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Glücksspiel
20.03.2022

Gefährliches Zocken: Wie die Bundesliga mit Sportwetten verdient

Werbung für Sportwetten ist in der Bundesliga überall. Zugleich steigt die Anzahl derer, die die Kontrolle über ihr Spielverhalten verlieren.
Foto: Tim Groothuis, Witters

Mit Sportwetten-Sponsoring verdient die Bundesliga Millionen. Expertinnen und Experten kritisieren, dass Gefahren verharmlost werden – und staatliche Kontrolle nicht funktioniert.

Wer es wirklich ernst meint mit seiner Leidenschaft zum Fußball, der fiebert mit. Und hat mindestens eine Wette platziert, die ihn zum "Teil des Spiels" macht, soweit der Slogan eines Wettanbieters. Bei Fußball-Übertragungen macht die Werbung für Sportwetten längst den Löwenanteil aus. Die Botschaft, die dahintersteckt: Sportwetten sind nichts Verwerfliches, sondern Teil des Nervenkitzels.

Oliver Kahn, der heutige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, fungierte vor seinem Einstieg bei den Bayern als Werbeträger für den Anbieter Tipico. In einem Werbevideo sprach er davon, dass es nun auch in Deutschland an der Zeit sei, dass Fußball-Fans sich mit ihrem Sachverstand ein paar Euros dazuverdienen dürften. Tatsächlich verdienen aber vor allem die Wettanbieter. Der Gesamtumsatz im deutschen Sportwettenmarkt lag 2020 bei 7,8 Milliarden Euro.

Oliver Kahn war Werbeträger eine Sportwetten-Anbieters.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Sportwetten sind ein Milliardengeschäft

Zum Vergleich: 2014 lag der Umsatz der deutschen Branche noch bei 4,5 Milliarden Euro und schnellte 2019, im letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, auf 9,3 Milliarden an. Im gleichen Maße erreicht auch die Anzahl der Menschen, die in Deutschland ein problematisches Suchtverhalten haben, neue Höchstwerte.

Während bundesweit in etwa von einer halben Million Spielsüchtigen ausgegangen wird, lieferte eine in dieser Woche erschienene Studie der Universität Bremen noch erschreckendere Zahlen: Demnach sei bei 2,3 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren eine "Störung durch Glücksspiele" erkennbar, umgerechnet also bei 1,3 Millionen Menschen. Der Anteil, den die Sportwetten daran haben, ist groß. Und die Tendenz auch hier steigend.

Barbara Ballinger-Amtmann ist Suchtberaterin der Augsburger Caritas.
Foto: Caritas Augsburg

Die Suchtberatung der Augsburger Caritas betreut Glücksspielsüchtige

In der Suchtberatung der Augsburger Caritas zum Beispiel werden aktuell 35 Personen wegen ihrer Glücksspielproblematik betreut, acht davon sind wegen Sportwetten in Behandlung. Psychologin Barbara Ballinger-Amtmann sagt dazu: "Zusammen mit dem Automatenspiel sind Sportwetten mittlerweile das, was wir am häufigsten behandeln."

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Wer zu den Sitzungen kommt, hat meist zwischen 30.000 und 40.000 Euro Schulden angehäuft. Dazu kommt in allen Fällen noch eine große Portion Scham hinzu. Es gibt Eltern, die das Sparschwein ihrer Kinder knacken. Ehemänner, die das gemeinsame Konto plündern, um ihre Spielsucht zu finanzieren. Es gibt Geschichten vom Strom, der abgestellt wurde, weil der Mieter sein Geld wegen eines unerwarteten Unentschiedens des großen Favoriten verloren hat. Ballinger-Amtmann betont, dass keine Sucht untherapierbar ist, dass der Gang zur Beratungsstelle nie zu früh kommen kann.

