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Negativzinsen

29.01.2020

Commerzbank-Regionalchef: "Der Zins wird so schnell nicht steigen"

Frank Haberzettel ist Bereichsvorstand der Commerzbank Bayern und Baden-Württemberg.
Foto: Alexandra Lechner

Plus Frank Haberzettel erklärt, was die Übernahme der Comdirect-Bank für die Kunden bedeutet, wer mit Negativzinsen rechnen muss und warum Filialen schließen.

Herr Haberzettel, plant die Commerzbank Negativzinsen für Privatkunden, wie sie mehrere Banken zum Beispiel ab 100.000 Euro erheben?

Frank Haberzettel: Wir haben nicht vor, für unsere Millionen Privatkunden Negativzinsen einzuführen. Mit besonders vermögenden Kunden, die sehr große Volumina an Geld zum Beispiel auf Giro-, Spar- oder Tagesgeldkonten vorhalten, treffen wir aber individuelle Vereinbarungen. Dies betrifft sehr wenige unserer Kunden. Wir haben auch keine festen Grenzen, sondern betrachten immer die individuelle Situation des Kunden. Die Frage ist für mich sowieso eine andere, sie hat mit dem Sparverhalten generell zu tun...

Wo sehen Sie das Problem im Sparverhalten der Kunden?

Haberzettel: Aus Kundensicht stellt sich doch die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, hohe Beträge unverzinst auf dem Giro- ,Tagesgeldkonto oder Sparbuch liegen zu haben. Bei 1,5 Prozent Inflation und null Prozent Zins erleidet man dadurch jedes Jahr einen Kaufkraftverlust. Als Richtwert empfehle ich, flüssige Mittel in Höhe von drei Monatsgehältern auf dem Konto zu belassen. Darüber hinaus rate ich jedem Kunden, sich mit dem aktuellen Zinsniveau auseinanderzusetzen. Der Zins wird so schnell nicht steigen. Will man eine attraktive Rendite erzielen, führt an einer Wertpapieranlage kein Weg mehr vorbei. Auch über offene Immobilienfonds kann man positiv an der Entwicklung der Märkte teilhaben. Klar ist aber, dass bei einer Null-Prozent-Verzinsung das traditionelle Sparbuch ausgedient hat.

Die Börsen sind aber auch stets schwankungsanfällig. Was erwarten Sie vom Börsenjahr?

Haberzettel: Ich gehe davon aus, dass es ein gutes Börsenjahr wird. Die ganz große Party mit einer Steigerung um rund 25 Prozent wie vergangenes Jahr erwarten wir aber nicht mehr. Auch die Volatilität an der Börse wird zunehmen. Die Aktienmärkte erleben alle paar Jahre ein Krisenszenario. Die Erholung kommt aber garantiert wenn man ein wenig Geduld mitbringt. Am Ende haben langfristig angelegte Aktienwerte immer noch Tagesgeld oder festverzinsliche Anlageformen geschlagen. Was vom Risiko oder zeitlichen Horizont zu einem passt, muss natürlich für jeden persönlich in einem Beratungsgespräch herausgearbeitet werden. Wichtig ist erstmal, dass überhaupt eine Aufklärung stattfindet.

Der Commerzbank übernimmt die Comdirect-Bank komplett.
Foto: Nicolas Armer, dpa


Die Commerzbank übernimmt die Comdirect-Bank komplett. Was bedeutet dies für die Kunden?

Haberzettel: Die Zukunft ist das Mobile Banking. Über das Smartphone lassen sich heute schon der Kontostand abfragen oder Überweisungen tätigen. Dieser Trend wird sich weiter verstärken. Das Smartphone wird praktisch eine Bankfiliale in der Jackentasche. Die Comdirect ist eine sehr erfolgreiche Direktbank, die sich auf das Online- und Mobilegeschäft fokussiert und keine Filialen hat. Mit der Übernahme wird es mehr Comdirect in der Commerzbank geben, das heißt für die Commerzbank-Kunden: mehr Schnelligkeit und ein umfassendes Brokerage-Angebot für den Handel mit Wertpapieren. Umgekehrt bekommen die Comdirect-Kunden die Chance, das Filialnetz der Commerzbank zu nutzen. Die Commerzbank wird also zur mobilen Bank mit Filialen, sodass die Kunden beider Banken profitieren.

