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Veganes Start-up
11.08.2016

Metzgerei verkauft vegane Wurst, Braten und Gyros

Johannes Theuerl (links) und Eric Koschitza in ihrem veganen Laden in Berlin.
Foto: William Harrison-Zehelein

Zwei Berliner haben im hippen Stadtteil Friedrichshain einen Laden eröffnet und verkaufen Würstchen oder Hackbällchen. Das Besondere: alles ist frei von tierischen Produkten.

In der Hauptstadt regiert derzeit nicht nur die Kanzlerin, sondern auch die wachsende Gruppe der Veganer: Überall in der Stadt entstehen vegane Restaurants und Imbisse. Der Andrang ist groß und er wird immer größer, da immer mehr Menschen zum Veganismus „konvertieren“. Die Anzahl der vegetarisch-vegan lebenden Menschen wird nach Angaben des Vegetarierbundes Deutschland weltweit auf eine Milliarde geschätzt. In Deutschland gibt es dem Statistik-Portal statista zufolge rund eine Million Veganer. Das Geschäft mit dem Essen ohne tierische Produkte brummt. In Berlin hat in diesem Jahr Deutschlands einzige vegane „Metzgerei“ aufgemacht.

Besitzer des Ladens sind die beiden Freunde Eric Koschitza, 30, und Johannes Theuerl, 29. „Wir wollten einfach mal was Neues ausprobieren“, sagt Koschitza. Der Laden steht entlang einer viel befahrenen Straße im Berliner Stadtteil Friedrichshain und nennt sich „l’herbivore“ – zu Deutsch: der Pflanzenfresser. Von Pflanzen ist im Geschäft jedoch wenig zu sehen: Eine große Glas-Theke dominiert den Eingangsbereich des schlicht eingerichteten Ladens. Darin sind, dicht aneinander aufgereiht, rote Würste, Hackbällchen und Gyros zu sehen. Dahinter steht eine große Waage und eine Kreidetafel mit verschiedenen Preisen. Es sieht hier aus wie vor der Fleischtheke einer ganz normalen Metzgerei – mit einem Unterschied: es gibt kein Fleisch. Alles ist 100 Prozent vegan, 100 Prozent bio, ohne Konservierungsstoffe und handgemacht.

Vegane Produkte aus Seitan und Lupinen

Koschitza und Theuerl erstellen ihre veganen Produkte aus einer Mischung aus Seitan und Lupinen her. Produziert wird in der Hinterstube des Ladens. Seitan, das ursprünglich aus Japan stammt, ist ein mit Sud verkochtes Weizen-Eiweiß mit fleischähnlicher Konsistenz. Nach einem besonderen Geheimrezept wird der Seitan mit Lupinen-Mehl vermischt. „Das Mehl verleiht dem Seitan eine gewisse Bissfestigkeit“, erklärt Koschitza. Daraus entstehen dann alle Produkte, in verschiedenen Formen und Farben. Mehr will Koschitza zur Seitan-Mischung nicht verraten. Dies sei ein Betriebsgeheimnis.

Die beiden Betreiber sind selbst keine Veganer, aber seit über zehn Jahren strenge Vegetarier. Sie haben sich während des Studiums kennengelernt, viel gemeinsam gekocht und sind auf die Idee gekommen, nach dem Studium ihr eigenes veganes „Start-up“ zu gründen. „Das war zuerst eher so eine Schnapsidee“, erinnert sich Koschitza. Aus der Schnapsidee wurde etwas in Deutschland Einzigartiges. Und das Geschäft läuft. Viele Einheimische kaufen als Stammgäste ein, aber auch viele Touristen, die den Laden zufällig entdecken. Lara aus Spanien zum Beispiel. Die schwangere Touristin ist an dem Geschäft vorbeigelaufen, wurde neugierig und will nun wissen, was es mit dem „l’herbivore“ auf sich hat. Es kommen auch viele Italiener, Franzosen und Skandinavier. „Die Kundschaft ist sehr heterogen und reicht vom strengen Veganer über den Zufallsentdecker bis hin zur Familienmutter“, sagt Koschitza. Wie viele es an einem Tag sind? Koschitza schätzt, dass rund 50 Kunden am Tag kommen. „Viele sind erstmal baff und fragen ob das wirklich vegan ist.“

