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Musikkabarett

15.01.2019

SPD-Bürgermeister unter Artenschutz

Stofferl Well als „Milli-Rapper“ mit tiefhängender Lederhose und Wollmütze. Ihn begleiten seine Brüder Karli (Akkordeon) und Michael (Tuba).
Bild: Manfred Zeiselmair

Die Wellbrüder aus’m Biermoos zeigen im ausverkauften Aichacher Pfarrzentrum, dass sie sich auch im Wittelsbacher Land gut auskennen. Sie beweisen nicht nur geniales Können an ihren Instrumenten, sondern tanzen sogar

Als Vorreiter der „Neuen Volksmusik“ gingen sie in die bayerische Musikgeschichte ein: die Mitglieder der vielköpfigen Musikantenfamilie Well aus Günzlhofen bei Fürstenfeldbruck. Als „Wellbrüder aus’m Biermoos“ standen nun im ausverkauften Aichacher Pfarrzentrum die Brüder Michael und Stofferl (beide ehemals Biermöslblosn) sowie Karl Well auf der Bühne.

Ein vielseitiges Programm, wenn auch nicht immer ganz ausgereift, erwartet die Besucher. Schon bei ihrem ersten Gstanzl beweisen Karli, Michael und Christoph (Stofferl) als „Well Nr. 12, 13 und 14“, dass sie sich auskennen in der Region. Sie nehmen die Lokalpolitik ins Visier, besingen die Mülltonnen-Kultur im Landkreis und die schon vor der Öffnung wieder geschlossene Geburtshilfestation im neuen Kreiskrankenhaus. Vera Brühne, Brigitte Mohnhaupt und Sisi zählen sie zu den berühmtesten Aichacher Frauen, bezweifeln aber, dass die spätere Kaiserin jemals vor Ort war. Den Aichacher Rathaus-Chef Klaus Habermann stellen sie als einen der wenigen SPD-Bürgermeister unter Artenschutz. Aber Gott sei Dank habe „in Bayern jede Minderheit das Recht, sich einer Mehrheit anzuschließen“.

Sogleich ertönt dreistimmig der „Integrations-Jodler“. AfD übersetzen die Wells mit „Asyl für Deppen“. Bei der Polka „Auf beim Spund, d’Welt geht z’grund“ erzählen sie die Entwicklungsgeschichte der bayerischen Politik im Schnelldurchlauf. Und zum „Kleinen Latinum“ in Sachen bayerischer Schulpolitik führt das Mitsing-Lied über das „Gymnasium Bavarium Chaotikum“.

Schon traditionell wird bei den Well-Buam die Situation in ihrem Kreisverkehr-Heimatdorf Hausen bei Rohrbach beleuchtet. Laut Michael Well ist Hausen allerdings „nicht bayerische Provinz, sondern die Provence von Bayern“. Der Komponist Georg Friedrich Händel habe sogar – nach zweifelhaften Recherchen des dortigen Kreisheimatpflegers – eigens für die dortige Feuerwehr eine Hymne geschrieben, bei der Stofferl Well an der Trompete brilliert.

Dieser ist es auch, der seine Brüder immer wieder mitreißt und für die meisten Höhepunkte des Abends sorgt. Zum Beispiel als „Milli-Rapper“ mit tiefhängender Lederhose und Wollmütze bei „40 Cent“, wobei er einen Gangsta-Bauern mimt, der sich gegen die niedrigen Milchpreise wehrt. Oder bei seinem Dudelsack-Einmarsch nach der Pause als „Highlander“ McWell, einem angeblich schottischen Vorfahren der Well-Familie.

Leider fehlt den einfachen politischen Botschaften der Brüder zuweilen etwas der Biss. Hier vermisst man die Satire der Biermöslblosn und/oder des Kabarettisten Gerhard Polt, oftmaliger Begleiter der Well-Brüder. In erster Linie überzeugen sie, angetrieben vom energiegeladenen Stofferl (Profi an Bachtrompete und Harfe), als geniale Musik-Virtuosen, die eine Vielzahl an Instrumenten beherrschen. Gitarre, Akkordeon, Trompete, Tuba, Kontrabass, Harfe, Dudelsack, Geige, Drehleier, Block- und Querflöte und sogar drei Alphörner, die bis in die vorderen Zuschauerreihen reichen, kommen zum Einsatz. Auch zwei ausgefallene Instrumente stehen auf der Bühne: Einen selbst gebauten „Brummtopf“ lässt Michael ertönen und Stofferl ein hölzernes „Glachter“, als Ersatz für ein Hackbrett, das sie ihren Schwestern, den Wellküren, verkauft haben. Nur die Zither haben sie nicht dabei, denn „d’Muatter hat d’Zither gschlagn, da Vater d’Kinder!“, erklärt der „gfotzerte“ Stofferl.

Zur Freude des dankbaren Publikums stellen die Wellbrüder an dem Abend auch ihr tänzerisches Talent unter Beweis. Während Stofferl einen Schuhplattler aufs Parkett legt, besticht der sonst eher zurückhaltende Karli mit einem besonderen Bauchtanz und Michael mit einem spektakulären schottischen Highland-Step-Dance. Eine vielsagende Botschaft geben sie den Leuten mit auf den Nachhauseweg: „Leit, macht’s Stubnmusi. Da kann ma Konflikte austragn!“ Frei nach dem Motto ihres – im Jahr 2013 nach Auflösung der Biermöslblosn – ausgegebenen Familien-Leitspruchs „Fein sein, beinander bleibn!“.

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