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Großaitingen

02.03.2017

Riesige Massen in der kleinen Faust

Unser Redaktionsmitglied Reinhold Radloff (links) bewegt einen Kran.  Um die vielen Displays im Kranführerstand richtig interpretieren zu können, war die Hilfe von Tobias Wiedemann nötig.
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Unser Redaktionsmitglied Reinhold Radloff (links) bewegt einen Kran.  Um die vielen Displays im Kranführerstand richtig interpretieren zu können, war die Hilfe von Tobias Wiedemann nötig.
Bild: Riedelsheimer

Wie fühlt es sich an, einen 70-Tonnen-Mobilkran zu bewegen? Ein Selbstversuch zeigt, wie schwer es ist, das 600.000 Euro teure Monster zu bedienen.

Alles lässt sich irgendwie steigern. Also auch die Größe der Fahrzeuge, die ich jemals gefahren bin. Dachte ich. Und ich behielt recht. Da stand ein gigantisches Ding vor mir, furchteinflößend. Da funkelten zwar die Augen, doch je länger ich davor stand, umso mehr stieg die Besorgnis: Würde ich das weit über 600000 Euro teure Monster auch bedienen können?

Bis ich mich recht versehe, sitze ich schon im Führerhaus des LTM 1070-4.2: ein 70 Tonnen schwerer Leicht-Teleskop-Mobilkran, vierachsig, ein Modell der zweiten Generation. Beruhigend wirkt Tobias Wiedemann vom Baugeschäft Marcus Riedelsheimer auf mich ein: „Wird schon klappen“, meint er. Ich drehe den Zündschlüssel und mit einem tiefen Grollen startet der 370 PS-Dieselmotor, der aus dem blanken „Kamin“ eine kleine klare Wolke stößt.

Der richtige Umgang mit dem Kran ist erst nach Monaten möglich

Riesige Massen in der kleinen Faust

Es folgt eine erste Einweisung an vier Displays, zwei Joysticks mit zahllosen Knöpfen und drei Pedalen. Ich verstehe nur Bahnhof. „Macht nichts“, sagt der erfahrene Kranführer,„ich hab auch ein paar Monate gebraucht, bis ich so richtig damit umgehen konnte.“

Wir beweisen beide Mut, und los geht die Arbeit: Vier massive Stützen werden ausgefahren, setzen zart auf Holzbalken auf, setzen das Monstrum fest, machen es stabil, heben es an. Den Ballast noch aufnehmen, dann sagt Wiedemann: „Jetzt holen wir mit der Flasche die Kette auf acht Grad aus dem Kasten und teleskopieren auf 46 Prozent, aber das Hubseil immer nachjustieren wegen des Endabschalters. Und Vollgas.“ – „Bitte???“ Mir schwirrt der Geist. „Ganz einfach: links am Joystick voll zurück, rechts vorsichtig vor“, erklärt der Profi. So langsam gewinne ich ein klein wenig Gefühl für die Gummikugeln in meiner Hand. Die Displays mit Zahlen, Daten und Skizzen sind für mich nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln.

Es arbeiten immer mindestens zwei Personen gleichzeitig

Trotzdem: „Spüren Sie, was der Kran macht?“ fragt mein Chef. Ich schärfe alle Sinnesorgane: Es braust, fährt, donnert, rüttelt, zittert, alles ganz zart. Stufe für Stufe wird der Teleskopmast ausgefahren, verriegelt und die 450-Kilogramm-Flasche, an der die Kette befestigt wird, bleibt trotzdem auf gleicher Höhe. Ein tolles Gefühl. Jetzt auf acht Grad das Kettengehänge: Ich sehe sie und sogar die Acht auf dem Display. Ein Helfer hängt die Kette ein: „Wir arbeiten immer mindestens zu zweit, aus Sicherheitsgründen.“ Ich verstehe ziemlich schnell. Nachdem wir die Kette aufgenommen haben und den Kran gedreht, liegt angeblich ein riesiges Betonteil vor mir, das ich gar nicht sehen kann. Steffen Kapfer gibt deutlich Zeichen: „Runter lassen, stopp, anheben.“

„Vorsicht. Nur nicht den Kran und den Mast ins Pendeln bringen“, ruft mein Lehrmeister noch. Zu spät. Ich spüre und sehe eine gefährliche pendelnde Bewegung. „Ganz ruhig, etwas ablassen und warten“, sagt er gelassen. Alles wieder okay. Millimeter für Millimeter hebe ich das Betonteil an. Es tickt ganz langsam im Joystick in meiner Hand. Sobald ich etwas Gas gebe, wird dieses Gefühl schneller. Ich sehe, wie sich das riesige graue Teil in die Höhe schwingt. „So, und jetzt drehen und auf 170 Grad wieder absetzen.“

Dreidimensionale Befehle und schwingende Lasten

Die Befehle werden dreidimensionaler, komplexer. Rauf, runter, vor, zurück, drehen, die Last und der Koloss, alles in meinen beiden Händen und Füßen. Und das klappt auch noch. Ich fühle mich großartig in meinem Cockpit mit halbem Liegesitz. Doch beim Abbremsen der Last geht mir schon wieder die Muffe und Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter: Irgendwie schwankt alles, doch der Experte greift ein wenig ein. Schon herrscht wieder Ruhe. „Jetzt auf 50 Meter teleskopieren. Displays beobachten.“ Der Mast folgt meinen Minimalfaustbefehlen mit gigantischen Bewegungen und schwingt dabei. „Wieder zu schnell, sch ... “, denke ich, bekomme aber die ungewollten Bewegungen in den Griff. Geht doch.

Da, unser Helfer. Ablassen, ein wenig links, ein wenig rechts. Er hat die Last, führt sie zu Boden, löst die Kette und kreist den Zeigefinger. Heißt: rauf mit dem Seil. Ich folge. Und erstaunlicherweise die Maschine auch. Teleskop einfahren, Mast auf 46 Prozent, Seil runter, Kette ablegen. Mast ablegen. Flasche an der Karosserie einhängen, Schüssel rumdrehen. Schweißgebadet steige ich aus dem Führerhaus.

„Ein Erlebnis der Extraklasse“, sage ich und drücke Wiedemanns kräftige Hand. „Geben Sie mir noch ihre Telefonnummer.“ „Warum?“ Damit ich Sie anrufen kann, wenn wir einen Aushilfsfahrer brauchen.“ Zu viel des Lobs. „Gern“, sage ich und setze mich in meinen Kleinwagen.

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