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Demenz
20.12.2015

Alzheimer: Demenz ist weiter auf dem Vormarsch

Vor 100 Jahren ist Aloysius Alzheimer gestorben. Der unterfränkische Arzt entdeckte die Alzheimer-Krankheit.
Foto: Jens Kalaene/Archiv (dpa)

Alois Alzheimer erforschte das Vergessen intensiv - doch auch über hundert Jahre später ist Demenz immer noch auf dem Vormarsch und unheilbar. Mediziner haben aber eine Hoffnung.

Als Auguste Deter von ihrem Mann in die Anstalt gebracht wird, ist sie erst 51 Jahre alt. Die Frau ist ungewöhnlich verwirrt, kann sich an fast nichts erinnern und zeigt Symptome, die die Ärzte so nie zuvor beobachtet haben. Sie stehen vor einem Rätsel – und der Psychiater Alois Alzheimer ist fasziniert. Das war 1901.

Alzheimer dokumentiert Gespräche und Beobachtungen – und als Auguste Deter im April 1906 an einer Blutvergiftung stirbt, wittert der Forscher seine Chance. Er lässt sich aus der „Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main das Gehirn der Toten nach München schicken. Dort leitet der Mediziner seit vier Jahren an der Psychiatrischen Klinik das hirnanatomische Laboratorium. Belächelt als „Irrenarzt mit Mikroskop“ fertigt er eingefärbte Hirnschnitte an. Er stellt fest, dass die Hirnrinde, die für das Gedächtnis, die Orientierung und die Gefühle zuständig ist, stark verändert ist. Und er stößt unter dem Mikroskop auf ungewöhnliche Fibrillen und Eiweißablagerungen in Form von Plaques.

Demenz: Alzheimer forschte jahrelang

Alzheimer ist überzeugt, dass diese Veränderungen mit dem Gedächtnisschwund der Patientin zu tun haben – und dass die seltsame Krankheit organischen Ursprungs ist. Zu seinem 100. Todestag erinnern Mediziner an seine Entdeckung. Heilen können sie die Krankheit heute nicht – obwohl weltweit daran geforscht und „irrsinnige Geldsummen“ ausgegeben werden, wie Christian Haass vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen sagt.

„Die Grundzüge der klinischen Diagnostik haben sich seit der Zeit Alzheimers nicht grundlegend geändert. Die allmähliche Entwicklung der Symptome sowie die Auffälligkeiten des Gedächtnisses, der Sprache und des praktischen Geschickes, die er bei seiner ersten Patientin feststellte, bilden noch heute den Kern der ärztlichen Befunderhebung“, sagt Alexander Kurz, Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft aus München.

Als Alois Alzheimer ein halbes Jahr nach seiner Entdeckung bei der „37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte in Tübingen“ erstmals über das Krankheitsbild und einen „eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde“ berichtet, werten seine Kollegen das als Kuriosität. Gedächtnisverlust bei Jüngeren war selten. Und warum Großmutter und Großvater so vergesslich waren, hinterfragte damals niemand.

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„Alles schwieg. Es gab keine Diskussion.“ So steht es im Protokoll. Alois Alzheimer soll über das Schweigen seiner Kollegen herb enttäuscht gewesen sein. Er war überzeugt, dass sich der Fall, der ihn fünf Jahre lang beschäftigt hatte, „unter keiner der bekannten Krankheiten einreihen ließ“.

Jeder Vierte Mensch zwischen 85 und 89 Jahren leidet an Alzheimer

Alzheimers Erkenntnisse werden erst Jahrzehnte später umfassend gewürdigt. Wie so oft, braucht es einen Auslöser, der die Welt bewegt und die Aufmerksamkeit plötzlich auf Dinge lenkt, die bereits bekannt sind. Bei Alzheimer ist es eine prominente Person, die Hollywood-Diva Rita Hayworth, die in den 1970er Jahren frühzeitig an Demenz erkrankt. Sie wurde einst als schönste Frau der Welt bewundert. Der Mythos zerbricht, als Fotos auftauchen, die eine sichtlich verwirrte und vermeintlich betrunkene Rita Hayworth zeigen. Bis dahin gilt die bereits seit 1910 nach ihrem Entdecker benannte Alzheimer-Erkrankung als äußerst selten. Selbst die Person Alzheimer geriet in Vergessenheit, sogar in medizinischen Kreisen. Nicht im Gedächtnis geblieben war auch, dass das Geburtshaus des Psychiaters und Neuropathologen im unterfränkischen Marktbreit im Landkreis Kitzingen steht.

Dort kam er am 14. Juni 1864 zur Welt. Stolz verkündete der königliche Justizrat und Notar Eduard Alzheimer im Marktbreiter Wochenblatt „den lieben Verwandten, Freunden und Bekannten“ die Geburt seines zweiten Sohnes Aloysius. Das Geburtshaus an der Ochsenfurter Straße 15a kann besichtigt werden.

