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Tourette-Syndrom
28.11.2016

Der Feind sitzt in ihrem Kopf

Michelle Wörle aus Baisweil leidet am Tourette-Syndrom. Sie arbeitet in einer Tierarztpraxis - hier mit Karlie.
Foto: Ralf Lienert

Michelle Wörle aus dem Ostallgäu überzieht ihre Umgebung mit Schimpfwörtern - ohne dass sie es will. Die 22-Jährige hat das Tourette-Syndrom. Wie sie ihr Leben meistert.

Die erste Begegnung mit Michelle Wörle ist wirklich skurril. Die 22-Jährige aus Baisweil im Ostallgäu begrüßt ihren Gast, einen unbedarften Reporter, sehr freundlich und mit aller Offenheit.

Doch schon nach kurzer Zeit fängt sie mitten im Gespräch an, mit den Fingern zu schnipsen. Dann schlägt sie sich unvermittelt mit der Faust gegen die Brust, verdreht die Augen – und sagt einem direkt ins Gesicht: „Du hast einen schönen Penis.“

So. Da fällt einem erst einmal nicht viel ein. Außer sich – im Übrigen natürlich komplett angezogen – artig zu bedanken, wenngleich etwas unbeholfen. Man weiß ja, dass Michelle Wörle nichts für ihren plötzlichen Ausbruch kann. Gleich danach verläuft das Gespräch auch wieder in ganz normalen Bahnen. Die junge Frau wechselt zurück vom Du ins förmliche Sie.

Michelle Wörle leidet an einer der wohl rätselhaftesten Erkrankungen, die es gibt: dem Tourette-Syndrom. Eine Krankheit, von der man bis heute nicht weiß, woher sie kommt und wie man sie heilen kann. Besonderes Merkmal ist das plötzliche Ausstoßen von Schimpfwörtern und Obszönitäten. Dass dies enorme Auswirkungen auf das soziale Leben eines Erkrankten hat, liegt auf der Hand. Wer stellt schon jemanden ein, der Kunden, Kollegen oder die Chefs beschimpft?

Augenrollen waren die ersten Symptome des Tourette-Syndroms

Vor ungefähr drei Jahren ging es los. Da war sie 19 und schon mittendrin in ihrer Ausbildung zur tiermedizinischen Fachangestellten in einer Tierarztpraxis in Dietmannsried im Oberallgäu, wo sie sich 2012 nach der Realschulzeit an der Mindelheimer Maria-Ward-Schule beworben hatte. Mit Tieren zu arbeiten, war und ist ihr Traumjob. Sie hat selbst daheim ein Pferd auf einer Wiese stehen.

„Eines Tages verdrehten sich meine Augen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte“, erzählt sie. „Das sieht für manche Außenstehende so aus, als sei ich völlig genervt.“ Sie rollt die Augen teilweise so stark, dass nur noch das Weiße des Augapfels zu sehen ist. Dann kam immer mehr dazu: Schulterzucken, plötzliches Schiefhalten des Kopfes. „Wir sind zum Hausarzt gegangen, zum Augenarzt, zum Neurologen – aber die haben erst einmal nichts gefunden“, sagt Michelles Mutter Claudia Wörle.

Früher, sagt sie, ist ihr an der Tochter nie etwas aufgefallen. Außer dass Michelle besonders lebendig und fröhlich ist. Aber darüber muss man sich ja keine Sorgen machen. In der neurologischen Abteilung des Kaufbeurer Klinikums verschrieben die Ärzte ihr Medikamente gegen die Tics. „Ich war die ganze Zeit müde und erledigt, aber die Tics verschwanden nicht“, sagt Michelle Wörle. In dieser Zeit schrieb sie ihre Abschlussprüfungen für die Ausbildung. Die sie mit einem Zweierschnitt beendete; danach hat der Chef sie gleich übernommen.

Weil die Medikamente nicht wirklich halfen, wurden sie wieder abgesetzt. Im Oktober 2015 kam dann die nächste Steigerung: „Ich fing an zu pfeifen.“ Das ging den ganzen Tag so. Neben den Tics wie dem Augenverdrehen, die blieben. Irgendwann begann Michelle, sich mit der Faust auf die Brust zu schlagen. „Das ging so weit, dass ich lauter blaue Flecken hatte.“

Sie beschimpft Freunde, Familie und Kollegen

Schließlich stellte die Neurologie in Kaufbeuren die Verdachtsdiagnose „Tourette-Syndrom“ und überwies die junge Frau nach München in eine Spezialambulanz der Uniklinik. „In dieser Zeit ging es dann auch noch los mit den Schimpfwörtern.“ Unvermittelt werden Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen mit Begriffen und Sätzen wie „Arschloch“, „F... dich“, „Du bist hässlich“ überzogen. „Und das sind noch harmlose Bezeichnungen“, sagt die Mutter.

Aber woher kommt das? Die Wissenschaft hat dafür bislang keine Erklärung. „Das ist wie Niesen oder wenn man auf die Toilette muss“, sagt Michelle. „Ich kann es kurzzeitig unterdrücken – aber irgendwann muss es raus.“ In der Tierarztpraxis beispielsweise kann sie es eine Weile unter Kontrolle halten. Deshalb bekämen viele Besucher davon nichts mit. „Später kriegen es vor allem meine Chefs ab.“

Bis heute ist nicht geklärt, warum Erkrankte ausgerechnet Schimpfwörter, Beleidigungen und Obszönitäten von sich geben, sagt Dr. Albert Putzhammer, der ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses in Kaufbeuren. „Das ist ein großes Rätsel.“ Bekannt sei, dass sich das Tourette-Syndrom unter Stress verstärke. Es gibt aber auch paradoxe Phänomene. Wenn Michelle Wörle beispielsweise im OP steht und bei Eingriffen assistiert, muss sie sich sehr konzentrieren. „Dann werden die Symptome weniger – aber nur vorübergehend“, sagt sie.

„Am Anfang der Ausbildung war das alles ja noch gar nicht abzusehen“, erinnert sich Dr. Uwe Bockius, einer der Inhaber der Tierarztpraxis. „Wir haben aber gelernt, damit umzugehen.“ Sich von Michelle zu trennen, kommt für ihn nicht infrage. „Für mich ist sie eine sehr gute, engagierte Mitarbeiterin“, sagt Bockius. „Sie bringt sich viele Dinge selbst bei, sie ist eine unglaublich tolle Kraft.“

Inzwischen hat sie in der Praxis ein Informationsblatt für Besucher ausgelegt. „Die Menschen reagieren mit viel Verständnis, viele haben vorher von der Erkrankung noch nie etwas gehört“, sagt ihr Chef. Ihm ist es wichtig, dass die Menschen mehr über die Krankheit aufgeklärt werden. Wenn man Verständnis dafür habe, verkleinere sich das Problem von allein. Man könne – auch als Arbeitgeber – damit umgehen.

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