf Christen losgehen. Erst vor Ostern verzeichneten wir einen Übergriff auf eine christliche Schule, auch hier treten nationalistische Hindus als Drahtzieher in Erscheinung. Das Problem sind immer die extremen Ränder, die zur Gewalt greifen.

Soldaten der sri-lankischen Armee sichern das Gebiet um den St. Anthony's Shrine nach einer Explosion in Colombo. Foto: Eranga Jayawardena/Ap
11 Bilder
Sri Lanka steht nach Anschlägen unter Schock
Bild: Eranga Jayawardena/Ap, dpa

Wenn Sie einmal die vergangenen Jahrzehnte betrachten: Werden heute mehr Christen verfolgt wie noch vor zehn oder fünf Jahren?

Lehner: Die Christenverfolgung bleibt seit einigen Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Und das ist absolut besorgniserregend.

Ihre Organisation ist in 149 Ländern der Welt aktiv. Werden in all diesen 149 Ländern Menschen verfolgt wegen ihres Glaubens?

Lehner: Nicht überall findet eine Verfolgung statt, aber die Not ist überall groß, zum Beispiel durch Kriege, politische Unsicherheiten oder Naturkatastrophen. In unserem Bericht „Religionsfreiheit weltweit“ haben wir uns 196 Länder angeschaut. In 38 ist die Religionsfreiheit schwer eingeschränkt. Von den 38 Ländern sind es 17 Länder, wo die Menschen wegen ihres christlichen Glaubens diskriminiert werden. In 21 Ländern werden sie massiv unterdrückt und verfolgt – das bedeutet also Gefahr für Leib und Leben.

Sind Sie ausschließlich für Katholiken zuständig? Oder weisen Sie auch auf andere Gruppen hin, die Nachteile durch ihren Glauben erleiden?

Lehner: Schwerpunkt bleibt die Hilfe für verfolgte Christen. Uns ist es dabei wichtig, den Blick zu weiten. Wir sprechen vom universalen Recht auf Religionsfreiheit. Diese gilt für alle. Wir nehmen auch andere Gruppen in den Blick. In unserem Zweijahresbericht, im Internet zu finden unter www.religionsfreiheit-weltweit.de, sind auch andere religiöse Minderheiten beleuchtet und aufgeführt.

Tobias Lehner, 36, ist Sprecher des katholischen Hilfswerks Kirche in Not, das in München seinen deutschen Sitz hat. Die Organisation ist in 149 Ländern der Welt aktiv. Kirche in Not veröffentlicht jährlich einen Bericht zur Religionsfreiheit.

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