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Tarifverhandlungen

24.01.2020

IG Metall verzichtet zunächst auf Lohnforderung

Die Metallbranche ist mit Maschinenbau und Autoindustrie der wichtigste Industriezweig in der Deutschland. Angesichts der Krise fordert die IG Metall diesmal zunächst keine Lohnerhöhung.
Foto: Monika Skolimowska, dpa

Gewerkschaftschef Hofmann bietet den Arbeitgebern einen Pakt für Beschäftigungssicherung an. In der Autoindustrie soll verhindert werden, dass Jobs wegfallen.

Die IG Metall schien in der bald anstehenden Tarifrunde in die Defensive zu geraten. Satte Abschlüsse wie zuletzt, als die Gewerkschaft für die Beschäftigten sowohl für 2018 als auch 2019 – je nach Entgeltgruppe – jährlich 3,5 bis 4,0 Prozent mehr Geld erstritt, sind derzeit schwer zu wiederholen. Denn die konjunkturell maue Entwicklung spielt den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie samt ihrem Spitzenverband Gesamtmetall in die Hände. Die Branche steckt in der Rezession, gerade weil Autoindustrie und auch der Maschinenbau spürbar schwächeln.

In solchen Durchhänger-Zeiten ist es für Gewerkschafter schwierig, Lohnabschlüsse mit einer Vier vor dem Komma zu erkämpfen, zumal die für die IG Metall so wichtige Autoindustrie nicht nur konjunkturell durch die Auswirkungen der Handelsstreitigkeiten gebeutelt ist, sondern auch in einer Phase der "Transformation" steckt. Jörg Hofmann beunruhigt, dass für die Produktion von Elektro-Autos deutlich weniger Mitarbeiter notwendig sind, als dies bei der Herstellung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren der Fall ist. Der IG-Metall-Chef zeigte sich jedenfalls am Freitag bei der Jahrespressekonferenz der mächtigsten Gewerkschaft Deutschland in Frankfurt besorgt: "Die Hälfte der Betriebe hat immer noch keinerlei Strategie entwickelt, um die Transformation zu bewältigen." Es seien Betriebsräte und Vertrauensleute der IG Metall, welche die Arbeitgeber zu Antworten drängten.

Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger: Die fetten Jahre sind vorbei

Was also tun? Die Tarifrunde läuft schließlich mit Macht an und Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger hat schon mantraartig erklärt, die fetten Jahre seien vorbei und die IG Metall habe in der vergangenen Tarifrunde ein Kampflied zu viel gesungen, also den Bogen mit einem zu hohen Abschluss überspannt. Die Zeit, eine Strategie in kniffligen Zeiten vorzulegen, drängt jedenfalls. An der Gewerkschafts-Basis wird bereits diskutiert, wie es dieses Jahr weiter gehen soll. Der Vorstand der IG Metall hat sich vorgenommen, schon Anfang Februar die Arbeitgeber wissen zu lassen, welche Wünsche auf sie zukommen. Die Tarifverhandlungen starten dann im März. Am 28. April endet um 24 Uhr die Friedenspflicht. Danach sind Warnstreiks möglich.

Hofmann ist ein Tariffuchs, eben ein versierter Taktiker, der bereits in seiner Zeit als IG-Metall-Chef in Baden-Württemberg das komplizierte Geschäft, für Beschäftigte gute Abschlüsse rauszuholen, beherrscht hat. Das brachte ihm auch Respekt der Arbeitgeberseite ein.

So startet der IG-Metall-Chef das Tarifjahr mit einer Strategie der Vorwärtsverteidigung, wie man im Fußball sagen würde: Überraschend bietet er Gesamtmetall ein "Moratorium für einen fairen Wandel" an. Ein Moratorium ist eine Art Stillhalteabkommen, das einen Aufschub in einer wichtigen Sache gewährt. Dieser besteht in der Bereitschaft der IG Metall, in den "nun anstehenden Verhandlungen keine bezifferte Forderung zur Erhöhung der Entgelte" zu erheben. Zu dem ungewöhnlichen Mittel hatte die Gewerkschaft zuletzt unter Hofmanns Vor-Vorgänger Berthold Huber nach der Finanzmarktkrise im Jahr 2010 gegriffen. Auf Nachfragen unserer Redaktion stellte Hofmann aber klar, dass die Gewerkschaft umdenke, wenn die Arbeitgeberseite bis Anfang Februar sich nicht auf die Forderungen der IG Metall einlasse: "Dann gibt es Business as usual." Das heißt: Für den Fall wird die IG Metall mit einer konkreten Lohnforderungen in die Tarifrunde ziehen, was für die Unternehmen durchaus wieder teuer werden könnte, soll sich doch die Konjunktur im zweiten Halbjahr dieses Jahres erholen.

IG Metall fordert Verzicht auf Personalabbau und Standort-Verlagerung

Die Wunschliste der Gewerkschaft an die Gegenseite hat es auf alle Fälle in sich: Demnach sollen sich die Arbeitgeber bereit erklären, keine einseitigen Maßnahmen zum Personalabbau, zur Verlagerung von Produkten und zur Schließung von Firmen-Standorten zu ergreifen. Zu einem solchen "Zukunftspaket", einer Art Pakt für Beschäftigungssicherung gerade für die Autobranche gehört für die IG Metall auch der Abschluss von "Zukunftstarifverträgen". Darin soll festgelegt werden, dass in Standorte investiert wird, sie also neue Produkte bekommen. Am Ende sollen nach dem Konzept betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen und Regelungen zur Kurzarbeit getroffen werden. Hofmann meinte: "Es geht um die Zukunft des Industriestandortes Deutschland." Dank des Moratoriums versucht die IG Metall aus der Defensive zu kommen.

Fast könnte man meinen, Hofmann selbst plane ähnliches für seine Person. Denn der 64-Jährige hatte beim Gewerkschaftstag im Oktober nur 71 Prozent der Stimmen erhalten. Der aus Augsburg stammende IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner brachte es hingegen auf 95 Prozent. Der Industrie-Spezialist will auch Druck auf Unternehmen ausüben. Ihm geht es um eine andere Transformation: Kerner sieht Wasserstoff als Schlüssel für eine CO2-neutrale Industrie. Die IG Metall werde jedenfalls das Thema in die Betriebe tragen, "ums so Industriearbeitsplätze von morgen zu sichern". Natürlich will die Gewerkschaft so auch die hohe Zahl von rund 2,26 Millionen Mitgliedern zu sichern.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Ein geschickter Spielzug der IG Metall

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