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Energie

20.11.2015

Wie sehr sich Gundremmingen vom Atomkraftwerk abhängig gemacht hat

Das Kernkraftwerk Gundremmingen wird in einigen Jahren abgeschaltet.
Bild: Ulrich Wagner

Ende 2021 wird das Atomkraftwerk in Gundremmingen abgeschaltet. Der Ort hat sich an Gewerbeeinnahmen gewöhnt, die bald wegfallen. Eine Lösung will der Ort wieder beim Strom finden.

Das waren noch Zeiten. Schon als Gerlinde Hutter 1986 in den Gasthof zum Ochsen einheiratete, gab es Momente, da drehte sich fast alles um das Kernkraftwerk. Während der wochenlangen Wartungsphasen, Revision genannt, kamen morgens die Arbeiter nach der Schicht zum Frühstück, mittags zur ausgedehnten Pause und später am Tag zum Abendessen. Gerade für das Personal der Fremdfirmen war der Gasthof in Gundremmingen ein zweites Zuhause, „als man noch nicht schauen musste, ob man sich das nächste Bier leisten kann“, erinnert sich die 52-Jährige. Damals sei es vorgekommen, dass mittags mancher der Kraftwerksmitarbeiter „verhockt“ ist und nur zum Stempeln an den in Sichtweite gelegenen Arbeitsplatz ging.

Bald steht die Abschaltung des ersten der beiden laufenden Blöcke im AKW bevor. Schon im übernächsten Jahr ist es so weit. Ende 2021 folgt der zweite und letzte. Zwar werden über Jahrzehnte noch viele Mitarbeiter gebraucht, um die Anlage im Landkreis Günzburg zurückzubauen. Aber die goldene Ära der Branche ist vorbei. Zumindest in Deutschland. In den Nachbarstaaten wird dagegen weiter in die Kernenergie investiert.

Die Betreiber haben dieser Tage beim Auftakt einer Reihe von Informationsveranstaltungen in Gundremmingen immerhin bekräftigt, dass der Personalabbau „sozialverträglich“ sein soll. Von heute 668 eigenen Mitarbeitern wird die Belegschaft bis 2018 auf 535 Beschäftigte verkleinert, mindestens bis 2021 werden es dann nicht weniger. Es gebe auch nach dem Abschalten eine Perspektive, weshalb auch weiter ausgebildet wird. Denn der Abbau soll weitestgehend ohne fremde Hilfe gestemmt werden.

Wie sehr sich Gundremmingen vom Atomkraftwerk abhängig gemacht hat

Darauf hat sich Gastwirtin Gerlinde Hutter schon eingestellt. Denn bereits in den vergangenen Jahren seien die Revisionen nicht wie prognostiziert länger, sondern eher kürzer geworden. Ein Monteur habe ihr mal gesagt, „im AKW werden wir immer Arbeit haben“. Doch das stimme nicht mehr. Hutter fehlen nun schon seit Jahren die Aktiven aus dem Kraftwerk, seit dort Feiern selbst ausgerichtet und auch die Externen während der Wartungsphasen – es können durchaus mehr als 1000 Leute sein – verpflegt werden.

"Das Aus für das AKW wird uns nicht dramatisch treffen"

Inzwischen kommen aber auch der AKW-Rentner-Stammtisch oder die Musiker des Hausorchesters der Nuklearindustrie nicht mehr. Für Ersteren gibt es im Gasthaus nicht mehr genug Platz, weil durch den Vorruhestand mehr und mehr Leute dazukamen. Und das Orchester hat sich sogar aufgelöst. Trotzdem sei die Auslastung der 28 einfach gehaltenen Zimmer gut, sagt die Chefin. Übers Jahr gesehen liege sie bei 90 Prozent. Radtouristen, Monteure und wen es sonst in die Region verschlägt, machen hier Station. Gerade der Ausbau der A8 mit seinen vielen Bauarbeitern lohnte sich für die Wirtin. Von einer Untergangsstimmung wegen der Abschaltung des Kraftwerks ist hier also nichts zu spüren.

