Benjamin Menzel aus Siebnach traute seinen Augen nicht, als er vor wenigen Tagen im Wald mit seinem Hund durch den Wald westlich von Traunried joggte. An einer Weggabelung sah er gegen 7.15 Uhr aus dem Gras den Kopf eines Tieres mit aufgestellten Ohren herausragen und dachte zuerst an einen Hasen. "Als sich das Tier aber aufrichtete, konnte ich es kaum glauben, ein echtes Känguru zu sehen. Ich hielt meinen Hund fest an der Leine und das Känguru sprang in seiner typischen Bewegung nach rechts in den Wald hinein", erinnert sich der 37-jährige Informatiker.
Das Känguru war etwa hüfthoch und hatte keine Auffälligkeiten wie etwa einen geknickten Schwanz. In der Nähe der Entdeckungsstelle gibt es einen Bachlauf, den das Känguru wohl nutzen konnte. Viele Monate war es ruhig um das Tier. Jetzt taucht es wieder auf. Vielleicht liegt das daran, dass sich in der warmen Jahreszeit mehr Menschen im Wald aufhalten. Entsprechend größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand das Känguru sieht.
Bei Mickhausen entstand ein Video vom Stauden-Känguru
So wie Martina Schüller. Sie begegnete dem Tier im Herbst 2021 im Wald bei Rielhofen bei Mickhausen. Während ihrer morgendlichen Spazierrunde stand das Tier plötzlich auf dem Forstweg. Martina Schüller zückte sofort ihr Handy und machte ein Video. Darauf ist ganz deutlich das Känguru zu sehen.
In den Wochen zuvor wurde das Känguru zweimal im Wald zwischen Scherstetten und Konradshofen gesehen. Ein Jäger entdeckte es im Staatswald, als es Gras futterte. Sofort zog er sein Handy aus der Tasche und fotografierte das Tier durch die Optik seines Gewehrs. So entstand ein gestochen scharfes Bild. Sehen ließ sich das Tier auch an der Mickhauser Bergrennstrecke: Ein Autofahrer meldete der Polizei die unglaubliche Begegnung nahe der 14-Nothelfer-Kapelle.
Es ist weiter unklar, woher das Känguru kommt, sagt die Polizei
Dort ging im Januar auch ein Ehepaar aus Ustersbach spazieren. "Eigentlich wollten wir von Ustersbach nach Landsberg fahren", berichtete Bernhard Regele. Weil die Winterlandschaft so schön war, haben er und seine Frau sich kurzfristig dazu entschlossen, im Wald zwischen Münster und Birkach auf Höhe der Kapelle anzuhalten und eine Runde spazieren zu gehen. Auf dem Weg trafen sie auf das Känguru.
Nach wie vor ist unklar, woher das Tier kommt. Bei der Polizei in Schwabmünchen ist seit den ersten Sichtungen keine Vermisstenanzeige eingegangen. Anders war es im Jahr 2019: Damals war Känguru Knicksy ausgebüxt. Es stammte vom Kaindlhof in Erkhausen bei Scherstetten. Wochenlang wurde das Wallaby mit dem charakteristischen Knick im Schwanz gesucht, aber niemals gefunden. Mit dem jetzt immer wieder auftauchenden Känguru habe Knicksy nichts zu tun, versicherten Thomas Kaindl und seine Lebensgefährtin Anja Waldinger vom Kaindlhof mehrfach.
Doch welche Überlebenschance hat ein Känguru in den Stauden? Kann es über den dort oft schneereichen Winter kommen? Die Chancen stehen nicht schlecht, erklärt Robert Fitz von der Tierklinik in Gessertshausen. "Wenn wir keinen sibirischen Winter mit Minusgraden über mehrere Wochen erleben, kann das Känguru gut überleben", sagt er. Eine leichte Schneedecke mache dem Tier nichts aus. Wichtig sei, dass es täglich ausreichend Wasser und Futter findet. Davon gibt es in den ausgedehnten Wäldern der Staudenplatte genügend. Kängurus sind Pflanzenfresser. Auf dem Speiseplan stehen Gräser, Kräuter und Blätter. In freier Wildbahn leben sie in Australien und auf vorgelagerten Inseln wie Tasmanien und Neuguinea. Es gibt mehr als 80 verschiedene Arten. Die kleineren Tiere werden etwa acht Jahre alt, die größeren können bis zu 16 Jahre alt werden.
Für unwahrscheinlich hält es der Experte, dass sich das Känguru in den Stauden fortpflanzt und eine Familie gründet. "Theoretisch ist es möglich, aber dafür bräuchte es einen Partner", sagt Robert Fitz. Ein passender Name für den Nachwuchs wäre hingegen schnell gefunden. Denn die Geschichte vom Staudenkänguru beschäftigt auch viele Leserinnen und Leser.
Sie hatten im vergangenen Jahr Vorschläge gemacht, wie das frei laufende Känguru in den Stauden heißen könnte. Thomas Burkart aus Wehringen würde es "Staudi" nennen. "Staussi", eine Mischung aus Stauden und dem eigentlichen Herkunftsland Australien, lautet der Vorschlag von Christoph Pöpperl aus Siegertshofen. Leonard Aumüller würde es "Papsy" nennen, seine große Schwester Melina "Mipsy". Die Mutter der Geschwister, Christine Zöpf-Aumüller, findet "Mick" gut - weil das Tier zuletzt bei Mickhausen gesichtet wurde.