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Interview
05.04.2022

Autorin Susanne Matthiessen: „Wir Sylter haben es vergeigt“

Leuchtturm List-West am Ellenbogen auf Sylt - hier ist man Deutschlands nördlichstem Zipfel schon sehr nah.
Foto: Carsten Rehder/dpa/dpa-tmn

Bestseller-Autorin Susanne Matthiessen legt ihren zweiten Sylt-Roman vor. Ein Gespräch über irre Immobilienpreise und wie das Leben auf der reichsten Insel Deutschlands immer schwieriger wird.

Erreiche ich Sie jetzt in Berlin oder auf Sylt?
Susanne Matthiessen: Ich bin gerade wieder in Berlin angekommen.

Schauen Sie eigentlich in Berlin jeden Morgen auf Ihre Wetter-App, wie das Wetter auf Sylt ist?
Matthiessen: Nein, aber ich schalte, immer mal wieder die Webcam von Wenningstedt an, die das Meer zeigt, das ist schön. Aber ich bin auf andere Weise eigentlich jeden Tag mit der Insel verbunden, spreche mit meinen Eltern, Freunden, es kommen Anfragen, dann schreibe ich ja auch noch meinen Sylt-Blog.

Wir sind auf dem falschen Weg

In Ihrem ersten Buch „Ozelot und Friesennerz“ schrieben Sie über die 70er Jahre, in denen Sylt zur Party–Zone und Hotspot der Eliten wurde. Jetzt in „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn“ über die 80er, das Jahrzehnt der reichen Ernte, wie Sie es nennen, als auch die Sylter plötzlich Jaguar und Porsche fuhren. Was wird die jetzige Dekade kennzeichnen?
Matthiessen: Das kann man jetzt noch schwer sagen. Auf jeden Fall spüre ich eine echte Zäsur – auch ausgelöst durch Corona. Egal mit wem ich spreche, für alle war der Lockdown ein so einschneidendes Erlebnis und zugleich auch ein Geschenk, weil man gesehen hat, wie es eigentlich sein könnte: Die Ruhe und Abgeschiedenheit, womit Sylt ja auch wirbt. Ich glaube, dass allen dadurch klar geworden ist: Wir sind auf dem falschen Weg, so kann es nicht weitergehen. Der Schock sitzt tief und wird die Zwanzigerjahre sicher prägen. Wie sich das am Ende auswirkt, das müssen wir noch sehen.

Bestsellerautorin Susanne Matthiessen schreibt in ihrem neuen Buch über ihre Jugend auf Sylt.
Foto: Jörg Müller, Ullstein

Sie sind in den 80ern von Sylt aus in die Welt gezogen. Ein Fehler, wie Sie an einer Stelle schreiben. Warum?
Matthiessen: Im Nachhinein gesehen aus zwei Gründen: Erstens, weil mit mir damals die ganze, leistungsstarke Jugend weggegangen ist. Unsere Eltern haben uns ja quasi von der Insel geschickt. Und das hat Sylt am Ende nicht gutgetan, diese jungen innovativen Menschen hätte die Insel in einer entscheidenden Phase eigentlich gebraucht. Und zweitens, warum ich es bedauere: Erstaunlicherweise siedelt man sich nirgendwo wirklich an, weil man so mit dieser Insel verwachsen ist und immer denkt, ich komme ja sowieso zurück. Und das gilt für ganz viele Freunde, die in der Weltgeschichte herumflattern. Man ist so heimatlos und die eigene Insel ist der Platz, wo man eigentlich hingehört. Deshalb schaut man natürlich auch mit großem Interesse an, was sich getan hat – aber auch mit großem Schmerz.

Diese enge Verbundenheit der Insulaner, die Sie beschreiben, haben Sie die eigentlich ähnlich mal irgendwo anders in Ihrem Leben gefunden.
Matthiessen: Nein. Ich habe ja an vielen Orten gelebt, aber man sucht sich da immer Freunde, die einem entsprechen. Das Spannende an so dörflichen Gemeinschaften ist ja dagegen, dass man gezwungen ist, mit Leuten klarzukommen, die auch ganz andere Interessen und Standpunkte habe – und trotzdem ist man eng befreundet. Das ist ein bisschen wie Familie, die man sich ja auch nicht aussuchen kann.

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Das engt aber ja auch ein, oder?
Matthiessen: Stimmt, darum bin ich immer ganz froh, wenn ich wieder mal da rauskomme. Das ist ja diese Ambivalenz meines Lebens. Denn natürlich ist die soziale Kontrolle extrem. Ich bin einmal als Jugendliche mit meinem Motorroller liegen geblieben, das wusste mein Vater dann schon, bevor ich anrufen konnte, ob er mich abholt. Auf Sylt gibt es so eine Art Wagenburgmentalität. Man igelt sich ein, auch um diesen Ansturm von hunderttausenden Menschen zu überstehen. Insofern war es auch nicht schlecht für mich, da einmal wegzukommen.

