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Buttenwiesen

06.08.2019

Buttenwiesen: 65 Jahre gemeinsam durchs Leben

Im eigenen Garten fühlen sich Erwin und Aurelia Müller besonders wohl. Heute feiert das Unternehmer-Ehepaar aus Buttenwiesen das seltene Ehefest der „Eisernen Hochzeit.“
Bild: Günther Herdin

Was das erfolgreiche Unternehmer-Ehepaar Erwin und Aurelia Müller aus Buttenwiesen zu ihrer eisernen Hochzeit zu erzählen hat. Beinahe wären sie nach Amerika ausgewandert.

Deutschland hat rund 83 Millionen Einwohner. Weit mehr als die Hälfte dieser Menschen sind verheiratet. Das Privileg, die Eiserne Hochzeit feiern zu können, haben im Jahresdurchschnitt jedoch nur circa 13000 Paare. In Buttenwiesen gab es 2013, 2016 und 2018 je einmal ein solches Jubiläum, wie Rainer Schechinger bestätigt. „Wir sind scheinbar ein gutes Pflaster für solche außergewöhnlichen Ereignisse“, schmunzelt der Leiter des Einwohnermeldeamtes im Rathaus. Ab dem heutigen Mittwoch sind auch Erwin und Aurelia Müller 65 Jahre lang verheiratet – „Eiserne Hochzeiter sozusagen. Gefeiert wird im engen Familienkreis zunächst mit einem Gottesdienst um 10.30 Uhr in der Pfarrkirche „Heimsuchung“ in Gottmannshofen, ehe sich am frühen Nachmittag der gesellige Teil anschließt.

Ehemaliger Wertinger Pfarrer kommt

Dabei soll alles so ablaufen wie bei der Diamantenen Hochzeit vor fünf Jahren. Damals zelebrierte der ehemalige Wertinger Stadtpfarrer Johann Menzinger den Gottesdienst, heute kommt er erneut ins Zusamtal, um den Müllers den Segen zu geben und zu gratulieren. Dass er in seinem Leben mit seiner Frau Aurelia nach der Trauung im Jahr 1954 (Grüne Hochzeit) noch weitere dreimal – neben der Diamantenen Hochzeit wurde auch die „Goldene“ (50 Jahre) gebührend gefeiert – vor den Altar schreiten würde, daran hatte Bräutigam Erwin Müller vor sechseinhalb Jahrzehnten keinen Moment gedacht: „Wir sind sehr dankbar, dass wir nun so einen Moment begehen können.“

Erwin Müller vom gleichnamigen Versandhaus in Buttenwiesen wuchs ebenso wie seine Frau in Lauterbach auf. „Wir kannten uns schon als Kinder“, blickt Aurelia Müller, geborene Riegg, auf die schwierigen Nachkriegsjahre zurück. Aufgewachsen ist Aurelia Müller in einfachen Verhältnissen. „Wir mussten damals sehr sparen“, erinnert sich die Mutter von vier Kindern, neun Enkeln und zehn Urenkeln. Noch heute, so betont ihr Ehemann, könne man von ihr das Sparen lernen.

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„Viel hat nicht gefehlt“, sagt Erwin Müller rückblickend, „und ich wäre nach der Entnazifizierung beinahe nach Amerika ausgewandert.“ Mit all den Soldaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in seinem Heimatort Lauterbach Schokolade und andere süße Sachen an ihn und all die Kinder und Jugendlichen verteilten, hat sich der damals 15 Jahre alte Bub gut verstanden. „Auch weil ich damals schon englisch sprechen konnte“, erinnert sich der heute 88-Jährige an die damaligen Zeiten. Müller blieb nach langen Überlegungen doch in seinem geliebten Zusamtal und machte sich nach seiner kaufmännischen Ausbildung in Augsburg selbstständig. Als er mit 21 Jahren beim damaligen Lauterbacher Bürgermeister Eser ein Gewerbe anmeldete, habe dieser nicht so richtig gewusst, was er mit dem Begriff „Textilgroßhandel“ anfangen sollte. Erwin Müller schon.

