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Seniorenheime

11.08.2015

Warum Pfleger aus ihrem Beruf fliehen

Eine Pflegerin im Seniorenheim. Fachkräfte werden weiterhin gesucht. (Symbolbild)
Bild: Jens Kalaene (dpa)

Satt, sauber und ruhig muss der Pflegebedürftige sein. In vielen Heimen geht es vor allem um Profit. Warum es schwer ist, Pflegekräfte zu finden. Und noch schwerer, sie zu halten.

Der Geruch von Schweiß und Urin hängt in der Luft, als Sarah Kreiser kurz nach neun Uhr die Tür zu dem kleinen Zimmer öffnet. Durch den Rollladen schimmert schwach das Tageslicht und spiegelt sich in den vielen Bildern an der Wand wider.

Sie sind die letzten Erinnerungsstücke an das frühere Leben einer alten Frau. Man sieht sie – deutlich jünger – vor Sehenswürdigkeiten, zusammen mit Freunden und Verwandten. Voller Elan und mit einem Lächeln im Gesicht. Es sind Bilder aus einer anderen Welt.

Die Betreuung der Senioren bringt auch seelische Belastungen mit sich

Heute liegt die abgebildete Frau in einem Krankenhausbett. Von ihrer Lebensfreude ist nicht viel geblieben. Um ihre Hüfte hängt lose eine Windel. Sarah Kreiser begrüßt sie mit einem Lächeln, während sie die blauen Einweghandschuhe anzieht. Kreiser ist eine der wenigen Bezugspersonen für die alte Dame. Ein wichtiger Anker für eine Frau, die an Demenz leidet.

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Im Christian-Dierig-Haus der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Augsburg verbringt sie ihre letzten Jahre. Menschen wie die 24-jährige Altenpflegerin geben alles, um ihr ein gutes Leben zu bereiten. Doch die Zeiten sind hart.

Geschichten von misshandelten Senioren, überarbeiteten Pflegekräften und einem überforderten System sind bereits so oft erzählt worden, niemand will sie mehr hören. Das sagt auch Sarah Kreiser, während sie mit einem großen Lappen ihre Patientin wäscht. Der Geruch von Seife hat inzwischen den Geruch im Zimmer etwas übertüncht. Seit dem 16. Lebensjahr arbeitet die junge Frau in der Altenpflege. Inzwischen ist sie eine ausgebildete Fachkraft. Zwölf Senioren muss sie täglich betreuen.

Immer wieder schrillen drei hohe Signaltöne aus ihrem Telefon. Kreiser achtet schon nicht mehr darauf. Erst als sie merkt, dass sie ihr Handeln vielleicht erklären muss, schüttelt sie den Kopf. „Das ist nichts Schlimmes“, sagt sie in geübt beruhigendem Tonfall. „Das ist nur die Türe, die meldet sich, wenn einer der Patienten raus will.“

Im Christian-Dierig-Haus leben fast ausschließlich Menschen, die an Demenz erkrankt sind. 24 Stunden am Tag muss auf sie aufgepasst werden. Dass sie trinken, essen oder eben nicht weglaufen. Für die Pflegekräfte ist es ein Knochenjob, der auch seelische Belastungen mit sich bringt. „Du arbeitest nachts und an Feiertagen wie Weihnachten“, erzählt Kreiser mit einem Achselzucken, während sie durch den langen Flur marschiert. Unter ihren Füßen quietscht der PVC-Boden.

Inzwischen hat die schmächtige Altenpflegerin ihre Patientin gewaschen und bringt sie nun zum Frühstück. „Und ab und zu stirbt auch jemand“, fährt die junge Frau fort. Kurz überlegt sie und runzelt die Stirn. „Ich kann schon verstehen, warum viele den Beruf nicht machen wollen“, sagt sie. Und schiebt hastig nach: „Aber auch die Trauerarbeit kann sehr erfüllend sein.“

Die Pflegebranche ist in der Krise. Private Anbieter erobern den Markt und schaffen gewaltige Kapazitäten. Kaum ein anderer Bereich hat in Deutschland solche Wachstumsraten. So gab es nach Angaben der Statistikstelle des Bundes im Jahr 2013 alleine 13.030 Pflegeheime mit mehr als 902.000 Pflegeplätzen.

