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Pflege-TÜV

10.04.2015

Eine glatte Eins ist nichts wert, wenn der Mensch nicht im Mittelpunkt steht

„Bei den Kriterien des MDK steht häufig nicht das Wohlbefinden der Menschen im Fokus, sondern die Dokumentation von Kleinigkeiten.“Robert Frank, St. Klara Wertingen

Wertinger Pflegeeinrichtungen kritisierten das allgemeine Bewertungssystem

Was hat es damit auf sich, wenn einerseits Pflegeeinrichtungen immer wieder mit Bestnoten bei den Bewertungen durch den MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) glänzen können, aber andererseits immer wieder von schlimmen Zuständen in manchen Heimen die Rede ist? Dominique Labouvie vom MDK in München ist unter anderem für die ambulanten und stationären Einrichtungen zuständig, für die unterschiedliche Prüfkriterien gelten und die jährlich und unangekündigt vom MDK aufgesucht werden. Kritisiert wird das Bewertungssystem vom Wertinger Seniorenzentrums St. Klara.

Dominique Labouvie weiß um das andauernd diskutierte Problem der Bewertungen, die seit rund fünf Jahren eingeführt wurden: „Die Fragen des Pflege-TÜVs wurden durch den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung und durch verschiedene Pflegeträgerverbände erarbeitet. Was dabei herauskam, ist mit einem Beispiel zu erklären: Es ist gerade so, als ob Schüler gemeinsam mit dem Lehrer die Klausurfragen erarbeitet hätten.“ Aus seiner Sicht sei es ohnehin schwierig, mit Schulnoten zu arbeiten: „Die Menschen assoziieren eine Eins mit sehr gut, bei der Pflegebewertung bedeutet diese Eins aber nur, dass der Mindeststandard an eine qualitativ gute Pflege erfüllt wurde.“ Labouvie empfiehlt den Angehörigen vor der Auswahl eines Heims, sich nicht nur auf die Bewertungsnoten zu verlassen, sondern: „Selbst in die Häuser reingehen, auch außerhalb von Hausführungen und ebenso in Zeiten von Spätdiensten.“

Auch die regional ansässigen Pflegeeinrichtungen ärgern sich über so manches Bewertungskriterium. Schon lange klagt Heimleiter Robert Frank vom Seniorenzentrum St. Klara in Wertingen darüber, wie diese zustande kommen: „Wir erhalten von vielen Kontrollinstitutionen regelmäßig Bestnoten, dennoch sage ich, bei den Kriterien des MDK steht häufig nicht das Wohlbefinden der Menschen im Fokus, sondern die Dokumentation von Kleinigkeiten.“ Auch ist er der Meinung, dass das Notensystem abgeschafft werden müsse. Das Pflegepersonal könne wegen des hohen Dokumentationsaufwands oft den Vorgaben des MDK nicht gerecht werden. Allein die Personalbindung an einem Prüfungstag sei enorm: „Ich muss für jeden Prüfer eine Fachkraft abstellen.“ Die Pflegequalität habe sich jedoch nicht zuletzt auch wegen der Prüfungen durch den MDK stark verbessert, dennoch sagt Frank: „Es muss mehr auf das Ergebnis der Pflege Wert gelegt werden, statt auf die Struktur eines Heims.“

Ähnlich argumentieren Josefine Kotter und Regina Grob von der AWO (Arbeiterwohlfahrt). Sie und ihre Mitarbeiterinnen decken neben anderen Einrichtungen in der Region den ambulanten Pflegedienst ab. „Wir wurden dieses Mal mit 1,0 bewertet, so gut wie nie – aber das ist nur Papier“, beurteilt Kotter als Leiterin der Wertinger Pflegestation die Zahl nüchtern. Ihre Stellvertreterin, Regina Grob, ist der Meinung: „Das Wichtigste ist für uns die Zufriedenheit unserer Kunden, doch unsere guten Ergebnisse fließen in die Gesamtnote gar nicht mit ein.“ Habe man aber eine Kleinigkeit vergessen zu dokumentieren, „dann ist das in der Bewertung wie nicht gemacht.“ Man akzeptiere grundsätzlich Kontrolle, doch der Zeitaufwand für die Dokumentation fehle später beim Patienten. „Wir sind alles Fachkräfte mit sehr guter Ausbildung, müssen uns aber mit Nichtigkeiten bei der Dokumentation rumschlagen.“ Zwar freue man sich über die 1,0, wichtig seien aber die Aussagen der Menschen vor Ort.

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