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Porträt
24.05.2022

Die Stille nach dem Sturz: Wie der Diesel-Skandal Winterkorn zusetzte

Martin Winterkorn wird 75. Prozesse werden ihn derzeit aus gesundheitlichen Gründen erspart.
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Martin Winterkorn hat VW zu einem der größten Autobauer der Welt gemacht, dann kam der Diesel-Skandal an den Tag. Jetzt wird er 75. Wie es ihm geht.

Die Tennis-Legende Boris Becker gehört sicher dazu, aber auch unter deutschen Spitzenmanagern gibt es zahlreiche tief gefallene Giganten. Thomas Middelhoff zum Beispiel, der einst den Karstadt-Quelle-Konzern Arcandor führte, dann aber wegen Untreue drei Jahre Haft bekam. In Erinnerung blieben mehrere Helikopterflüge, weil er nicht im Stau stehen wollte. Sicher steht auch der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn auf dieser Liste entzauberter Helden.

Der gebürtige Baden-Württemberger baute Volkswagen ab 2007 konsequent zu einem der größten Autobauer der Welt aus. Zehntausende Jobs entstanden, Umsatz und Gewinn verdoppeln sich in seiner Amtszeit. Winterkorn erhält Preise, wird Manager des Jahres. Über den Hang zum Pedantischen, teils Herrischen schaut man da hinweg.

Martin Winterkorn wird 75 Jahre alt

Bekannt ist das Video, in dem er auf einer Automesse 2011 die Lenkradeinstellung eines Hyundai akribisch unter die Lupe nimmt („Da scheppert nix.“) und seine Entourage damit konfrontiert, dass VW dies nicht hinbekomme. Zum gefürchteten „Schadenstisch“ soll er regelmäßig leitende Ingenieure gerufen haben, um über technische Probleme zu sprechen. Schrullig, aber erfolgreich. In der Spitze verdient der Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau bis zu 17 Millionen Euro im Jahr.

Doch 2015 fällt diese Groß-Karriere plötzlich in sich zusammen. Erst entzieht ihm VW-Miteigentümer Ferdinand Piëch das Vertrauen („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“), dann geht am 18. September die US-Umweltbehörde mit dem Diesel-Skandal an die Öffentlichkeit. Der Autobauer hat zigtausende Fahrzeuge mit illegalen Abschalteinrichtungen auf die Straße geschickt. Fünf Tage später tritt Winterkorn zurück, weist aber jede Schuld von sich. Ein Pedant wie er, der vom Abgas-Betrug nichts mitbekam? Kaum zu glauben.

Der Koi-Karpfen-Teich: Doch nicht Winterkorns Hobby

Immer wenn die Muster ganz deutlich schwarz-weiß hervorzutreten scheinen, schleichen sich häufig kleine Unschärfen ein. 60.000 Euro soll Winterkorn von VW für eine Heizung im Koi-Karpfenteich vor seiner Villa bekommen haben, „sein Hobby“, heißt es bald. Später stellt sich heraus, dass die Villa VW gehörte, dass der Architekt den Teich geplant hatte und sich Winterkorn aus Fischen im Übrigen herzlich wenig macht.

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Trotzdem ist es um den studierten Physiker, der am Dienstag 75 Jahre wird, still geworden. Zusammen mit anderen Führungskräften und Haftpflichtversicherungen hat er VW 288 Millionen Euro Schadenersatz gezahlt. In Braunschweig hat zwar ein Strafprozess gegen vier VW-Manager begonnen, Winterkorn aber fehlt.

Der frühere VW-Chef hat ein Hüftleiden, wurde drei Mal operiert. Die Reha ist langwierig, weshalb ihm fehlende Verhandlungsfähigkeit bescheinigt wurde. Winterkorn lebt zurückgezogen in München. Ob eines Tages „alles auf den Tisch“ kommt, wie er selbst in einem Video nach dem Skandal versprach? Offen.

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