Wie muss man sich die Commerzbank als „mobile Bank“ genau vorstellen?

Haberzettel: Wir haben das Ziel, dass Kunden bis 2023 alle Produkte digital abschließen können, vom Girokonto über die Baufinanzierung bis zur Vermögensverwaltung. Wir verstehen unter einer digitalen Bank aber weit mehr. Über eine intelligente Datennutzung wollen wir unseren Kunden einen deutlichen Mehrwert bieten. Also Angebote unterbreiten, die für sie nützlich sein können. Wenn jemand zum Beispiel jeden Monat Kindergeld überwiesen bekommt, könnten wir automatisch das Angebot für eine Ausbildungsversicherung unterbreiten.

Kann der Kunden diese Auswertung seiner Kontodaten auch ablehnen?

Haberzettel: Ja, jeder Kunde muss die Datennutzung erst genehmigen und entscheidet natürlich selber darüber, ob er die unterbreiteten Angebote nutzen möchte oder nicht.

Die Comdirect gilt als günstige Bank mit niedrigen Gebühren. Bleiben die Konditionen bestehen?

Haberzettel: Zunächst muss die Verschmelzung von Commerzbank und Comdirect vollzogen werden. Daher gibt es noch keine Festlegung über Preise.

Halten Sie auch am Angebot des kostenlosen Commerzbank-Girokontos fest? Viele Banken erheben ja längst Gebühren...

Haberzettel: Wir halten am kostenlosen Girokonto als Ankerprodukt fest - sehr zum Ärger unserer Wettbewerber. Wer als Kunde überwiegend die Bankautomaten nutzt oder seine Bankgeschäfte meist digital tätigt, für den ist das kostenlose Girokonto genau richtig. Für bestimmte Dienstleistungen aber erscheint uns ein Preis angemessen. Wer sein Geld an der Kasse abheben möchte oder weiterhin Papier-Überweisungen schätzt, von dem wird eine Gebühr erhoben, die dem Aufwand dieser Dienstleistung gerecht wird. Grundsätzlich gilt: je mehr Geschäfte ein Bestandskunde mit uns macht, desto besser werden auch seine Konditionen sein.

Welche Rolle spielt in Zukunft noch die Filiale für die Commerzbank?

Haberzettel: Ich bin ein großer Fan von Filialen. Denn ich bin überzeugt, dass die Kunden wichtige Entscheidungen wie zum Beispiel eine Baufinanzierung oder ihre Altersvorsorge weiterhin mit einem Kundenberater besprechen wollen. Tatsache ist, dass rund 9 Millionen Kunden pro Monat unsere Filialen bundesweit besuchen. Die Commerzbank wird deshalb auch in Zukunft über alle Kanäle erreichbar sein: Digital, per Telefon und natürlich persönlich über die Filiale. Heute haben wir bundesweit rund 1000 Filialen. Unsere Strategie sieht vor, dass es perspektivisch rund 800 sein werden. Damit stellen wir auch zukünftig eines der größten Filialnetze einer Privatbank in Deutschland bereit.

Wie entscheiden Sie, welche Filialen wegfallen könnten? Zum Beispiel in Schwaben, wo es 16 Filialen gibt?

Haberzettel: Welche Filialen wir zusammenlegen könnten, wird derzeit geprüft. Wir sind daher noch nicht soweit, die einzelnen Filialen in der Region zu benennen. In erster Linie werden wir Filialen in räumlicher Nähe zusammenlegen. Das ist vor allem in größeren Städten mit mehreren Filialen möglich, weniger in ländlichen Gebieten.

Zur Person: Frank Haberzettel, 54, ist Bereichsvorstand der Commerzbank Süd, zuständig für Privat- und Unternehmerkunden in Bayern und Baden-Württemberg. In Schwaben betreut die Bank 87.000 Kunden.

Lesen Sie auch: Das sind die fünf größten Risiken für die Weltwirtschaft

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