Newsticker
Notfallzulassung für Impfstoff von Johnson & Johnson in den USA
  1. Startseite
  2. Lokales (Aichach)
  3. Was änderte sich durch das Aichacher Zugunglück?

Aichach

07.05.2019

Was änderte sich durch das Aichacher Zugunglück?

Zugunglück in Aichach. Ein Personenzug war auf den stehenden Güterzug aufgefahren. Die Deutsche Bahn rüstet bundesweit 600 alte Stellwerke nach.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archiv)

Plus Nach dem Zugunglück mit zwei Toten vor einem Jahr folgte der größte Rettungseinsatz in der Geschichte Aichachs. Ein Jahr später werden Erinnerungen wach.

An dem lauschigen Maiabend gießt ein Mann in Algertshausen seinen Garten. Gegen 21.15 Uhr tönt der eindringliche Ton einer Dauerhup vom Aichacher Bahnhof herüber. Dann ein Knall, „als ob ein Haus einstürzt“. Der Mann sieht noch, dass ein Personenzug eine Güterlok einige Meter zurück schiebt. Was dann folgt, ist der größte Rettungseinsatz in der Geschichte der Stadt. Das Aichacher Zugunglück jährt sich am 7. Mai zum ersten Mal. Bei vielen Menschen werden Erinnerungen wach.

250 Rettungskräfte sind beim Zugunglück in Aichach im Einsatz

Stunden lang sind nach dem großen Knall in der Stadt Martinshorn und kreisende Hubschrauber zu hören. 240 Einsatzkräfte werden zusammengezogen. Kreisbrandrat Christian Happach erinnert sich gut an die Unglücksnacht. Sie ist sein härtester, sein größter Einsatz in seiner Amtszeit, die 2017 begann. Für Nervosität aber hat der Einsatzleiter keine Zeit. Happach ist sich bewusst: Es ist mit dem Schlimmsten zu rechnen, es gibt Tote und Verletzte. Wie viele, weiß zunächst niemand. Happach tut, was er für nötig hält, greift auf Routine zurück, wo sie möglich ist. „Man denkt nicht lange nach“, erinnert er sich. Jetzt, ein Jahr später, kann er zufrieden feststellen: „Die Zusammenarbeit hat gut funktioniert.“

Was den Umgang mit dem Unglück anbelangt, fällt auch im Landratsamt die Bilanz positiv aus. Damals bewährt es sich, so Pressesprecher Wolfgang Müller, dass die Führungsgruppe Katastrophenschutz (Kat-Schutz) rund um die Uhr per Handy erreichbar ist. Nach dem Alarm tritt eine Telefonkette in Kraft. Deshalb geht es schnell, bis die Mitglieder der Katschutz-Gruppe im Landratsamt zusammensitzen. Sie helfen und koordinieren den Einsatz im Hintergrund. Die Riesenarbeit aber, so betont Müller, die läuft an der Unglücksstelle.

Bei dem Zusammenstoß eines Personen- und eines Güterzuges sind in Aichach am Montag zwei Menschen gestorben. Retter waren mit einem Großaufgebot vor Ort.
18 Bilder
Zugunglück bei Aichach: Regiobahn fährt in Güterzug
Bild: Matthias Balk, dpa

Die Zusammenarbeit der Helfer klappt beim Aichacher Zugunglück

Dort arbeiten Ersthelfer, Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten konzentriert und ruhig zusammen. Auch Bürgermeister Klaus Habermann ist damals am Bahnhof bei einem „der schlimmsten Ereignisse während meiner nun doch schon 23-jährigen Amtszeit“. Noch heute ist er dankbar für die „hervorragende Arbeit der Hilfskräfte“, aber auch der Anwohner am Bahndamm, die sofort helfen, Verletzte zu versorgen und Zugpassagiere zu betreuen.

Noch heute bewegt ihn „tiefes Mitgefühl“ mit den Angehörigen der beiden Todesopfer: Der 37-jährige Lokführer und eine 73-jährige Passagierin sterben bei dem Zusammenstoß. Die Angaben zur Zahl der Verletzten variiert. Die Rede ist zunächst von elf Leichtverletzten, zwei mittelschwer und einem schwer Verletzten. Zuletzt sprechen die Behörden von 13 Verletzten. Das Unglück zeigt Habermann, „dass es absolute Sicherheit nie und nirgends geben kann“.

Ähnlich sieht das Winfried Karg. Der Aichacher spricht für den Fahrgastverband Pro Bahn und bezeichnet den 7. Mai 2018 als „erschreckendes Unglück, das viele Menschen bewegt hat“. Er betont aber: „Der Eisenbahnverkehr im Ganzen ist sehr sicher, der Straßenverkehr ist wesentlich unsicherer.“ Trotzdem steht für Karg fest: Modernere Technik hätte den Fehler des Fahrdienstleiters verhindern können.

Nach dem Aichacher Zugunglück fordern viele Menschen technische Verbesserungen

Die Deutsche Bahn, die schon bald nach dem Unglück in der Kritik steht, hat in der Zwischenzeit die Nachrüstung des Aichacher Stellwerks für dieses Jahr angekündigt. Der Zeitpunkt ist nach wie vor offen. Eine aktuelle Anfrage unserer Redaktion dazu blieb unbeantwortet. Die Nachrüstung hält Habermann für „absolut wichtig und richtig“. Aus Sicht Kargs ist sie sogar überfällig: „Letztlich ist dieses Unglück eine Folge Jahrzehnte langer Vernachlässigung der Eisenbahn.“

Die Politik investiere lieber in den Straßenverkehr. Karg nennt ein Beispiel: Die Bundesrepublik habe in den Ausbau der B300 in den vergangenen 15 Jahren 75 Millionen Euro investiert. Hätte sie die gleiche Summe in die Partalbahn gesteckt, „hätte man die Sicherungstechnik modernisieren, den Zugverkehr beschleunigen und die Bahnhöfe modernisieren können“. Auch da gibt es in Aichach Nachholbedarf, findet der Bürgermeister. Habermann nennt die nötige Verbesserung der Bahnsteige und auch der Zugang müsse aufgewertet werden, besonders für Fußgänger und Radfahrer.

Ein Jahr danach bleibt unter dem Strich dennoch etwas Positives haften: Im Fall eines schweren Unglücks funktionieren die Strukturen. Da sind sich Landkreis und Rettungskräfte einig.

Die strafrechtlichen Folgen des Aichacher Zugunglücks

Ermittlungen: Schon bald nach dem Zusammenstoß konzentrieren sich die Ermittlungen der Polizei auf den 24-jährigen Fahrdienstleiter, der zum Unglückszeitpunkt im Stellwerk am Aichacher Bahnhof Dienst hatte. Die Rede ist von menschlichem Versagen.

Staatsanwaltschaft: Neun Monate später kommt die Staatsanwaltschaft Augsburg zu genau diesem Schluss. Für sie steht fest, dass der 24-Jährige für den Personenzug der Bayerischen Regiobahn, der aus Richtung Augsburg in den Aichacher Bahnhof einfahren will, Gleis zwei frei gibt – obwohl dort schon der Güterzug steht.

Konsequenzen: Der inzwischen 25-jährige Fahrdienstleiter akzeptiert einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Bahnverkehrs. Er beläuft sich auf eine Bewährungsstrafe von insgesamt zehn Monaten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Das Aichacher Zugunglück und die Folgen

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren