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Ziemetshausen-Bauhofen

26.11.2016

Knapp einer Katastrophe entgangen

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Großer Einsatz nach einem Flugzeugabsturz in Bauhofen im Jahr 1976: Mit Schaummittel löschten die Aktiven der Ziemetshauser Feuerwehr die brennenden Reste des Flugzeugwracks. Dem Weiler war eine Katastrophe erspart geblieben.

Vor 40 Jahren stießen zwei Militärflugzeuge über Bauhofen kurz hinter der Landkreisgrenze zusammen. Warum trotz der fünf Toten noch heute von einem Wunder gesprochen wird.

Anton Konrad saß am Morgen des 22. Novembers 1976 auf seinem Bagger, während seine Kollegen – Alfred Fendt, Heinz Ochmann und zwei Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien – in dem ausgehobenen Kanalschacht direkt neben dem Bauhofer Feuerwehrgerätehaus arbeiteten. Gegen Mittag riss der Nebel auf und es schien noch ein freundlicher Tag zu werden. Plötzlich sah Konrad etwas am Himmel, das aus südwestlicher Richtung auf die Baustelle zuflog. In geringer Höhe flog ein Flugzeug. Sekunden später gab es eine Explosion in der Luft. Konrad rief seinen Kameraden zu, sofort aus dem Schacht zu fliehen. Sie rannten von der Baustelle weg, buchstäblich um ihr Leben. Da krachte und brannte es auch schon, nur wenige Meter weg von ihnen. Ein Flammeninferno breitete sich auf der Brücke, im und neben dem Lauterbächlein aus. Zwei Bundeswehrmaschinen, ein Vermessungsflugzeug und ein Kampfjet, sind vor 40 Jahren über dem kleinen Dorf zusammengestoßen und abgestürzt. Fünf junge Bundeswehrsoldaten verloren dabei ihr Leben.

Katastrophe hat sich ins Gedächtnis eingebrannt

Die Katastrophe hat sich tief ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt. „Schon wenn ich dran denke, läuft mir ein Schauer über den Rücken“ und „darüber zu reden, regt mich immer noch auf.“ So beginnen die 82-jährige Marie Knoll und ihre drei Jahre jüngere Schwägerin Edeltraud Knoll ihre Geschichte von diesem schrecklichen Geschehen. Trotz der fünf toten Männer wird in Bauhofen von einem „Wunder“ gesprochen. Es gab keinen Verletzten unter den Bürgern von Bauhofen, selbst Anton Konrad und seine Kollegen kamen mit dem Schrecken davon.

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Ein weiterer Zufall verhinderte noch mehr Opfer. Der normal um 13.15 Uhr eintreffende Schulbus mit elf Kindern hatte ausgerechnet an diesem Tag einige Minuten Verspätung. Da war alles schon passiert. Keine fünf Minuten vorher war die Militärmaschine unmittelbar vor der Lauterbach-Brücke in das kleine Gewässer gestürzt, explodiert und in Flammen aufgegangen. Die Bushaltestelle und damit der Ausstiegsort für die Kinder war damals und ist noch immer die Bachbrücke. Die Wrackteile lagen im Umkreis von rund 200 Metern rauchend auf dem kleinen Bolzplatz, auf der Straße und in den Hausgärten, richteten aber keinen Schaden an den Gebäuden an.

Ältere sprechen nur ungern von diesem Schreckenstag

Marie Knoll und ihre Schwägerin Edeltraud wohnen kaum 30 Meter von der Unglücksstelle entfernt. Der Älteren fällt das Erzählen schwer und nur ungern spricht sie von diesem Schreckenstag, den sie nicht vergessen kann. Sie befand sich damals in der Küche ihres kleinen Anwesens: „Es gab einen furchtbaren Kracher. Zuerst glaubte ich an eine Bombe. Sekunden später sah ich ein riesiges Feuer, starken Rauch und hörte immer wieder Explosionen, die sofortige haushohe Stichflammen auslösten.“ Trotzdem „schaltete“ sie rasch, holte aus dem Schlafzimmerschränkchen ihre wichtigsten Papiere und versuchte, die acht Rinder aus dem Stall zu treiben. Der Nachbar machte ihr klar, dies sei nicht nötig.