Seit Juli 2021 ist ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft

Aber müsste das alles wirklich sein? Seit Juli 2021 gibt es einen neuen Glücksspiel-Staatsvertrag, der das Angebot der Wettanbieter legalisieren, stärker als bisher regulieren und Einsätze eindämmen soll. Zuvor fand ein Großteil des Glücksspielmarktes im rechtlichen Graubereich statt. Der neue Vertrag setzt vor allem auf zwei Schutzmechanismen: Es gibt ein Einzahllimit von monatlich 1000 Euro, zudem soll eine zentrale Datei alle Spieler erfassen. Lässt sich ein Spieler sperren, kann er auch bei allen anderen lizenzierten Anbietern keine Einsätze mehr tätigen.

Was sich in der Theorie gut anhört, hat in der Praxis seine Tücken. Ballinger-Amtmann nutzt die Möglichkeit, Personen in die Sperrdatei aufzunehmen, zwar regelmäßig. Weil aber jede Spielstätte separat genehmigt werden muss, haben manche Anbieter noch gar keine Lizenz. Große Sportwettenanbieter sind zwar registriert, doch aktuell befinden sich nach Auskunft des zuständigen Regierungspräsidiums Darmstadt 300 Anträge noch in der Bearbeitung.

Konrad Landgraf
Foto: Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

Die Kontrollfunktionen greifen nur zum Teil

Laut Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern, ist auch die Kontrollfunktion des Einzahllimits ausgehöhlt. Denn nur in den wenigsten Fällen werden Spieler auch tatsächlich davor bewahrt, mehr als 1000 Euro einzusetzen: "Alle Sportwettenanbieter haben gegen das Einsatzlimit geklagt – und solange über diese Klage nicht entschieden ist, ist offen, ob dieses Limit angewandt wird." Den Beweis dafür bekommt Landgraf regelmäßig geliefert: Immer wieder melden sich bei seiner Behörde Spieler, die deutlich mehr als 1000 Euro verloren haben. Überhaupt hält Landgraf das Einzahllimit "für viel zu hoch", wie er betont: "Welcher Durchschnittsverdiener kann es sich leisten, 1000 Euro jeden Monat zu verlieren? Von einem wirklichen Schutzmechanismus kann man hier nicht sprechen."

Ein weiteres Problem des Glücksspielvertrags ist die Regulierung der Werbung: Zwar darf Online-Glücksspiel nur von 21 bis 6 Uhr beworben werden – Werbung für Sportwetten sind aber rund um die Uhr erlaubt. "Bwin und Tipico zum Beispiel haben ja auch Casinospiele auf ihrer Seite. Insofern ist Werbung für deren Sportwetten ja auch Werbung für deren restliches Angebot."

Ein Fan-Bündnis fordert die Bundesliga auf, das Sponsoring zu stoppen

Das Sponsoring der Bundesliga mit Wettanbietern sehen ohnehin viele Beobachter kritisch. Viele Bundesliga-Vereine haben einen Werbevertrag mit einem Wettanbieter, die Bundesliga kooperiert darüber hinaus noch mit Tipico. So forderte die Fan-Vereinigung "Unsere Kurve" unlängst die Politik auf, härte Regulierungen für Glücksspiele einzuführen. Außerdem sollten die Bundesliga-Vereine jegliches Sponsoring mit Wettanbietern beenden. Das Sucht- und Gefährdungspotenzial von Sportwetten werde gezielt vertuscht, kritisierte das Fan-Bündnis. Dies sei beim Fußball gerade deswegen so gefährlich, weil Studien belegen, dass gerade junge Menschen, die in Sportvereinen aktiv sind, ein erhöhtes Suchtrisiko haben. Das sieht auch Karl Landgraf so: "Hier wird der Sport seiner Verantwortung nicht gerecht." Die DFL verwies in früheren Stellungnahmen auf die Maßnahmen, die man gegen Spielmanipulation getroffen habe. Zudem sei "die Bewerbbarkeit von Sportwetten ein zentrales Instrument, um Spieltrieb in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken."

Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus dem Ausland: In Spanien zum Beispiel ist es mittlerweile verboten, auf Trikots, in den Stadien und während der Prime-Time im TV für Sportwetten zu werben. In Italien dürfen Glücksspiel-Anbieter seit 2018 kein Sportsponsoring betreiben, während in England bereits einzelne Vereine wie die Bolton Wanderers von sich aus beschlossen haben, nicht mehr für Sportwetten werben zu wollen.

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