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Lehrstellenoffensive
27.04.2022

Messen, Sägen, Bohren: Auch junge Frauen begeistern sich für den Beruf des Industriemechanikers

Stefanie Weixler, 17 Jahre, aus Sulzberg ist im ersten Lehrjahr zur Industriemechanikerin. Lukas Müller, 17 Jahre, aus Kempten ist ebenfalls im ersten Lehrjahr zum Industriemechaniker.
Foto: Martina Diemand

Wer einen technischen Beruf ergreifen will, für den könnte die Ausbildung zum Industriemechaniker das Richtige sein. Dabei ist das nicht nur für Männer interessant, sondern auch für Frauen.

Messen, Sägen, Bohren, Montieren – all diese Arbeitsschritte braucht es, bis das erste Projekt von Stefanie Weixler und Lukas Müller fertig ist: das Modell eines Palettenhandhabungssystems (PHS). Eine Anlage, die Paletten automatisch in einem Hochregallager ein- und auslagert. Während die beiden 17-Jährigen daran arbeiten, gleichen sie ihr Modell immer wieder mit der 3-D-Zeichnung auf ihrem Tablet ab. Sie absolvieren eine dreieinhalbjährige Ausbildung zur Industriemechanikerin und zum Industriemechaniker bei der Firma Liebherr-Verzahntechnik in Kempten. Industriemechaniker/-innen stellen Bauteile und Baugruppen für Maschinen und Produktionsanlagen her, richten diese ein oder bauen sie um. Sie überwachen und optimieren Fertigungsprozesse und übernehmen Reparatur- und Wartungsaufgaben.

Der Tag beginnt für Stefanie und Lukas um 7.15 Uhr. Die 35-Stunden-Woche verteilt sich auf Montag bis Freitag. Immer dabei, ihr Tablet. Alle Auszubildenden arbeiten damit, auch in der Schule. Alle Schulunterlagen und Ausbildungsmodule befinden sich darauf. "Wir haben kaum mehr Papier, so kann nichts mehr vergessen werden", sagt Lukas. Die 17-Jährigen sind vom digitalen Arbeiten begeistert, denn Schüler, Ausbilder sowie Lehrer können auf das Programm zugreifen. "Es ist einfach praktisch, man ist viel mehr im Austausch mit den Lehrern. Wenn man krank ist, muss man nicht mehr auf die Unterrichtsblätter warten, sondern hat alles sofort parat", erklärt Stefanie. Besonders während der Pandemie habe sich diese Arbeitsweise bewährt, denn so hätten auch diejenigen am Unterricht oder der Ausbildung teilhaben können, die zu Hause in Quarantäne bleiben mussten.

Azubis haben bei Liebherr die Möglichkeit, einen Monat in Norwegen zu arbeiten

In der Firma haben die Auszubildenden noch zusätzlich zur Schule eine Stunde Englisch pro Woche. In dieser Zeit werden technische Begriffe und das richtige Verhalten im Ausland gelehrt. Das können die Jugendlichen auch direkt anwenden, denn die Auszubildenden haben die Möglichkeit, im Rahmen eines Austauschprogramms für vier Wochen in Norwegen zu arbeiten.

Acht junge Menschen werden derzeit bei Liebherr im ersten Lehrjahr zum Industriemechaniker ausgebildet – drei Mädchen und fünf Jungs. "Manchmal liegt die Quote auch bei 50/50", sagt Matthias Neumann, einer der vier Ausbilder. Bei ihnen sei es normal, dass auch Mädchen einen technischen Beruf ergreifen wollen. Interesse dafür werde unter anderem beim Projekt "MUT – Mädchen und Technik" der Maria-Ward-Realschule in Kempten und Liebherr geweckt.

Nach der Ausbildung können Industriemechaniker viele Berufswege einschlagen

Im ersten Lehrjahr arbeiten Stefanie und Lukas vorwiegend an ihrem eigenen Palettenhandhabungssystem-Modell. Jeder Auszubildende stellt die Einzelteile selbst her und baut daraus eine Miniatur des PHS. Es wird zunächst von Hand gesägt, gefräst und gefeilt – so erlernen sie die Grundlagen. Später machen das alles Maschinen. "Es ist wichtig, dass wir wissen, wie das funktioniert, und verstehen, wie die Maschinen arbeiten", sagt Lukas. Alle Einzelteile werden von den Ausbildern bewertet. Davor müssen sich die Jugendlichen allerdings selbst einschätzen, um ihre eigene Leistung zu erkennen.