Ihre nur zwei Häuser weiter wohnende Schwägerin Edeltraud weilte zur gleichen Zeit ebenfalls in der Wohnung und half ihrem Sohn Gerhard bei der Hausaufgabe. Sie erinnert sich an das „starke Brausen“, sah einen über der Dorfstraße von Osten her kommenden rauchenden Flugkörper, der dann 20 Meter vor ihrem Haus aufschlug und auf der Brücke zerschellte. Einig sind sich die beiden Augenzeugen: „Wir und ganz Bauhofen hatten unheimliches Glück.“

Drei Soldaten lagen tot in dem ausgebrannten Wrack

Das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigte sich erst später. Der örtlichen Feuerwehr war es nicht möglich, einzugreifen. Zwar befand sich das Gerätehaus in unmittelbarer Nähe, doch die „Spritze“ war auf einen Traktor angewiesen, der die Brücke wegen des brennenden Trümmerhaufens jedoch nicht passieren konnte. Durch das Feuer war außerdem die Telefonleitung beschädigt worden. Der Vorsitzende der Feuerwehr brauste so schnell es ging nach Muttershofen, um von dort Polizei und weitere Hilfskräfte zu verständigen. Die Feuerwehr aus Ziemetshausen konnte das brennende Wrack mit Schaum löschen. Die übrigen Feuerwehrleute sperrten die Unglücksstelle ab und hielten Neugierige fern.

Wenig später kam ein Armeehubschrauber mit einem Sonderkommando der Bundeswehr aus Lagerlechfeld und übernahm die weiteren Maßnahmen. Es zeigte sich, dass drei Soldaten verkohlt und tot in dem ausgebrannten Wrack lagen. Weitere Augenzeugen berichteten vom Zusammenstoß zweier Flugzeuge etwa einen Kilometer südöstlich von Bauhofen, was sich wenig später bestätigte, als südlich des Weges nach Lauterbach ein vierter toter Soldat geborgen wurde. Das fünfte Opfer fand ein Suchtrupp erst am nächsten Tag nur rund 100 Meter entfernt in einem Waldstück. Das zweite Flugzeug, ein Düsenjet vom Typ Fiat G 91, schlug auf freiem Feld nahe Langenneufnach auf. Die beiden Piloten konnten sich aber, wie Waldarbeiter beobachtet hatten, mit dem Schleudersitz retten und wurden nur leicht verletzt wenig später gefunden.

Gasthof wurde zur Kommandostelle der Bundeswehr

Leni Bollinger, Wirtstochter aus Bauhofen, erinnert sich ebenfalls noch gut an die Tragik dieser Tage. Der Gasthof wurde kurzfristig zur Kommandostelle der Bundeswehr umfunktioniert, eine Untersuchungskommission des Bundesverteidigungsministeriums nahm die Arbeit auf, „da war dann schon einiges los“. Allerdings sollte es noch geraume Zeit dauern, bis die Unglücksursache abschließend geklärt war.

Fest stand bald, dass der Fiat-Düsenjet mit zwei Piloten und ein Bundeswehr-Messflugzeug vom Typ Hansa-Jet mit fünf Mann Besatzung in einer Höhe von 9500 Fuß (etwa 3100 Meter) um 13.15 Uhr bei klarer Sicht südöstlich von Bauhofen zusammengestoßen waren. Fakt ist aber auch, dass Ziemetshausens Bürgermeister Rudolf Schmuderer beim damaligen Verteidigungsminister Georg Leber in einem offenen Brief starke Kritik an den Rettungsmaßnahmen der Bundeswehr übte. So seien von der Kommune bereitgestellte Suchtrupps aus den Reihen der Feuerwehren als nicht notwendig abgelehnt worden. Sein Eindruck: „Die verantwortlichen Bundeswehroffiziere haben sich einer „nicht mehr zu überbietenden Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern schuldig gemacht“. Der Tadel blieb unbeantwortet und wurde nicht einmal bei einem Besuch in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn ausgeräumt.

Denkmal für tote Soldaten

In Bauhofen war man der Ansicht, dass es den Soldaten irgendwie noch möglich gewesen sein muss, die beschädigte Maschine zwischen den Häusern mitten im Dorf niedergehen zu lassen. Bürger, Feuerwehr und viele freiwillige Helfer haben aus Dankbarkeit für dieses Glück im Unglück ein Denkmal an der Stelle errichtet, wo die drei Soldaten ihr Leben ließen. Für die beiden anderen wurden ein Holzkreuz und eine Gedenktafel an der Fundstelle errichtet. Regelmäßig gedenken die Bauhofener dieses Unglücks. Auch an diesem Samstag findet um 15.30 Uhr an dem Denkmal an der Brücke eine kleine Gedenkfeier für die fünf toten Soldaten statt.

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