2011 waren es 2000 Anbieter weniger. Doch während der Markt mit großen Schritten voranschreitet, bleiben die Mitarbeiter auf der Strecke. Sie müssen für immer mehr Menschen sorgen, zusätzlich nimmt die Büroarbeit zu. Kontrolldienste fordern eine lückenlose Dokumentation aller Handgriffe.

Für das vorhandene Personal ist das oft nicht mehr zu machen. In allen Häusern werden daher händeringend neue Mitarbeiter gesucht, um den Bedarf zu decken. Doch woher nehmen?

Während die Anzahl der Heime und Pflegeangebote gewachsen ist, stagniert das Interesse an Berufen in dieser Branche seit Jahren. Junge, motivierte Mitarbeiter wie Sarah Kreiser sind eine Ausnahme. Sie sind gefragt und werden umworben. Reale Macht haben sie jedoch keine.

Die Berufsgruppe der Pfleger ist schlecht organisiert

Kaum eine andere Berufsgruppe ist so schlecht organisiert wie die Pfleger. Erst langsam gehen die Zahlen nach oben, wie Herbert Weisbrod-Frey von der Gewerkschaft Verdi sagt. Vor allem in Einrichtungen der Kirchen sei es noch immer ein schwieriger Prozess. „Vor zwei Jahren haben wir erst eine Zutrittserlaubnis erstritten“, erklärt er. „Vorher wurde da gemacht, was die Kirche wollte.“ Generell werde von Pflegekräften eine hohe Leidensbereitschaft gefordert.

Claus Fussek bringt diese Lage immer wieder aus der Fassung. Seit 40 Jahren kämpft er für bessere Bedingungen für alte Menschen. Mehrere Bücher hat er verfasst, 2008 erhielt er für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz. Bei Heimbetreibern ist der 62-Jährige verhasst.

Er spricht von „einem perversen, kriminellen System“ und sagt Sätze wie: „In Deutschland ist die Würde des Menschen altersabhängig.“ Für ihn steht und fällt die Qualität der Versorgung mit den Mitarbeitern. Durch das Wachstum gebe es aber keinerlei Filter mehr, sagt Fussek. „Da werden Leute genommen, die würde jeder Zoo wegen fehlender Empathie ablehnen.“

Diese Menschen kennt auch Sarah Kreiser. Die AWO bekommt immer wieder Helfer, die bei ihr zum Beispiel Sozialstunden ableisten. Hin und wieder sei jemand Gutes darunter, betont Kreiser. Oft aber eben auch nicht. Der Beruf erfordert Leidenschaft.

Es ist wohl so, wie Verdi-Mann Weisbrod-Frey sagt: Man muss leiden können. In einem stillen Moment blickt Kreiser an die Decke des Altersheims und sagt: „Manchmal spür ich es im Rücken. Hin und wieder, es kann wirklich sehr anstrengend sein.“

Das ist ein schwerwiegender Satz für eine 24-Jährige. Und auch wenn sie es nicht sagt, passt die junge Fachkraft doch in das Muster, welches Claus Fussek von der Branche zeichnet: „Die Guten werden verheizt und müssen einfach irgendwann aufhören – die Schlechten bleiben und zerstören das System immer weiter.“

Über 50.000 Briefe und E-Mails hat der Pflegekritiker inzwischen nach eigenen Angaben gesammelt. Von Pflegern, Heimleitern oder Mitarbeitern des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK). Es sind Menschen an der Front, Verwalter und Kontrolleure. Und alle zeichnen das gleiche Bild: Die Pflegebranche ist kaputt. Zerstört von Gewinndenken und Profitsucht. Fussek ist, wie er selbst sagt, mit den Jahren zum Zyniker geworden. „Man kann darüber schreiben, reden und schimpfen – es wissen doch alle, wie es ist. Es will sich nur keiner mit dieser unbequemen Wahrheit befassen.“

Die Pflege ist unterteilt in drei Sparten. Die Kinder-, die Kranken- und Altenpflege. Der Wechsel innerhalb dieser Bereiche fällt Mitarbeitern meist recht leicht. Auch Sarah Kreiser will sich weiterqualifizieren und aufsteigen. In der Altenpflege möchte sie dennoch bleiben. Für sie ist der Job kein Sprungbrett. Denn auch in den anderen Bereichen sieht es nicht viel besser aus.

