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Wehringen, Bobingen: Gewerbegebiet im Auwald: Forst-Experte widerspricht Darstellung des Bürgermeisters

Wehringen, Bobingen

Gewerbegebiet im Auwald: Forst-Experte widerspricht Darstellung des Bürgermeisters

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    Das Wehringer Gewerbegebiet Auwald soll vergrößert werden. Die Gemeinde plant, im Herbst über vier Hektar abzuholzen.
    Das Wehringer Gewerbegebiet Auwald soll vergrößert werden. Die Gemeinde plant, im Herbst über vier Hektar abzuholzen. Foto: Maximilian Czysz

    Gegen die Pläne des Wehringer Gemeinderates, vier Hektar Waldfläche für ein neues Gewerbegebiet an der Wertach zu rodern, regt sich Widerstand. Die Diskussion befeuert hat zuletzt Wehringens Bürgermeister Manfred Nerlinger.

    Er hatte im Zusammenhang mit der Fläche im Auwald erklärt, das Gebiet sei "ökologisch langfristig nicht erhaltenswert". Dem widerspricht Hubert Meßmer, forstwirtschaftlicher Berater im Amt für Landwirtschaft und Forsten Augsburg: "Wir als Forstleute, die wir uns als Anwalt des Waldes verstehen, neigen dazu, den Wäldern den Vorzug vor Gewerbegebieten zu geben. Obwohl man auch die Gemeinden verstehen muss, die Möglichkeiten zur Entwicklung brauchen."

    Überwiegend Fichtenbewuchs auf dem Gebiet in Wehringen

    Laut Meßmer würden auf dem Gebiet überwiegend Fichten stehen. Aber dass ein Wald deswegen ökologisch geringwertig sei, lasse sich daraus nicht schließen. Denn vor Ort lasse sich beobachten, dass sich der Wald bereits von selbst verjünge und "schon jetzt ein bemerkenswertes" Buchenwachstum zu beobachten sei. Mit Unterstützung und Begleitung durch den zuständigen Förster ließe sich dort ein durchaus erhaltenswerter Wald entwickeln.

    Die Ortsgruppe Bobingen des Bund Naturschutz argumentiert, dass ein kleinerer Teil der künftigen Gewerbefläche mit ökologisch wertvollem Hasel- und Erlenniederwald mit viel Totholz und der für einen Auwald typischen Krautschicht bewachsen ist. Ein hoher Grundwasserstand, verursacht durch den Aufstau der Wertach, schaffe gute Wachstumsbedingungen. Pfützen würden Amphibien Laichgelegenheit bieten und die Laubwaldbereiche eine vielfältige Vogelwelt beherbergen.

    Ein Wald - auch mit überwiegend Fichtenbewuchs - erfülle viele wichtige Aufgaben, erklärt Meßmer. Er sei auf viele Arten ein Bollwerk gegen den Klimawandel. Seine natürliche Funktion als Wasserspeicher sei einer versiegelten Fläche deutlich vorzuziehen. Letztlich habe die Bepflanzung Ende der 1950er-Jahre bereits das Ziel gehabt, einen funktionsfähigen Wald entstehen zu lassen. Dass überwiegend Fichten gepflanzt worden seien, liege laut Meßmer daran, dass es zu dieser Zeit einfach so üblich gewesen sei. Daraus abzuleiten, dass diese Fläche ökologisch wertlos sei, könne er nicht gutheißen. Meßmer erinnert an eine weitere Funktion des Waldareals zwischen Wehringen und der Bobinger Siedlung, die in den bisherigen Diskussionen noch gar nicht beachtet worden sei.

    Denn das Gebiet stelle eine "Grünbrücke" zwischen dem Auwald an der Wertach und dem Hochwaldgebiet Westliche Wälder dar. Wie stark diese Brückenfunktion in die Überlegungen mit einbezogen werden müsste, kann Meßmer allerdings nicht sagen. Dazu bräuchte es genauere Untersuchungen zum Bestand an Pflanzen und Tieren und inwieweit der Austausch zwischen den Waldflächen beeinträchtigt würde.

    Gewerbegebiet: Klimaaktivisten sprechen von "gefährlichem Experiment"

    Klimaaktivisten, die vor einer Woche nachts im Wald ein Banner über der Straße aufgehängt haben, kritisieren das Projekt. Auch mit den Aufforstungsplänen der Gemeinde Wehringen sind sie nicht einverstanden. Im Bebauungsplan festgesetzt sind rund fünf Hektar. Die Gemeinde will zeitnah freiwillig weitere 2,4 Hektar Ausgleichsflächen mit zukunftsfähiger Bepflanzung, die dem Klimawandel Rechnung trägt, anpflanzen. Im Gegensatz zur bisherigen intensiv forstwirtschaftlichen Nutzung sollen zudem mit den Neuanpflanzungen vorwiegend naturschutzfachliche Zielsetzungen verfolgt werden, teilte Bürgermeister Nerlinger jüngst mit.

    Die Aufforstung bezeichnet Klimaaktivist Ingo Blechschmidt als "gefährliches und spekulatives Experiment". Zum einen sei nicht klar, ob Bäume wegen des Klimawandels an anderer Stelle einfach wachsen. Was aus der Sicht des Mitbegründers des Augsburger Klimacamps ebenfalls bedenklich sei: Ein neuer Wald benötige 80 bis 100 Jahre, bis er in demselben Maß Kohlendioxid binden könne. Das sieht Förster Hubert Droste, der Leiter des Forstbetriebs Zusmarshausen der Bayerischen Staatsforsten, anders: Sobald Jungbestände Holz produzieren, werde entsprechend Kohlendioxid gebunden. Das sei ab einem Alter von zehn bis 20 Jahren der Fall. Bayern sei von Haus ein Waldland, so Droste. Deshalb sollte bei entsprechender Baumartenwahl die Anpflanzung gelingen.

    Über 1000 Unterstützer bei der Online-Petition

    Die Klimaaktivisten haben nach ihrer ersten Protestaktion eine Waldbesetzung angekündigt. Sie wollen Baumhäuser bauen und so eine Rodung verhindern. Die Polizei kündigte bereits an, ein Auge auf die Fläche zu werfen. Derweil wächst die Zahl der Unterschriften einer Online-Petition: Über 1000 Unterstützer haben sich gegen die Pläne ausgesprochen, über 450 Menschen haben einen Kommentar hinterlassen. Am Mittwochabend trafen sich Naturschützer auf Einladung der Grünen zu einer Ortsbegehung.

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