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Ausstellung

15.07.2017

35 Minuten Drama in der Garderobe

Der Fotograf Simon Annand hält seit 35 Jahren in den verborgenen Kulissen der Theater jene intimen Momente fest, in denen Schauspieler sich vor dem Auftritt verwandeln

Die Garderobe ist der Raum, in dem sich der Schauspieler sammelt, verwandelt, vorbereitet, verliert – eine Transitzone, ein „allerheiligstes Refugium des Theaters“. Vor der Vorstellung ist Ausnahmezustand. Umso wichtiger ist für die Mimen die Ruhe, das Ungestörtsein im verborgenen Schutzraum namens Garderobe, wenn die Uhr tickt. Silence please! Do not enter!

Zutritt verboten? Nicht für Simon Annand.

Er öffnet seit 35 Jahren in den Theatern Londons die Garderobentüren – und zwar meistens in jenen sensiblen letzten 35 Minuten bis zum Aufführungsbeginn, die durch den Ruf „The Half“ angesagt werden. Und dann steht er mit seiner Kamera in den winzigen Räumen, steht Weltstars wie Glenn Close, Kevin Spacey, John Goodman, Anthony Hopkins oder Cate Blanchett gegenüber. Und fotografiert sie in einem Augenblick, der intimer kaum sein könnte. Kein Entkommen, „The Half“, die Uhr tickt. Daniel Craig, später als James-Bond- Darsteller ein Kinoheld weltweit, mit müden Augen und nacktem Oberkörper 1999 im Royal Court Theatre in London. Tilda Swinton, 1989, im Almeida Theatre, schon „weggetreten“ in ihre Rolle, Keira Knightley 2009 mit Lockenwicklern vorm Spiegel, 2009 in ihrer Garderobe im Comedy Theatre.

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Aber Simon Annand ist kein Paparazzo. Er ist das Gegenteil eines Paparazzo. Er ist ein stiller, geduldiger Besucher, ein Wartender, einer, der trotz aller Berufserfahrung sagt: „Ich muss mir jedes Bild erst verdienen.“ Der theaterverrückte Fotograf, der die Stücke und Inszenierungen kennt, in deren Umfeld er arbeitet, begibt sich selbst immer wieder vorbehaltlos in diese Intimzone Garderobe.

Er tut das ohne vorgefassten Plan und ohne feste Vorstellung von dem Bild, das er bekommen wird, neugierig auf das, was ihn erwartet. Simon Annand zeigt nun eine Auswahl seiner außergewöhnlichen Künstlerporträts im Schaezlerpalais. Titel der Ausstellung (wie der seines erfolgreichen Bildbandes, der inzwischen vergriffen ist): „The Half“. Dass seine Theaterbilder, die Annand in den vergangenen Jahren weltweit in vielen Ausstellungen präsentiert hat, nun in Augsburg zu sehen sind, ist auch der Augsburger Online-Galerie für Dokumentarfotografie „Salz und Silber“ zu verdanken. Sie vertritt Simon Annand.

„Die psychologische Transformation, die sich vor der Vorstellung vollzieht, das interessiert mich“, sagt der 1955 geborene Fotograf und Jazzliebhaber, der Anfang der 1980er Jahre an der Theaterbar des „Lyric Hammersmith“ in der Londoner King Street jobbte und irgendwann begann, mit einer geborgten Kamera Aufnahmen von Theaterproben zu machen. Die Bilder überzeugten, Annand, der zunächst noch fünf Jahre als Gärtner seinen Lebensunterhalt verdiente, wurde schließlich offizieller Fotograf des National Theatre und ging in den Bühnen im Londoner West End ein und aus.

Die Fotografien, schwarz-weiß und farbig, fügen sich zu einem Album des Weltkinos. Denn die allermeisten der Schauspielerinnen und Schauspieler, die Simon Annand in Londoner Theatergarderoben porträtiert hat, gehören zu den „Ikonen unseres Bildgedächtnisses“, wie Christof Trepesch, Chef der Kunstsammlungen, zur Vernissage sagte. Es sind stille, melancholische Szenen, die Simon Annand zeigt – etwa den als Harry-Potter-Darsteller bekannten Daniel Radcliffe, der versonnen auf dem Schminktisch sitzt und ins Nichts schaut. Andere Aufnahmen zeigen das Drama der Verwandlung in einen anderen bewegt, in den Augen und in Gesten.

Natürlich inszenieren sich Schauspieler auch vor der Annands Kamera. Was seine Bilder verbindet, ist der Ort und die Situation: Garderobe, vor dem Auftritt. Stilistisch ist der Londoner Fotokünstler hingegen sehr wandelbar. „Mein Stil ist kein Stil“, sagt er selbst über seine Arbeiten. Da gibt es Nahaufnahmen, die zu Bildblöcken gefügt sind – aber auch Fotos, die viel Raum zeigen, die Enge dieser oft winzigen, überladenen Kabuffs. Spiegel sind in jeder Garderobe – Simon Annand baut sie immer wieder ein in seine Bilder.

Einige großformatige Farbaufnahmen in der Ausstellung zeigen Garderoben menschenleer – ein eigener Topos. Da sind Spiegel mit Zettel und Autogrammkarten fast zugeklebt, es liegen Pinsel, Kämme, Bürsten und Stifte herum, ein leerer Teller, Talismane. Diese Stillleben erzählen vom Theater als einzigartigem Kosmos. Das gilt für englische Bühnen besonders, wo der Schauspieler eine besonders prägende Figur ist. Diese Aura beschäftigt Simon Annand seit fast 40 Jahren. Zu jedem seiner Porträts nennt er übrigens den Namen des Stücks, das am fraglichen Abend gespielt wurde.

Der Londoner Fotograf fotografiert stets in den Minuten vor der Aufführung. Die bekannte deutsche Schauspielerin und ausgebildete Fotografin Margarita Broich hingegen porträtiert ihre großen Kollegen seit Jahren unmittelbar nach „Ende der Vorstellung“, wie ihr Projekt heißt. Abgekämpfte, verausgabte, verschwitzte Mimen, oft mit einem leeren Blick, als müssten sie erst zurückfinden in die Welt abseits der Bühne. Es wäre reizvoll, beide Positionen einmal zusammen in einer Ausstellung zu zeigen.

bis 22. Oktober. Die Ausstellung im Liebertzimmer und im Museumscafé ist bei freiem Eintritt zu sehen

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