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Natur

18.03.2014

„Armer Hund“ oder Rückkehr zum Ur-Lech?

Per automatischer Steuerung wird am Wehr genau dosiert, wie viel Wasser ins Lechbett darf und wie viel in den Kanal fließt.
Bild: Sonja Diller

Kraftwerksvertreter erläutert Hintergründe der Stromerzeugung nördlich von Gersthofen und was es mit dem „Rinnsal“ auf sich hat

Für den einen ist der Lech unterhalb des Wehrs bei Gersthofen eine Kieswüste mit ein paar Wassertümpeln. Ein trauriger Rest des einst stolzen Flusses; ein „armer Hund“, wie Karin Selner ihn nennt. Oft ist sie auf ausgedehnten Spaziergängen mit ihrem Hund Tobi am Wasser unterwegs. Im Sommer veralge das wenige Wasser schnell und an heißen Tagen stinke es richtiggehend, beschreibt sie ihre Eindrücke.

Für den anderen ist der Zustand, der durch die Ausleitung des Hauptstroms in den Lechkanal entsteht, eine Rückkehr zum Ur-Lech, wie er sich einst über eine Breite von einem Kilometer durch die Ebene schob. Nur bei Hochwasser rissen die Fluten damals wie heute ungestüm Kies und Treibgut mit sich, um nach dem Rückgang des Wassers jedes Mal eine ganz neue Flusslandschaft zu präsentieren.

Die Kies- und Wasserlandschaft bei Gersthofen sei eine Rarität und eines der wenigen Brutgebiete für seltene Tiere wie den Flussregenpfeifer, argumentiert Ralf Klocke, Leiter der Abteilung Wasserbau bei der BEW, einer Tochter der Lechwerke AG, die auch die Kraftwerke im Lechkanal betreibt.

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Hochwasser ist aber relativ selten und an normalen Tagen laufen nur zwei Kubikmeter Wasser in der Sekunde durch ein Kleinkraftwerk und den kleinen Umgehungsbach, der die Wanderung der Fische zu höher gelegenen Laichplätzen ermöglichen soll, ins Lechbett. Das ist die Mindestmenge, die der Fluss bekommen muss. Die Kraftwerke am Kanal laufen mit 125 Kubikmeter Wasser in der Sekunde optimal in Volllast und so viel dürfen nach der wasserrechtlichen Genehmigung auch in den Kanal geleitet werden. Nur an rund 90 Tagen im Jahr bringt der Lech so viel Wasser nach Gersthofen, dass neben dem „Treibstoff“ für den Kanal mehr als die Mindestmenge im Flussbett bleibt.

Doch das sei kein Problem für den Fluss, versichert Klocke, sondern sogar eine Wiederherstellung der natürlichen Fließverhältnisse, wie sie vor der intensiven wirtschaftlichen Nutzung des Lechs bestanden hätten. Schon nach wenigen Kilometern habe der Lech seine Wassermenge durch den stetigen Zufluss von Grundwasser und durch die Zuführung durch den künstlich angelegten Branntweinbach und den Mädlelech wieder vervielfacht. „Nach rund fünf Kilometern werden fünf Kubikmeter, nach zehn Kilometern neun Kubikmeter pro Sekunde im Mutterbett gemessen“, so der Fachmann für Wasserbau.

Die Auwaldbewässerung durch die beiden Bäche hätte sich bestens bewährt und sei als ökologische Maßnahme ein großer Erfolg. „Es ist hier eine Kinderstube für Fische entstanden, ein beruhigter Bereich, der dem durch frühere Entwässerungsmaßnahmen fast verlorenen Auwald wieder Raum gibt“, lädt er alle Interessierten ein, dort einmal einen Spaziergang in reinster Natur zu machen.

Durch den Einbau einer Kiesfalle am Einfluss des Lechkanals könne das Kiesgeschiebe des Flusses, das nur bei Hochwasser seinen Weg über das Wehr findet, bei Bedarf ausgebaggert und wieder in den Lech befördert werden. Dort werde es dringend benötigt, um die Eintiefung des Flusses in seinem Bett zu verhindern, so Klocke. Erst kürzlich waren wieder rund 20000 Kubikmeter Kies aus dem Kanal zurück in den Lech gebracht worden.

„Wir zählen 16 Fischarten in diesem Bereich des Lechs, vor allem Nasen und Barben“, führt Klocke als Beweis für die gute Wasserqualität an. Der nur sechs Grad kalte Grundwasserzustrom garantiere kühles Nass das die Fische, aber auch andere Tiere, die den lebendigen Lebensraum der Kiesbänke, Tümpel und Fließgewässer zu schätzen wissen, anziehe. Auch den Uferbereich ziehe man in die Überlegungen ein, wie der Natur mehr Raum gegeben werden kann. Mit „Ökokeilen“ werden naturnahe Uferstrukturen geschaffen. Dafür werden an den glatten Ufern rutschfeste Steinstrukturen aufgebracht, auf denen Pflanzen wurzeln und so einen bunt bewachsenen Uferstreifen bilden können. „Sehr schön“, findet auch die Spaziergängerin Karin Selner diese Bereiche, und kann nach den Informationen vom Fachmann einige Veränderungen am Lech nachvollziehen. Doch trotzdem bleibt sie bei ihrem Wunsch von „ein bisschen mehr Wasser für den Lech“, der auf den ersten Kilometern nach dem Gersthofer Wehr doch arg ausgemergelt aussehe.

„Die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft ist eine tolle Sache, die wir sicher brauchen“, so Selner. Doch auch die vielen Gersthofer, die den Lech und seine Ufer als Naherholungsgebiet nutzen möchten, sollten noch etwas haben von dem einst so stolzen Fluss. „Und dazu braucht es etwas mehr als den kargen Rest vom Stromerzeugungs-Fest“, appelliert Selner zum Umdenken bei Betreibern und Fachbehörden.

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