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Dialekt

12.08.2013

Entlarvende Augenentzündung

In unserer Serie um sprachliche Besonderheiten geht es heute um das Gerstenkorn

Landkreis Augsburg Wer ein Gerstenkorn hat, ist gestraft genug. Juckt es doch ziemlich und wächst sich dann zu einem entzündeten und geschwollenen Augenlid aus. Dass es obendrein noch entlarvend für das verbotene „Verrichten der Notdurft“ im Freien sein soll, wäre peinlich, lässt sich aber gottlob nicht nachweisen. Unsere Vorfahren allerdings glaubten an den Zusammenhang zwischen Wildpinkeln und Augengeschwulst. Und etliche heute noch in Schwaben verwendete mundartliche Begriffe belegen das: „Wegsa/Eicherle“ ist so einer. Und dazu gesellen sich dann insbesondere im Ries „Wegbrunzerle“ und, als ob das nicht reichen würde, auch noch „Wegscheißerle“, wie die Dialektexperten König und Renn berichten. Im Altbairischen und in Österreich heißt es meist ganz harmlos „Gerschtl“, was durchaus aber auch Geld, ja sogar die Gesamtheit von Hab und Gut bedeuten kann.

Nimmt man die Vielzahl der Mundartwörter für das Gerstenkorn, dann kann man getrost davon ausgehen, dass es früher eine weitverbreitete Krankheit war. Interessant mag am Rande sein, dass ein Gerstenkorn auch eine uralte und fast auf der halben Welt verbreitete Längen- und Gewichtsmaßeinheit war.

Die „Werre“ hat wohl keinen romanischen Hintergrund

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Während das hochdeutsche Wort Gerstenkorn eine genaue Übersetzung der lateinischen Krankheitsbezeichnung ist, hat die im gesamten Schwäbischen und in Teilen Altbaierns verbreitete „Werre“ wohl keinen romanischen Hintergrund. Vielmehr beutet das Wort eigentlich Maulwurfsgrille – ein Insekt, das maulwurfartig im Boden Gänge anlegt. Es ist aber auch eine Bezeichnung für Engerling und Wurm. Da man früher bei vielen Krankheiten annahm, sie würden von Würmern übertragen, ist der im „Kleinen Sprachatlas von Bayrisch-Schwaben“ angeführte Zusammenhang mit der Infektion Gerstenkorn durchaus plausibel.

Natürlich kennen die Mundarten nicht nur Werre, sondern eine Vielzahl von Varianten: „Werlein“, „Wearla“, „Wearn“, „Oogawerra“ (Augenwerre) – um nur einige zu nennen. Daneben kommen im schwäbischen Sprachraum auch noch „Beulen“ vor, und zwar vor allem im Allgäu: „Schuss-“ und „Schutzbeule“. Es ist zu vermuten, dass der Zusammenhang mit der Augenlidentzündung wohl von deren plötzlicher Entstehung über Nacht herrührt – ähnlich wie beim Hexenschuss. Bleibt noch das im Ulmer Raum vorkommende „Kernlein“, das wohl auch (Gersten)Korn meint.

Ausblick: Auch im nächsten Teil unserer Serie geht es um das Auge.

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