Der Begriff Alzheimer steht heute für die häufigste Form der Demenzerkrankungen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind allein hierzulande schätzungsweise rund 1,5 Millionen Menschen betroffen – Tendenz steigend. Aufgrund der höheren Lebenserwartung der Menschen lauten die düsteren Prognosen der Experten, dass sich die Zahl der Erkrankten bis 2050 verdreifacht haben wird. Demenz ist eine Volkskrankheit, das Risiko steigt deutlich mit dem Alter: Bei den 85- bis 89-Jährigen ist bereits jeder Vierte betroffen. Demenz sei eine „tickende Zeitbombe“, sagt Christian Haass. „Wir müssen alle nur alt genug werden und bekommen die Krankheit.“

Aufgrund besserer Lebensumstände erkranken die Menschen zwar später. „Neue Studien haben ergeben, dass der Zeitpunkt der Erkrankung weiter nach hinten rutscht, trotzdem nehmen die Zahlen wegen der steigenden Lebenserwartung zu“, sagt Geschäftsführerin Sabine Jansen. Lebensstil und Ernährung spielen für den Ausbruch der Krankheit eine Rolle. Sport, geistige Beweglichkeit und Neugier können sie hinauszögern. Studien wiesen auch genetische Dispositionen nach. Nicht immer ist eine solche Feststellung hilfreich.

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Mancher verfällt danach in Depression – und erkrankt damit noch schneller. Das Vergessen beginnt mit der Ablagerung von Eiweißfragmenten, Amyloid-Peptiden. Die Zellen schaffen es nicht, diese Plaques loszuwerden. Sie stören die Reizübertragung zwischen den Hirnzellen, diese werden funktionsuntüchtig und sterben ab. Betroffene ringen um Worte, können Telefon und Bankautomat nicht mehr bedienen, erkennen Familie und Freunde nicht mehr. Angehörige finden oft Sammlungen von Zetteln, Notizen auf Schnipseln – sie zeugen von Verzweiflung. „Das Gehirn ist möglicherweise schon krank, Jahrzehnte bevor die Leute klinisch manifest werden“, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie des Uniklinikums München, Peter Falkai.

Auch die Gesellschaft sei hier gefragt, sagt Jansen. „Wenn zum Beispiel jemand immer mit einem 100-Euro-Schein bezahlt, weil er nicht mit Geld umgehen kann, oder jeden Tag zur Bank geht, um Geld abzuheben, könnte man mal fragen, ob das seine Richtigkeit hat.“ Es gehe um Aufklärung, nachbarschaftliche Hilfe und den Abbau von Scheu.

Mancher Fall landet noch heute im Polizeibericht statt bei professionellen Helfern. Eine Frau im Nachthemd im Park, ein alter Herr ertappt beim Ladendiebstahl. Wer glaubt schon, dass er vergessen hat zu zahlen? Und dass die Frau nur weglief, weil sie heim wollte?

„Viele fühlen sich fremd – ihre eigene Umgebung kennen sie nicht mehr. Sie wollen irgendwohin, wo es ihnen vertrauter ist, als da wo sie gerade sind“, sagt Jansen. „Es kommt immer wieder vor, dass die Menschen ihre Mutter suchen, in ihre alte Häuslichkeit wollen. Denn das Langzeitgedächtnis ist länger erhalten.“

Bisher können Medikamente den Verlauf nur verlangsamen. Ärzte setzen vorsichtige Hoffnung in eine Art Impfung. Bei der Immunisierung gegen das Peptid Amyloid aktivieren Antikörper Fresszellen, die Plaques entfernen. Bei Mäusen konnten Plaques so aufgelöst werden, sagt Haass. Bei Menschen konnte die Immunisierung selbst in einem frühen Stadium den Gedächtnisverlust nur stoppen. Dennoch: „Ich glaube, dass man hier auf dem richtigen Weg ist.“ Das Vergessen bringt Angst, Scham, Misstrauen – und seelisches Leid. „Ich habe mich sozusagen verloren“, klagte Auguste in Gesprächen mit Alois Alzheimer.

Alois Alzheimer stirbt mit 51 Jahren, jünger als seine Patientin. Er wird auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt in aller Stille beigesetzt. „Blumen dankend abgelehnt“, heißt es in der Todesanzeige der Schlesischen Zeitung. mit dpa, epd

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21.12.2015

Online-Petition an den Bundestag - Jetzt für mehr Forschung gegen Alterskrankheiten wie Alzheimer unterzeichnen!

Link zur Petition:

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2015/_12/_03/Petition_62491.nc.html

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Diese Petition wird u.a. von der neuen Partei für Gesundheitsforschung unterstützt: http://www.openpr.de/news/884668.html

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