Im zweiten Lehrjahr schnuppern die Auszubildenden in die verschiedenen Abteilungen von Liebherr, wie die Baugruppenmontage oder die Endmontage. "So können wir rausfinden, was uns am meisten Spaß macht", erklärt Stefanie. Im dritten Lehrjahr arbeiten sie dann mit computergesteuerten Maschinen, die viele der Arbeiten automatisch verrichten, die sie im ersten Lehrjahr per Hand bearbeitet haben.

Der Beruf des Industriemechanikers ist vielseitig, erklärt Matthias Fendt, künftiger Ausbildungsleiter. Nach der Lehre könne man Facharbeiter, Techniker oder Meister werden. Auch eine Weiterbildung an der Berufsoberschule mit anschließendem Studium zum Wirtschaftsingenieur oder Maschinenbauer ist möglich.

Schüler besuchen eine digitale Klasse und arbeiten mit Tablets

Das Besondere an der Ausbildung zum Industriemechaniker bei Liebherr ist, dass die Jugendlichen eine digitale Klasse an der Berufsschule in Kempten besuchen. Mittlerweile sei auch die Tafel digital und werde an die Wand hinter der Lehrkraft projiziert, erklärt Klaus Kolb, Lehrer an der Berufsschule I und Initiator des Projekts: "Dadurch dreht man den Auszubildenden nicht mehr den Rücken zu, sondern schaut ihnen ins Gesicht." Auch die Tablets seien für Kolb ein großer Gewinn, denn so können die Schüler individueller und schneller unterstützt werden: "Lehrer sowie Auszubildende können auf die Inhalte zugreifen und vieles kann mit einem kurzen Teams-Gespräch geklärt werden." Die digitale Klasse wendet zudem neue Unterrichtsmethoden an wie zum Beispiel Lernvideos. Darin vermitteln die Auszubildenden ihren Mitschülern und weiteren Generationen nach ihnen die Lerninhalte. Walter Ferstl, Ausbildungsleiter bei Liebherr, ist begeistert von den Videos: "Unsere Azubis entwickeln einen richtigen Ehrgeiz, die Videos gut zu machen. Gleichzeitig beschäftigen sie sich intensiv mit der jeweiligen Thematik."

Ferstl wünscht sich junge motivierte Bewerber, die Leidenschaft für Technik mitbringen. Besonders wichtig ist dem Ausbildungsleiter, dass die Jugendlichen selbstständig arbeiten. Genau das gefällt auch Stefanie besonders an der Ausbildung: "Alleine etwas zu schaffen, ohne, dass man für jeden Schritt Anweisungen bekommt, finde ich toll." Trotzdem werde sich in der Firma immer um die Auszubildenden gekümmert, wenn zwischendurch Fragen aufkommen, sagt Lukas. Um 15.15 Uhr endet der Tag von Stefanie und Lukas. Beide sind sich sicher, dass sie mit der Ausbildung zum Industriemechaniker die richtige Wahl getroffen haben, und freuen sich schon jetzt darauf, später in ihrem Traumberuf zu arbeiten.

Allgemeine Informationen zum Beruf des Industriemechanikers/der Industriemechanikerin in Kürze:

Ausbildungsdauer: 3,5 Jahre

Schulabschluss: Qualifizierter oder mittlerer Bildungsabschluss

Fähigkeiten: Interessenten sollten handwerklich geschickt sein und Interesse für Physik, Mathematik und Informatik mitbringen

Weiterbildung: Industriemeister/-in Metall, Studium Maschinenbau, Techniker/-in Maschinentechnik, Technischer Fachwirt, fachliche Weiterbildung

Ausbildungsvergütung: Ist von der Branche abhängig, die einem Betrieb zugeordnet werden kann. Die Vergütung ist nicht vom Ausbildungsberuf abhängig

Beispiel in der Elektro- und Metallbranche: 1. Jahr: 1035 Euro, 2. Jahr: 1089 Euro, 3. Jahr: 1160 Euro, 4. Jahr: 1207 Euro

Einstiegsgehalt: Ist von der Branche abhängig, die einem Betrieb zugeordnet werden kann. Beispiel Metallbranche nach Tarifvertrag: 2655 Euro

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