Noch jeden Tag ins Büro

Während in Amerika gar mancher Tellerwäscher zum Millionär wurde, baute Müller in all den Jahren danach in Buttenwiesen sukzessive ein Unternehmen auf, in dem heute an die 500 Mitarbeiter beschäftigt sind. Noch im hohen Alter geht Erwin Müller fast jeden Tag am späten Vormittag für circa zwei Stunden ins Büro, um sich in der Firma umzuhören und umzusehen. Mit Geschäftsführerin und Tochter Rita Müller-Brenner stehe er im ständigen Austausch. Auch mit seiner anderen Tochter Petra Hirn und Enkelin Maria Schweitzer, welche gemeinsam den Verkauf des Familienbetriebes leiten. Wenn das Finanzamt zur jährlichen Steuerprüfung komme, habe er noch nie einen Termin versäumt, wird dem Seniorchef nachgesagt, dass er noch immer ein „Herr der Zahlen“ sei. Angesprochen auf diese Tugend antwortet Müller: „Betriebswirtschaft ist schon immer meine Stärke.“

Dafür habe er, was das handwerkliche Geschick anbelangt „zwei linke Hände“. Ganz im Gegensatz zu Ehefrau Aurelia, die auch mit 86 Jahren im Haushalt und im Garten stets nach dem Rechten schaue. Vor allem ihr Garten ist für sie ein kleines Paradies. Beim Blick auf insgesamt vier Kirchtürme (Buttenwiesen, Unterthürheim, Oberthürheim, Pfaffenhofen), unzählige Blumen, Sträucher und Bäume wird klar, dass die Müllers nicht nur wegen des fortgeschrittenen Alters auf große Urlaubsreisen verzichten. „Hier fühle ich mich am wohlsten“, gesteht Aurelia Müller, die sich durch ihre Gartenarbeit auch körperlich noch fit hält. Was die Firma anbelangt, kümmert sich die Seniorchefin seit Jahrzehnten um das Management sämtlicher Gebäude. „Sie stehen alle gut da und machen auch optisch etwas her“, bekommt sie prompt ein Lob von ihrem Ehemann. Eher selten begleitet sie diesen bei dessen täglichen Spaziergängen entlang der Zusam in Richtung Lauterbach. „Bewegung ist wichtig für mich“, betont Erwin Müller, der gelegentlich auch sehr gerne mit Auto in der Region unterwegs ist, wie er betont.

Besuch auf dem Wertinger Friedhof

Was den Ablauf der „Eisernen Hochzeit“ anbelangt, wusste Müller beim Gespräch mit unserer Zeitung freilich noch nicht, welche Kleidung er anziehen wird/muss. „Ich werde angezogen“, lächelt er und will sich einfach überraschen lassen. Die „Eiserne Braut“, wird übrigens im Dirndl erscheinen, die restliche Hochzeitsgesellschaft in Tracht. In den Programmablauf zwischen Gottesdienst und Feier ist am Mittag auch ein Besuch auf dem Friedhof in Wertingen vorgesehen, wo seit Mai 2012 Tochter Christa begraben ist. Beim Gespräch über ihr geliebtes Kind kommen dem Ehepaar immer wieder die Tränen. Der tiefe Schmerz, den Vater und Mutter dabei empfinden, könne gegenüber Dritten gar nicht geschildert werden. Was sich Erwin und Aurelia Müller für den Rest ihres Lebens wünschen? „Vielleicht haben wir ja noch einige weitere gemeinsame Jahre“, sinniert Erwin Müller ganz leise. An die „Gnadenhochzeit“ (70 Jahre verheiratet) möchte er aber noch nicht denken.

Wie andere Paare ihre Eiserne Hochzeit feiern:

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