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24-Stunden-Serie

26.08.2017

Die nächtlichen Naschkatzen

Nachts im Pflegeheim. Im Bild von links Laura Dannemann, Eva Agroh, Anna-Maria Kemmer und Denise Müller.
Bild: Homann

Um 22 Uhr schleichen nicht nur zwei Katzen durch die Gänge des Pflege- und Seniorenheimes Lipp

Eva Agroh ist ein Nachtmensch. Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet sie im privaten Pflege- und Seniorenheim Lipp ausschließlich von 20.30 bis 6.15 Uhr. Ihr Körper habe sich daran gewöhnt. „Für mich ist das das Beste.“ Die junge Kollegin Denise Müller hat heute ihre erste Nachtschicht. Es ist 22 Uhr. Zeit für den ersten Rundgang.

In den meisten Zimmern im Erdgeschoss ist es still. Vorsichtig lugen die beiden Frauen hinter jede Tür. Insgesamt 73 Menschen im Alter von 38 bis 98 Jahren wohnen in diesem Pflegeheim. Manchmal brennt neben ihrem Bett noch ein kleines Licht, das bleibt an. Eine offene Tür bleibt auf. Nur einen Fernseher schaltet Denise Müller auf Zehenspitzen schleichend vorsichtig aus. Außer bei Anna-Maria Kemmer. Die sitzt hellwach auf der Bettkante, sieht fern und freut sich riesig über den Besuch. Auf dem Rollator vor sich sind Fernbedienung, Taschentücher und Tee platziert. Eigentlich fehlen bloß noch Kekse und ein paar Gläser mehr für einen fröhlichen nächtlichen Klatsch. Flüstern muss man auch nicht. Die anderen schlafen tief und fest. Doch das Pflegepersonal muss weiter, durch den gelben Flur, geschmückt mit vielen Fotos von Sommerfest und Tanzabend, weiter von Zimmer zu Zimmer.

Bei manchen Bewohnern messen die Pfleger den Zuckerwert, andere bekommen eine Spritze oder neue Einlagen – und merken es oft gar nicht. „Es kann schon vorkommen, dass jemand durchschläft“, meint Siggi Ertl-Kaspar, Pflegedienstleitung. Irgendwie ist immer etwas. Im ersten Stock steht eine Frau im Nachthemd vor Laura Dannemann. Im schimmernden Licht der Notausgänge fragt sie die 22-Jährige nach der Uhrzeit. Dann schiebt die Seniorin ihren Rollator wieder zurück ins Zimmer und geht ins Bett. Die meisten, die nachts aufstehen und nicht aufs Klo müssen, wollen etwas Süßes.

Kein Problem, betont Ertl-Kaspar. Salzstangen, Schokolade und Grießbrei stehen teils sogar auf dem Flur unter einer Haube. Im Kühlschrank verbergen sich weitere Leckereien. „Die Menschen hier laufen ja viel, die haben einen hohen Kalorienbedarf, und viele dürfen auch Süßes essen“, sagt Ertl-Kaspar. Bei Demenzkranken gingen nach und nach die Geschmacksnerven verloren, erst ganz zuletzt der süße. Deswegen schütte sich manch einer Zucker ins Bier. Und Milchschnitte könnte man zum Beispiel auch essen, während man sich mit der anderen Hand am Rollator festhält.

Eine Frau hat ganz andere Vorlieben: Nachts singt sie. Oder jodelt. So ganz einig ist sich da das Pflegepersonal nicht. Wichtig ist zu wissen, wie man das stoppen kann, denn die Dame liegt nicht allein im Zimmer: Auf die rechte Seite legen. „Nur auf der linken singt sie“, sagt Laura Dannemann und lacht. Zwei Zimmer weiter läuft der Fernseher sehr laut, doch der Rentner schläft tief und fest. Auch eine grelle Zimmerlampe störe viele nicht. Laura Dannemann arbeitet nicht nur nachts, aber auch dann sehr gern. „Man hat mehr Verantwortung, es ist ruhiger und man lernt die Leute anders kennen.“ Viele würden einfach ein Mal auf und ab und dann zurück ins Bett gehen. Eine Frau bete dabei kurz, segne das Personal und ziehe sich dann wieder zurück.

Die Menschen, die in diesem Heim wohnen, können sich auch nachts frei bewegen. Das Gelände ist umzäunt, innerhalb des Hauses ist fast alles frei zugänglich. So kann es passieren, dass ein Senior auf dem großen roten Sofa im kleinen Esszimmer schläft. Eine Decke liegt dort immer parat.

Doch die Einzige, die nachts tatsächlich draußen herumschleicht, ist Katze Mona. Sie ist, wie Katze Lili, mit ihrem Besitzer ins Heim gezogen und kommt kurz vor 23 Uhr von einem nächtlichen Ausflug zurück. Ganz anders als Katze Lili, die ungeniert das Pflegepersonal um ein paar Leckerli anbettelt und sich, kaum dass eine der Frauen sitzt, in der Hoffnung auf eine Streicheleinheit anschmiegt.

Die nächsten Rundgänge stehen um 1 und um 4 Uhr an. Danach werden die ersten Bewohner schon wieder wach. Manche um 4.30 Uhr, andere erst um 10 Uhr. „Einige darf man auf keinen Fall wecken, sonst sind sie den ganzen Tag stinkig“, weiß Ertl-Kaspar.

Die größte Gefahr ist, dass nachts ein Bewohner auf dem Weg zur Toilette stürzt. Doch Sensormatten neben dem Bett verraten den Schwestern, wer sich gerade auf den Weg macht.

Meist sind Pfleger schon im Zimmer, um den Patienten sicher in sein Bad zu begleiten, bevor der sich überhaupt erhoben hat. Da suchen sie sitzend in der Dunkelheit ihrer Zimmer noch nach ihren Hausschuhen, und plötzlich steht Eva Agroh vor ihnen. Das sei dann vielen ganz unangenehm: „Ich wollte Sie doch nicht wecken!“

Im Rahmen unserer 24-Stunden-Serie stellen wir verschiedene Berufe vor.

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