Verkaufen und reich werden - oder das Zuhause behalten

Sie schreiben auch über Inselkinder, die geblieben sind. Ihre Freundin Pfuschi zum Beispiel, die mit Eltern und Geschwistern in einem maroden und mit Hypotheken belasteten Millionenanwesen lebt, aber der Reichtum besteht nur auf Papier. Sie müssten also eigentlich verkaufen. Ein Dilemma …
Matthiessen: …ja, das ist wirklich das ganz große Problem, das unsere Generation im Moment hat: Allein durch den Wert des Hauses, wird der Verkauf quasi erzwungen. Eine Situation, die in dieser extremen Form so einmalig ist in Deutschland. Im Grunde sind das natürlich Luxusprobleme, aber sie können doch eine ganze Familie zerstören.

Von den bundesweit zehn teuersten Häusern liegen laut dem Portal Immowelt drei auf Sylt, das zweitteuerste mit 13 Millionen Euro in Kampen. Auch ihnen wurde mit 22 damals ein Haus in Kampen angeboten für „nur“ eine Million Mark. Nagt das noch?
Matthiessen: Ja, natürlich, ich hätte das unbedingt kaufen sollen. Aber damals war das für mich unvorstellbar. Ich denke, das ist eine Situation, wie sie alle Sylter durchmachen. Als Insulaner geht es eigentlich die ganze Zeit um diese Thematik, um Immobilien, um Grund und Boden, und die Frage, warum haben wir damals nicht zugeschlagen.

Notare sind die heimlichen Könige der Insel

Jahrzehntelang haben die Sylter von den reichen Gästen profitiert und sind selbst wohlhabend geworden. Wenn aber im Grunde sich jetzt die Sylter die Insel selbst nicht mehr leisten können, gilt das eigentlich auch heute noch?
Matthiessen: Das ist vorbei, würde ich jetzt mal klar sagen. Außer man ist Notar, das sind die heimlichen Könige der Insel, oder Immobilienmakler. Natürlich kann man mit einer guten Geschäftsidee auch hier noch immer durchstarten. Aber ansonsten ist das mittlerweile schon ein sehr, sehr hartes Leben.

Woran machen sie das fest?
Matthiessen: Das sieht man auch daran, dass so viele Lokale innerhalb relativ kurzer Zeit für immer geschlossen haben, weil die Menschen es nicht mehr schaffen oder auch nicht mehr wollen. Die Schinderei, das Problem mit den Angestellten, für die es keine Wohnungen mehr gibt, die Anspruchshaltung der Gäste, die auf Sylt, und das ist ja auch schön, außergewöhnlich hohe Qualität erwarten. Irgendwann verkauft man sein Ding und dann hat man eigentlich mehr Geld als vorher, weil die Immobilienpreise so hoch sind. Deshalb schließen so viele Läden. Aber was einmal weg ist, ist weg.

Post, Apotheken, Arztpraxen - auch die Spielbank hat zugemacht

Wie jetzt auch die einzige Post, zwei Apotheken, mehrere alteingesessene Geschäfte. Sinkt auf der reichsten Insel Deutschlands also die Lebensqualität – zumindest für die Sylterinnen und Sylter?
Matthiessen: Ein normales Leben auf Sylt wird immer schwieriger. Meine Mutter geht beispielsweise nur noch um sieben Uhr morgens zum Einkaufen, weil sonst kann sie nirgendwo mehr parken. Das ist für sie mit über 80 eine beschwerliche Situation. Wenn sie sich wegen ihrer schlimmen Hüfte vom Physiotherapeuten behandeln lassen möchte, muss sie aufs Festland fahren. Wichtige Infrastruktur geht hier einfach verloren, Arztpraxen finden keinen Nachfolger, Traditionsläden schließen, weil sie sich die exorbitante Miete nicht mehr leisten können oder weil das Personal fehlt. Das Kaufhaus H.B.Jensen öffnet jetzt erst um 11 Uhr, weil es nicht die nötigen Fachkräfte bekommt. Und solche Dinge passieren im Moment überall. Selbst die Spielbank hat zugemacht. Das ist eine Entwicklung, die schleichend vorangegangen ist, aber jetzt zum ersten Mal spürbar wird für die Bevölkerung. Das Leben wird schwieriger und das lässt sich eben auch nicht zurückdrehen.

Spüren das denn auch die Touristinnen und Touristen?
Matthiessen: Sylt hat immer für sich in Anspruch nehmen wollen, auch ein Dienstleistungs-Paradies zu sein, was wir auch über Jahrzehnte waren. Aber das ist jetzt vorbei und das wird sich meines Erachtens auch auf den Tourismus auswirken. Die Pipeline, auf der wir sitzen, ist quasi ausgetrocknet.