Dafür gibt es auch keinen Grund, sagt Werner Weigelt von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises. Der Geschäftsführer ist froh, dass im Gegensatz zu einer plötzlichen Firmenschließung beim Kraftwerk genug Zeit bleibe, sich auf die Veränderungen einzustellen. „Das Aus für das AKW wird uns nicht dramatisch treffen“, ist er überzeugt. Viele Gaststätten und Hotels hätten sich neuen Standards angepasst, auf dem Ex-Bundeswehr-Fliegerhorst Leipheim siedeln sich Firmen an, die Fachkräfte suchen, und der Rückgang der Gewerbesteuer werde für Gundremmingen eine größere Rolle spielen als für den Kreis insgesamt. Die Gemeinde habe gut vorgearbeitet und früh eingenommenes Geld wieder investiert – etwa in die Infrastruktur oder in Immobilien. Auch in München hat sie „Betongold“.

Darum geht es auch beim Dämmerschoppen der örtlichen CSU im Ochsen. Wenige Tage nach dem ersten Infoabend der Kraftwerksbetreiber gibt der Bürgermeister einen Überblick zu aktuellen Projekten. Er spricht über Asyl, Seniorenwohnungen, Müllentsorgung. Und über das AKW. Während im gemütlichen Gastraum mit seinen holzvertäfelten Wänden gerade drei Monteure Schnitzel vertilgen, sitzen im Nebenraum knapp 30 Bürger bei Weißbier und Schorle zusammen. „Bislang ist der Strom in Gundremmingen produziert worden, vielleicht geht es damit ja weiter“, sagt Bürgermeister Tobias Bühler.

Damit spielt er auf das mögliche Gaskraftwerk an, das auf das AKW-Gelände kommen könnte. Der Energiekonzern RWE, der mit Eon schon das Atomkraftwerk betreibt, hat solche Pläne. Spruchreif ist nichts, die Rahmenbedingungen passen nicht. Schließlich wird sogar das Gaskraftwerk Irsching in Oberbayern stillgelegt, weil sich der Betrieb nicht mehr lohnt. Aber, so hofft Bühler, in zehn bis 15 Jahren könnte sich etwas verändert haben.

Doch auch in Leipheim und direkt hinter dem AKW auf dem Gebiet von Gundelfingen im Kreis Dillingen gibt es ähnliche Pläne für eine solche Anlage. Käme das so, „hätten wir die komplette Last, aber keinen Nutzen“, fürchtet der Bürgermeister. „Das wäre das Schlimmste.“ Daher befürwortet er eine Kooperation mit Gundelfingen und dem nahen Lauingen. Bei den Nachbarn könnte ein Reservekraftwerk entstehen, so seine Vorstellung, und in Gundremmingen eine größere Anlage. Er rechnet mit Investitionen von 600 Millionen Euro, „davon würde die ganze Gegend profitieren“. Auch Arbeitsplätze würden entstehen. 50 bis 70. Immerhin.

Konkrete Pläne gibt es keine, falls es kein Gaskraftwerk geben wird

Doch was passiert, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht bessern, wenn kein Gaskraftwerk entsteht? Konkrete Pläne gibt es keine. Die Gemeinde will versuchen, neue Gewerbeflächen auszuweisen, aber es sei schwierig, an Grundstücke zu kommen. Vor einigen Monaten sagte Bühler, erst brauche er Gewissheit, wann und ob die Kraftwerksfläche überhaupt für Gundremmingen verfügbar ist, bevor etwas konkret überlegt wird. RWE hat sich schließlich nicht festgelegt, was aus dem Areal werden soll und ob es verkauft wird. Auch bei der Verwaltungsgemeinschaft, der Kreisverwaltung und den Kreisen Dillingen sowie Augsburg heißt es: Abwarten.

