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Zeitgeschichte
05.02.2019

Der sinnlose Tod des Chris Gueffroy an der Berliner Mauer

Gedenken an Chris Gueffroy – Blumen am Denkmal für die Opfer der Berliner Mauer erinnern an den letzten Menschen, der an der deutsch-deutschen Grenze erschossen wurde.
Foto: Daniel Naupold, dpa

Vor 30 Jahre starb ein 20-Jähriger an der deutsch-deutschen Grenze in Berlin im Kugelhagel. Er war der letzte, der an der Mauer erschossen wurde.

Stirbt ein Soldat in den letzten Tagen eines langen Krieges, so gilt sein Tod als besonders tragisch und sinnlos. So ähnlich ist es auch im Falle von Chris Gueffroy: In der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989 liegt der Körper des 20-Jährigen leblos in den Sperranlagen zwischen dem Bezirk Treptow in Ostberlin und Neukölln im Westen der Stadt. Nur neun Monate später fällt die Mauer, die Deutschland 28 Jahre geteilt hat.

Rund zehn Schüsse treffen den jungen Mann, ein Projektil verletzt sein Herz. Ein Freund, der mit ihm die Flucht wagt, überlebt schwer verletzt. Gueffroys Mutter, die unweit des Tatortes wohnt, wird von den peitschenden Schüssen aus dem Schlaf gerissen. Ihr ist sofort klar, dass wieder jemand versucht hat, den Todesstreifen zu überwinden. Dass es ihr Sohn ist, der wenige hundert Meter entfernt im Sterben liegt und um 0.15 Uhr von einem Arzt der Grenztruppen für tot erklärt wird, ahnt sie nicht. Erst zwei Tage später wird Karin Gueffroy mitgeteilt, dass Chris bei einem „Angriff auf militärisches Sperrgebiet“ getötet worden sei.

Warum machten sich die Freunde auf den hoch riskanten Weg?

Warum machen sich die Freunde in dieser kalten Winternacht auf ihren hochriskanten Weg? Zu einer Zeit, als die Welt atemlos verfolgt, wie der russische Präsident Michail Gorbatschow sein Land öffnet und der angeschlagene Ostblock in immer schnellerem Tempo erodiert. Um die Verzweiflung der beiden zu verstehen, muss man wissen, dass die faktisch insolvente und moralisch abgewirtschaftete DDR auf Glasnost und Perestroika mit exemplarischer Härte reagiert und sich fast schon schroff vom großen Bruder Sowjetunion distanziert hat. Den herannahenden Mauerfall sehen nur die allerwenigsten voraus.

Chris Gueffroy und sein Kumpel Christian Gaudian, die in einem Lokal in der Innenstadt arbeiten, sind schon lange angewidert von Korruption und Kontrolle in der DDR. Schlimmer noch: Gueffroy, der nicht zum Abitur zugelassen worden ist, fürchtet, dass er keine Chance haben wird, seine Träume zu verwirklichen. Schauspieler will er werden, unbedingt einmal Amerika sehen. Doch er kellnert in einer der tristen Ostberliner Gaststätten mit ihrem berüchtigten Kantinencharme. Die Aussicht, noch Jahre lang Broiler mit Sättigungsbeilage – also halbe Hähnchen mit Salat – zu servieren, ist den Freunden unerträglich. Letztlich aber lässt ein erbarmungslos näher rückender Termin die Fluchtpläne immer konkreter werden: Gueffroys Dienst bei der Nationalen Volksarmee steht an.

Sie glaubten, dass der Schießbefehl ausgesetzt worden sei

Die Gelegenheit scheint günstig, als der schwedische Regierungschef Ingvar Carlsson zu einem Staatsbesuch in der Hauptstadt der DDR weilt. Die beiden Freunde glauben an das Gerücht, dass der Schießbefehl an der Grenze für die Zeit solcher Besuche ausgesetzt sei, um das Renommee des Staates nicht zu untergraben. Ein fataler Irrtum, der dazu führt, dass die beiden Männer die Bedrohung unterschätzen, als sie sich der Grenze nähern. Zu Anfang geht alles glatt. Doch den letzten Zaun im Blick, löst einer von ihnen das ausgeklügelte Alarmsystem der Grenzanlagen aus. „Stehen bleiben“, ruft der Grenzsoldat, bevor er 20 Schüsse auf die Fliehenden abfeuert. Die Flucht endet in einer blutigen Katastrophe.

Wie in so vielen Fällen zuvor, versuchen die DDR-Behörden, den Tod von Gueffroy zu vertuschen. Doch die Mechanismen greifen nicht mehr. Unter den Gästen bei der Beerdigung sind nicht nur Stasi-Mitarbeiter, sondern auch Journalisten aus dem Westen. Die Tat lässt sich nicht verheimlichen.

Der Schütze erhielt eine Bewährungsstrafe

Der Name Gueffroy ist aus einem weiteren Grund bis heute bekannt. Im ersten Mauerschützenprozess nach der Wende muss sich der Grenzbeamte, der geschossen hatte, vor Gericht verantworten. In zweiter Instanz wird der Schütze zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Gueffroy wird oft als letztes Opfer des DDR-Grenzregimes bezeichnet. Dabei bezahlte noch im März 1989 ein Mann den Versuch, in den Westen zu gelangen, mit seinem Leben. Besonders tragisch: Der 32-Jährige hatte mit einem Ballon Marke Eigenbau bereits Berlin-Zehlendorf, also westlichen Luftraum erreicht, als die Konstruktion versagte und ihn in den Tod riss. Doch dieser ebenfalls tragische Fall gerät mit den Jahren fast in Vergessenheit.

Unweit der Stelle, an der die tödlichen Schüsse fielen, erinnert ein Gedenkstein an Chris Gueffroy. An den letzten Menschen, der an der Mauer im Kugelhagel gestorben ist.

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05.02.2019

Der Arzt hat den Tod von Chris Gueffroy festgestellt, nicht ihn für tot erklärt.

Für tot erklärt werden verschollene Personen, von denen man letztlich nicht weiß, ob sie noch leben oder nicht. Beispielsweise nach einem Flugszeugabsturz über offener See. Niemand kann dabei den Tod feststellen, sonst würde es getan. Also muss irgendwann behördlicherseits eine Feststellung getroffen werden, damit Dinge, die den vermutlich Verstorbenen betreffen weiter verfolgt oder abgewickelt werden können. Das geschieht nach den Vorschriften des Verschollenheitsgesetzes.

Es wäre schön, wenn Qualitätsjournalismus das richtig darstellen würde und nicht umgangssprachliche Floskeln verwendete, die eine falsche Vorstellung verfestigen helfen.

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