Wir haben es nicht mehr in der Hand

Was können die Sylter noch ändern?
Matthiessen: Das Problem ist, dass die Sylter das gar nicht mehr in der Hand haben. Es sind so wenige geworden. Und es sind viele alte Menschen, weil eben wie gesagt ganze Generationen weggegangen sind und viele jungen Familien eher auf dem Festland leben und auf die Insel nur fahren, um ihr Geld zu verdienen. Das heißt auch, sie sind vom Wahlrecht ausgeschlossen, obwohl ihr Lebensmittelpunkt eigentlich Sylt ist. Politik wird daher auf Sylt vor allem von alten Menschen gemacht. Ich will das nicht schlechtreden, das ist ja ein Ehrenamt. Aber unsere Ortspolitiker haben es dann mit Industrie-Unternehmern mit ihren Anwälten zu tun, die klagen mal eben kleine Gemeinden in Grund und Boden, um ihr Haus hinzusetzen in der Form wie sie es haben wollten. Geld spielt keine Rolle und deshalb ist es ein bisschen so ein Ohnmachtsgefühl, was sich da jetzt breitmacht. Wir wissen, wir haben es im Grunde vergeigt.

Kein Widerstand?
Matthiessen: Es gibt jetzt Bürgerinitiativen, die versuchen noch etwas zu bewegen. Aber es ist eben sehr, sehr mühsam, weil das meiste Land längst in anderen Händen ist. Und die Besitzer haben auch andere Interessen. Aber es ist wirklich schon deutlich spürbar, dass wir jetzt in einer Umbruchsituation sind, ausgelöst auch durch die Pandemie.

Irgendetwas muss diese Insel mit einem machen

Diese Liebe, die ja quasi die halbe Republik zu Sylt hat, wärmt einen das als Insulanerin nicht auch das Herz?
Matthiessen: Ja, natürlich. Manche beschreiben Sylt als die magische Insel. Das ist irgendwas, was einen so erfüllt und ausfüllt. Das merkt man natürlich erst, wenn man die Insel verlassen hat. Das war für mich einfach selbstverständlich. Dann kehrt man zurück und denkt sich: fantastisch, unglaublich! Das ist mir vorher gar nicht so richtig aufgefallen. Irgendetwas muss diese Insel, das Meer, die Natur mit einem machen, wenn es schon allen so geht, die hier ihren Urlaub verbringen.

Wie würden Sie sich denn den idealen Tourismus für Sylt vorstellen?
Matthiessen: Ich glaube, ich würde ihn mir gar nicht viel anders vorstellen, als er im Moment ist. Ich will doch den Menschen, die die Insel lieben, nicht verbieten, dahinzufahren. Ich bin ja keine Touristenhasserin. Überhaupt nicht. Ich finde nur die schiere Masse zu viel. Wenn Sie immer im Stau stehen, wenn alles limitiert werden muss, weil zu viele Leute darauf zugreifen, dann ist es nicht gut. Wenn den Gästen es schon zu viel wird, dann haben wir ein Problem. Selbst jene, die ansonsten immer sagen „Wir müssen einfach noch perfekter werden und die Maschine muss noch geölter laufen“, selbst die sagen jetzt: „Wir müssen schauen, dass wir eine Begrenzung einführen.“ Das Wachstum muss begrenzt werden, weil die Insel auch natürlicherweise schon Grenzen hat. Das ist, glaube ich, der Weg. Und den muss Sylt gehen. Wie wir das genau hinkriegen, wissen wir noch nicht, aber die Erkenntnis ist da.

Dass die Insel in drei Teile bricht, werden wir vielleicht noch miterleben

Vorletzte Frage, auch die Zukunft betreffend: Schleift sich die Angst, dass die Insel untergehen könnte, im Lauf der Jahre ab?Matthiessen: Wir sind ja bei Sturmfluten immer mit der Bedrohung aufgestanden, dass etwas Schreckliches passieren kann. Weil wir auch alle schon miterlebt haben, was das für eine unfassbare Gewalt ist, die da auf einen zukommt. Und wenn man sich die Modelle über den steigenden Meeresspiegel anschaut, dann weiß man: Es kann durchaus passieren, dass wir noch miterleben, dass zumindest die Insel in drei Teile bricht, der Süden überschwemmt wird. Ich habe schon genügend Häuser gesehen, die ins Meer gestürzt sind. Dass jetzt die ganze Insel verschlungen wird, glaube ich eher nicht. Aber dass sie so massiv geschädigt wird, dass Sylt nicht mehr das ist, was wir kennen – das kann ich mir durchaus vorstellen.

Wollen Sie einmal wieder ganz nach Sylt zurückkehren?
Matthiessen: Das ist das Ziel, das habe ich auch immer gesagt. Und das wir jetzt auch präsenter, weil ich natürlich in das Alter komme und ich mich auch beruflich durch das Schreiben ja neu orientiert habe, weniger fürs Fernsehen arbeite. Das wird jetzt also irgendwann real.

Susanne Matthiessen, Jahrgang 1963, ist gebürtige Sylterin. Nach ihrem Bestseller„Ozelot und Friesennerz“ legt sie nun mit „Diese eine Liebe wird nie zu Ende gehn“ (Ullstein, 272 Seiten, 22 Euro) ihren zweiten Sylt-Roman vor. Matthiessen ist Journalistin, entwickelt Programmideen, und hat unter anderem als Redaktionsleiterin der TV-Magazine Dunja Hayali (ZDF) und Gabi Bauer (ARD) gearbeitet.

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05.04.2022

Ja, ihr Sylter habt es vergeigt als ihr seinerzeit unsere bayerische Pauli nicht zur Bürgermeisterin von Westerland gewählt habt.

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