In einem hellen, großen Raum im vierten Stock der Kinderklinik in Augsburg sitzt Susanne Arnold. Sie ist die Pflegechefin des gesamten Klinikums. Mehr als 500 junge Menschen werden hier jedes Jahr ausgebildet. Primär in der Kranken- und Kinderpflege. Mehr als 2200 Mitarbeiter sind für den größten Gesundheitsanbieter in Schwaben in diesen Bereichen tätig. Das lässt auf viel Fürsorge hoffen. Doch wenn Arnold spricht, wird der Zuhörer enttäuscht. Sie sagt Worte wie „Wettkampf“, „Gewinnmargen“ und „hartes Geschäft“. Sie spricht von einer kalten Welt der Buchhalter, die keiner haben will. Und die auch im Klinikum Realität geworden ist.

Neben ihr sitzt Jörg Roehring. Er ist selbst Pfleger und Zentrumsmanager der Kinderklinik. Er ist jung und hat schnell Karriere gemacht. „Pflege ist eigentlich ein schöner Beruf“, sagt er lächelnd. Dann holt er Luft und setzt zum erwartbaren „Aber“ an: „Wir müssen lernen, ihn besser zu verkaufen und ansprechender zu machen.“

Heute reiche es jungen Menschen nicht mehr aus, etwas Gutes zu tun, sagt er. Die Generationen des neuen Jahrhunderts wollen Zukunftssicherheit, bezahlbaren Wohnraum und die Planbarkeit ihres Lebens. Es sind Forderungen, die erst langsam in der Branche Gehör finden.

Claus Fussek gibt den Pflegekräften selbst eine Mitschuld, dass es so langsam geht. Für ihn ist klar: Sie stilisieren sich selbst gerne zu Opfern. Klagen über ihre Arbeit und die schlimmen Zustände. Doch sind die Pfleger zugleich auch ein Teil des Problems. „Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellen würden und mit den Angehörigen paktieren – es wäre alles viel einfacher.“

Das wirtschaftliche Denken vertreibt viele Mitarbeiter

Ein weiteres Problem für Fussek ist, dass immer mehr Heimbetreiber Aktiengesellschaften werden. Also an die Börse gehen und Anlegern Gewinne präsentieren müssen. Denn mit schlechter Pflege sei mehr Geld zu verdienen als mit guter. Schuld daran seien die Pflegestufen. „Wenn Sie einen Senior fit halten, bringt er Ihnen wenig Geld. Wenn er stattdessen bettlägerig ist, macht er weniger Arbeit und wird auch noch besser vergütet.“

Fussek fordert ein Umdenken. Um den Teufelskreis der Gewinnmaximierung zu durchbrechen. Diese Zustände vertreiben auch viele gute Mitarbeiter, die auf Dauer dieses Verhalten nicht mittragen wollen. Kein Haus, so die generelle Meinung, habe ein Problem, Auszubildende zu finden. Die fertigen Fachkräfte laufen dafür reihenweise davon.

Das gefährdet sogar die erst vor wenigen Tagen beschlossene Pflegereform, wie Andreas Westerfellhaus warnt. Er ist Präsident des deutschen Pflegerates, dem Dachverband der wichtigsten Pflegeverbände Deutschlands. Für ihn seien die aktuellen Ziele mit dem vorhandenen Personal nicht zu stemmen. Als den Hauptgrund für ihre Flucht nennt auch er: die unhaltbaren Zustände.

Sarah Kreiser streckt sich auf einer Bank im weiträumigen Garten des Christian-Dierig-Hauses. Mit an dem kleinen Gartentisch sitzen Pfleger und Heimbewohner. Es wird geraucht, diskutiert und auch gelacht. Nach dem Frühstück gibt es Zeit für etwas Entspannung.

Gehören sie hier zu den Guten? Kreiser lächelt. „Keine Ahnung“, antwortet sie nach einer langen Denkpause. „Aber ich liebe meinen Beruf.“ Neben ihr warnt das Telefon vor einem Patienten, der versucht, das Heim zu verlassen. Eine Kollegin springt auf und eilt davon. „Ob ich das aber ewig mache? – Vielleicht“, fügt die junge Frau hinzu. Ihr Blick folgt der Pflegekraft. „Es ist einfach wichtig, dass es jemand macht.“

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