Campus

04.08.2015

Professor Klaus Wolf von der Uni Augsburg bei seiner Campus-Vorlesung im Generationenpark.
Bild: Petra Manz

Im Flyer war ein „chilliger“ Abend mit „Prosecco vom Discounter“ angekündigt – doch es gab Infos und mahnende Worte

Professor kritisiert Dominanz der englischen Sprache

Mit dem Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache – Oder: Werden wir vom Englischen überrollt?“ schloss der Augsburger Professor Dr. Klaus Wolf von der philologisch-historischen Fakultät der Uni Augsburg für diesen Sommer die Vorlesungsreihe Königsbrunner Campus ab. Der etwas sperrige Titel hatte immerhin gut 60 Zuhörer in den Gemeinschaftsraum der Wohnanlage Generationenpark gelockt. Der „Event“ war im Flyer des Kulturbüros als ein „chilliger“ Abend mit anschließendem „Prosecco vom Discounter“ angekündigt worden.

Wie stark die englische Sprache in unseren Alltag eingedrungen ist, machte Ursula Off-Melcher, die Leiterin des Kulturbüros, damit in ihren einleitenden Worten provokant deutlich. Aber nicht nur im Alltag, auch an den deutschen Universitäten und Hochschulen hält die englische Sprache, über die Forschungsliteratur hinaus, Einzug. Das Englische sei dabei, andere Sprachen aus der Wissenschaft, selbst aus ihren eigenen Sprachräumen zu verdrängen, ja sie sogar unbrauchbar zu machen, stellte Klaus Wolf fest.

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TU München plant ab 2020 Masterstudiengänge nur englisch

Eine alarmierende Entwicklung, wie Wolf findet. Sie bringe so manche Paradoxien hervor: Da lädt eine Bank, die sich eine deutsche nennt, zu einer Veranstaltung mit dem Hinweis ein, es werde hauptsächlich englisch gesprochen. Da plant die Technische Universität München, ihre Masterstudiengänge ab dem Jahr 2020 ausschließlich in englischer Sprache durchzuführen, was den Widerstand von Professoren und Studenten hervorrief. Da werden wissenschaftliche Forschungsarbeiten in renommierten Zeitschriften international nur noch wahrgenommen, wenn sie auf Englisch publiziert werden – mit der Folge, dass an den Hochschulen Kurse für wissenschaftliches Englisch angeboten werden müssen, die gebührenpflichtig sind.

Deutsch war mal „die“ Sprache der Naturwissenschaften

Dabei reichen die Ursprünge des Deutschen als Wissenschaftssprache, so erläuterte Wolf, bis ins 14. Jahrhundert zurück. Damals gab es noch ein dynamisches Latein, in dem länderübergreifend an Universitäten kommuniziert wurde.

Dazu hielten – vor dem Hintergrund wiederholt auftretender Pestepidemien – die Volkssprachen Einzug in die Medizin. Pest-Traktate wurden vom Lateinischen auch ins Deutsche übersetzt und sollten Wissen über Ansteckungsgefahren und Behandlungen rascher verbreiten.

Astronomische Traktate wurden damals häufig direkt in deutscher Sprache veröffentlicht. In der Theologie setzte im Spätmittelalter eine sprachwissenschaftliche Debatte ein, ob neben den „heiligen“ Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein auch Deutsch dieser „höchsten Wissenschaft“ würdig sei.

Die Bedeutung der deutschen Sprache wuchs über die Jahrhunderte hinweg, bis schließlich im 20. Jahrhundert Deutsch eine unbestrittene Vorrangstellung in den Naturwissenschaften hatte. Was unter anderem dazu führte, dass angehende Chemiker damals in den USA Deutsch lernen mussten, um überhaupt Zugang zum Stand der Wissenschaft erhalten zu können.

Prof. Wolf: Zugang zu Wissen nicht einer Elite vorbehalten

Deutsch habe als Wissenschaftssprache praktisch ein halbes Jahrtausend Geschichte, betonte Wolf. Diese zugunsten des Englischen aufzugeben, sei für ihn nicht zu verantworten. Letztlich gelte es, eine „differenzierte Mehrsprachigkeit“ an den Universitäten aufrecht zu erhalten, um den Zugang zu Wissen nicht einer Elite vorzubehalten, die sich des Englischen bediene, um sich abzuheben.

Ein interessanter Vortrag, der verdeutlichte, welche Schlüsselstellung die vorherrschende Sprache für den Zugang zu Wissen und damit für die gesellschaftlichen Bildungshierarchien hat.

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