Klar ist aber, dass die Gebühren „ein heißes Thema werden“, wie es der örtliche CSU-Vorsitzende Alfred Herrmann formuliert. Die Abgaben müssten in den kommenden Jahren angehoben werden. Angst davor, dass sich der 1450 Einwohner kleine Ort nicht mehr so viel leisten kann – über die Jahre sind ein schickes Rathaus, ein Kulturzentrum und eine Sporthalle entstanden, fast alle Straßen und Kanäle sind saniert –, hat Bürgermeister Bühler nicht. Er sieht das pragmatisch: Künftig müsse halt anders gehaushaltet werden. Auch gebe es keinen Grund zur Furcht, dass mit dem Rückbau des Kraftwerks, das früher mehr Gewerbesteuer gezahlt habe als heute, in Gundremmingen die Lichter ausgehen. Wie viel Geld genau noch vom AKW fließt, sagt er nicht. Die letzte Angabe zu den Gesamt-Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde gibt es für 2013, als sie bei etwa neun Millionen Euro lagen. Dass der größte Anteil vom Kraftwerk kommt, liegt auf der Hand.

Es gibt allerdings noch ein anderes Problem. Beim Kauf ihres Bauplatzes mussten dutzende Bürger unterschreiben, dass sie sich an das Fernwärmenetz anschließen – das über das Kühlwassersystem des Kraftwerks gespeist wird. Wenn das abgeschaltet ist, gibt es diese Art der Versorgung nicht mehr. Knapp 70 Gebäude sind betroffen. Die Gemeinde hat sich aber verpflichtet, zu liefern. Es gibt diverse Varianten für einen Ausgleich, doch die Kosten müssten umgelegt werden. Derzeit wolle knapp die Hälfte der Betroffenen dabei bleiben, sagt Bühler. Wenn ihre Häuser irgendwann an die Gasversorgung angeschlossen würden, könnte sich das ändern.

Vieles ist also noch offen. Dabei hat sich andernorts gezeigt, wie wichtig es ist, frühzeitig die Zukunft zu planen. In Mülheim-Kärlich bei Koblenz beispielsweise. Das dortige Atomkraftwerk war nur kurz am Netz, wurde aber lange betriebsbereit gehalten. Seit 2004 wird zurückgebaut. „Wir mussten uns früh damit auseinandersetzen, das zu kompensieren“, sagt Bürgermeister Uli Klöckner. Mit dem Gewerbepark in amerikanischen Dimensionen gibt es zwar ein zweites Standbein, doch die künftige Nutzung des Kraftwerksgeländes ist essenziell. Schließlich flossen zu den besten Zeiten fast 90 Prozent der Einnahmen durch das AKW in die Kreisumlage, sagt Klöckner. RWE habe pro Jahr bis zu zehn Millionen Euro an Aufträgen vergeben. Das und die Kaufkraft der Angestellten sind weggefallen – ein auch für die Region nicht kleiner Schaden.

Lange war klar, dass es so kommen könnte. Aber erst im vergangenen Jahr fiel die Entscheidung zur künftigen Nutzung des Areals. Eine Entsorgungsfirma hat das Gelände rund um den Kühlturm gekauft und will ein Recyclingzentrum aufbauen. „Ich kann daher jeder Gemeinde nur empfehlen, frühzeitig die Weichen zu stellen“, betont Klöckner. Und: „Wir hätten uns ohne das AKW vieles nicht leisten können und sind schuldenfrei. Das Grundproblem in der Zukunft wird sein, diese Infrastruktur zu erhalten.“

Das wird auch in Gundremmingen so sein. Aber selbst wenn es noch keine konkreten Pläne für die Zeit danach gibt: Gastwirtin Gerlinde Hutter ist vor der Zukunft nicht bange. Es wird schon weitergehen. Abgesehen davon: Kontakt zu früheren Kraftwerksmitarbeitern hat sie noch immer. Einer ihrer Gäste von einer Partnerfirma blieb sogar. Nachdem vor zehn Jahren ihr Mann starb, ist sie inzwischen wieder liiert. Ihren heutigen Lebensgefährten Jozef Claes lernte sie kennen, als der Mitarbeiter einer belgischen Firma mit Kollegen im Ochsen wohnte, weil sie im Kraftwerk arbeiteten. Jetzt hilft er im Gasthaus mit. Für ihn hat die Zukunft ohne AKW also schon begonnen.

Großes Special: Hier finden Sie alle Infos zum Rückbau des AKW Gundremmingen.

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