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Tierwohl-Siegel

14.06.2018

Haben Verbraucher zu wenig Interesse an Tierwohl?

Dieses Schwein wird im Freiland aufgezogen – das tut ihm gut, ist aber nicht die Regel. Und es kostet mehr.
Bild: Melanie Duchene, dpa

Tierwohl-Siegel sollen Kunden Orientierung im Supermarkt geben. Aktuell schaffen sie aber eher Verwirrung.

Verpackungen verraten oft wenig über ihren Inhalt. Wie hat das Schwein gelebt, bevor es in der Fleischtheke landete? Viele Verbraucher möchten das wissen. Aus dem Ernährungsreport des Landwirtschaftsministeriums geht hervor, dass 90 Prozent der Befragten mehr für Fleisch bezahlen würden, wenn die Tiere besser gehalten werden. Entsprechende Tierwohl-Labels sollen Orientierung im Supermarkt geben.

Doch die Realität sieht anders aus. „Je tierfreundlicher und somit teurer ein Produkt, desto weniger wird es nachgefragt“, sagte Jan Bock, Einkaufschef von Lidl Deutschland in einem Interview. Seit April kennzeichnet Lidl seine Fleischprodukte. Anhand von vier Labels soll der Kunde erkennen, was er kauft: Fleisch aus konventioneller Tierhaltung, aus Stallhaltung mit mehr Platz für die Tiere, aus Haltung, die den Tieren Auslauf gewährt oder ein Bioprodukt. Das Fazit zwei Monate nach Einführung: „Die Moral endet oft am Geldbeutel“, sagte Bock.

Bei Lidl kauft fast kein Kunde die teureren Produkte

Trotzdem will Lidl am Stufensystem festhalten. Ziel müsse es sein, die Standards der Tierhaltung nachhaltig anzuheben. Sabine Hülsmann von der Verbraucherzentrale Bayern befürwortet die Lidl-Initiative. Allerdings gebe es bereits zahlreiche Labels, die eigenen Kriterien unterliegen. „Je mehr dazukommen, desto verwirrender wird es für die Kunden“, so die Ernährungsexpertin. Für sie ist klar: „Wir brauchen dringend eine einheitliche Kennzeichnung von Fleischprodukten.“ Nur so könnten Verbraucher frei entscheiden, ob sie für ein Produkt mehr Geld ausgeben wollen oder nicht. Die Orientierungslosigkeit vieler Kunden spiegelt sich in Zahlen wider. So geben in einer Umfrage der Verbraucherzentrale 68 Prozent der Befragten an, dass ihnen Tierschutz wichtig bis sehr wichtig ist. Aber 45 Prozent wissen nicht, woran sie Fleisch aus artgerechter Haltung erkennen können.

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Zwar wird über die Einführung eines staatlichen Tierwohl-Labels schon länger diskutiert – 2017 stellte der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ein Konzept vor. Umgesetzt wurde bisher nichts. „Der Handel ist offenbar näher an den Fragen der Bürger, als es die Politik derzeit ist“, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge. Der Koalitionsvertrag sieht die Einführung einer Tierwohl-Kennzeichnung bis 2020 vor. Im Mai stellte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ihren Plan vor. Sie fordert ein dreistufiges Modell mit einer Eingangsstufe, die über den gesetzlichen Mindeststandards liegt. Die zweite Stufe soll den Tieren Auslauf bieten, darüber hinaus soll es eine Premiumstufe geben.

Wer mehr Tierwohl will, muss den Bauern mehr Geld geben

Vielen geht das geplante Modell nicht weit genug, denn vorgesehen ist lediglich eine freiwillige Teilnahme. Der Kritik kann Isabella Timm-Guri vom Bayerischen Bauernverband nur zustimmen. „Nur ein verpflichtender Ansatz wird Ordnung in die bestehenden Label-Programme bringen“, sagt sie. Es müssten alle in der Wertschöpfungskette Flagge zeigen. Um noch mehr Tierwohl in den Ställen umzusetzen, bräuchten Tierhalter einen Kostenausgleich. „Wenn man den auf möglichst viele Schultern verteilt, ist er leichter zu tragen.“

Dass das funktionieren kann, zeige die seit 2015 laufende Initiative Tierwohl. Das branchenübergreifende Bündnis von Verbänden, Lebensmittelhändlern und Landwirtschaft will die Haltungsbedingungen von Schweinen, Hähnchen und Puten verbessern. Dafür zahlen die beteiligten Handelsketten 6,25 Cent für ein Kilogramm verkaufter Fleisch- und Wurstware in einen Fonds ein. Aus diesem werden die Mehrkosten, die den Landwirten entstehen, ausgeglichen. Nach eigenen Angaben werden deutschlandweit bisher 23 Prozent der Mastschweine und 31 Prozent der Masthähnchen nach Vorgaben der Initiative gehalten. Die bestehenden Strukturen der Initiative könnten bei der Einführung einer staatlichen Fleischkennzeichnung genutzt werden – ob das so kommt, steht noch nicht fest.

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