Vegane Produkte sollen auch online verkauft werden

Die beiden Saitan-Köche leben von der Laufkundschaft, aber auch von Catering-Diensten an den Wochenenden. Ab August wollen sie ihre veganen Produkte zudem auch online verkaufen. „In Deutschland, allen voran in Berlin, herrscht zunehmend ein veganes Bewusstsein bei den Menschen. Den Menschen wird die Ernährung immer wichtiger“, schildert Koschitza. Sogar bei den überzeugten Fleischessern sei mittlerweile angekommen, dass die Massentierhaltung nicht das Wahre ist.

Im Angebot haben sie neben den Würsten, Hackbällchen und Gyros auch Grill- und Bratscheiben aller Art. Die Seitan-Produkte sind in Plastikhüllen verpackt, um sie vor dem Austrocknen zu schützen. Mit Kräutern wie Rosmarin, Muskat oder Koriander werden die Seitan-Stücke gewürzt. Dazu gibt es verschiedene Marinaden, Dips und Salate. Die Produkte kosten zwischen 1,70 und 2,10 Euro pro 100 Gramm. Die spanische Touristin Lara entscheidet sich für einen Burger. Der Seitan wird in ein Fladenbrot verpackt, hinzu kommen Salatblätter, Oliven, Tomaten und ein cremiges Dressing. „Sehr lecker“, sagt Lara mit vollem Mund. „Einfach mal etwas ganz anderes. Schmeckt ein bisschen wie gewürztes Tofu.“ Man habe das Gefühl, man tue sich etwas Gutes, sagt die überzeugte Fleischesserin. Man dürfe den Geschmack aber nicht mit dem von Fleisch vergleichen.

Alles Geschmackssache

Viele tun es trotzdem. Ein anderer Gast ist ganz erstaunt, dass die Seitan-Wurst wie eine Wurst aus Fleisch schmeckt. Alles Geschmackssache. Eric Koschitza sieht es wie Lara: „Wir weigern uns zu sagen, dass wir einen Fleischersatz herstellen. Das wäre unseren Produkten gegenüber nicht gerecht.“ Die Seitan-Köche definieren ihr Geschäft daher auch eher als Veganer-Spezialitäten-Laden statt als vegane „Metzgerei“.

Warum aber dann der Fleischtheken-Look mit den vielen Begrifflichkeiten wie Wurst, Braten oder Gyros? „Die Leute verstehen diese Begriffe einfach besser und können was damit anfangen“, sagt Koschitza. Man habe beispielsweise überlegt, die Gyrosstücke „Bratstreifen Hellas“ zu nennen. „Aber wer versteht das schon?“, sagt der 30-Jährige. Die gängigen Begriffe würden vielen Leuten den Zugang zum veganem Essen erleichtern. Ähnlich sei es auch mit dem Braten oder der Wurst, erklärt Koschitza. „Die Wurst isst sich einfach gut. Sie muss ja nicht automatisch aus Fleisch sein.“

Die Kritik aus dem Lager der Fleischesser, dass Veganer die Begrifflichkeiten aus der Fleischbranche missbrauchen, ist ihm bekannt. „Das ist schon okay so. Damit können wir umgehen“, sagt er. Koschitza und Theuerl geht es darum zu zeigen, dass veganes Essen nicht langweilig schmecken muss. Sie wollen mit ihrem Laden beweisen, dass das Bild des traurigen Veganers, der an seinem Brokkoli knabbert längst überholt ist. Und ganz nebenbei verdienen sie auch noch Geld dabei.

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