Newsticker

Trotz steigender Infektionszahlen: Kliniken halten wenige Intensivbetten frei
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Adelstitel für Bauernsohn Hessing

08.07.2010

Adelstitel für Bauernsohn Hessing

Augsburg Nur wenige Menschen bekommen bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Friedrich von Hessing zählte zu den solchermaßen Geehrten. Er konnte sich in seinem letzten Lebensjahrzehnt in Bronze gegossen vor seiner orthopädischen Kuranstalt in Göggingen auf einem Sockel sitzend betrachten. Es steht noch immer an seinem Platz vor dem Haupteingang des historischen Klinikaltbaus an der Hessingstraße. Die Enthüllung am 3. September 1908 war in Göggingen ein Feiertag mitten in der Woche. Wenn man den Presseberichten glauben darf, stand die Gemeinde Kopf. Die Augsburger Zeitungen berichteten ausgiebig. Fotos dokumentieren die Abläufe von vor über 100 Jahren.

VON FRANZ HÄUSSLER

Zeitungen informierten umfangreich über Großereignis

Am Morgen des 2. September, einem Mittwoch, würden mit einem Sonderzug 300 "Pankgrafen" aus Berlin eintreffen. Ein reichhaltiges Programm werde vorbereitet. Den Höhepunkt ihres Aufenthaltes in Augsburg bildete am 3. September die Übergabe der von ihnen gestifteten und bereits auf einem Marmorsockel platzierten Skulptur. Die "Pankgrafenschaft von 1381" hatte sie für Friedrich Hessing von Eugen Boermel modellieren und von der Berliner Hofbildgießerei Martin & Piltzing ausführen lassen.

Adelstitel für Bauernsohn Hessing

Da in Augsburg kaum jemand wusste, was denn ein "Pankgraf" sei, wurde die Vereinigung in den Zeitungen vorgestellt. Die "Pankgrafenschaft" bezeichne sich als Zusammenschluss "edel denkender, gut situierter Männer, welche neben kerndeutschem Humor Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Gastfreundschaft pflegen", erfuhren die Leser. Künstler, Gelehrte, Industrielle und Kaufleute gehörten ihr an. Sie hatten Friedrich Hessing zu ihrem Ehrenmitglied erkoren. Ein Foto überliefert den Geehrten in der Kleidung eines "Pankgrafen" mit Federhut auf dem Kopf, einen Degen an der Seite.

In solchen "altdeutschen", uniformartigen Fantasiegewändern zogen am Mittwoch, 2. September 1908, die etwa 300 aus Berlin angekommenen "Pankgrafen" vom Hauptbahnhof zum Augsburger Rathaus. Dort lud die Stadt zu einem festlichen Empfang. Mit einer "Sedanfeier" am Friedensdenkmal auf dem Fronhof (dort erinnerte bis 1956 eine Schrifttafel mit ihrem Leitspruch "Ein Gott, ein Volk, ein Reich" an diesen Tag), einem Konzert im Stadtgarten mit mitgereisten Berliner Kapellen und anschließender fantasie- und stimmungsvoller Parkillumination war der Vortag der Denkmalsenthüllung ausgefüllt.

Bevor tags darauf die Gäste aus Berlin die bereitstehenden Straßenbahnen zur Sonderfahrt nach Göggingen bestiegen, gab es ein Konzert am Stadttheater. Gegen 13 Uhr trafen sie an der damaligen Endhaltestelle im Zentrum des nahen "Hessing-Dorfes" ein. Nach einer Begrüßung durch Bürgermeister Leo Eichleitner marschierten die farbenprächtig gekleideten Herren unter Vorantritt einer Musikkapelle durch Ehrenpforten zur Hessing'schen Kuranstalt und nahmen um das verhüllte Denkmal Aufstellung. Ehrenjungfrauen bildeten ein Rund, als der Großmeister der "Pankgrafen" nach einer Laudatio das weiße Tuch entfernen ließ. Zum Vorschein kam der bronzene Hessing in seiner Lieblingspose: sitzend, mit Kindern als von ihm behandelte Patienten. Ein Mädchen schmiegt sich an ihn, ein Bub mit bandagiertem Bein sitzt am Boden.

Gründer der Heilanstalt fühlt sich zu jung für Auszeichnung

Die "Pankgrafen" übergaben das Monument feierlich in die Obhut von Anstaltsdirektor Bohneberger und Bürgermeister Eichleitner. Das Ortsoberhaupt sicherte die besondere Fürsorge der Gemeinde zu, "obwohl das Werk Hessings nicht Stein und Erz bedarf, sein Name ist bereits durch sein Werk unsterblich geworden", merkte er an. Der so geehrte 70-jährige Friedrich Hessing ließ Zeremonie und Reden auf einer Tribüne sitzend über sich ergehen und bedankte sich mit wenigen Sätzen. Ein Zeitungsberichterstatter vergaß nicht zu bemerken, dass er zwar wenig spreche, "aber das Wenige fängt wie Zunder Feuer". Bei der anschließenden Festtafel im Kurhaus ergriff Hessing nochmals kurz das Wort. "Wenn man alt wird, bekommt man Orden und wird geehrt, aber bei mir ist das noch zu früh - ich bin noch nicht alt", wird er zitiert.

Vermögen geht an Stiftung der Stadt Augsburg

Den Abschluss des festlichen Tages bildete am frühen Abend in der Hessing-Kirche ein Konzert "aus Anlass der Enthüllung des dem Ersten Orthopäden der Welt Königlich Bayerischen Hofrat Friedrich Hessing gelegentlich des 40jähr. Bestehens seiner Anstalt errichteten erzenen Standbildes". So war auf dem Programm zu lesen. Mitwirkende waren der Rothenburger Musikdirektor und Orgelvirtuose E. Schmidt sowie das Berliner Lieder-Quartett.

Zum 75. Geburtstag folgte eine weitere hohe Ehrung für "Herrn Hofrat" (diesen Titel durfte Hessing seit 1907 tragen): Er bekam das Ritterkreuz des Verdienstordens der bayerischen Krone verliehen, mit dem der persönliche Adel verbunden war. Am 16. März 1918 verstarb fast 80-jährig der als Kleinbauern- und Hafnersohn im fränkischen Schönbronn bei Schillingsfürst geborene Friedrich Ritter von Hessing. Sein Vermögen floss in eine Stiftung der Stadt Augsburg ein. Die "Orthopädische Heilanstalt" entwickelte sich zur Hessing-Klinik.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren