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Interview

18.11.2019

Betriebsseelsorger: Er hat ein großes Herz für Arbeitnehmer

Diakon Erwin Helmer setzt sich seit Jahrzehnten für die Arbeitnehmer ein. Er kennt die Nöte und Ängste von vielen Mitarbeitern. „Es wird mehr in die Arbeitszeit gepackt, was zu Hektik und damit zu psychischer Belastung führt“, sagt er.
Bild: Peter Fastl

Seit über 40 Jahren setzt sich Diakon Erwin Helmer dafür ein, dass Menschen gute Arbeitsbedingungen haben. Dabei legt er sich schon mal mit der Politik an.

Sie sind seit 40 Jahren als Betriebsseelsorger tätig. Was machen Sie da genau?

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Erwin Helmer: Über die Betriebsseelsorge gibt es einige Missverständnisse. Wir arbeiten nicht nur in einem Betrieb, sondern haben ein großes Gebiet. In Augsburg sind wir ein Team aus drei Leuten, in Verbindung mit der KAB. Wir haben auch nicht automatisch die Möglichkeit in einen Betrieb zu gehen, sondern wir brauchen Türöffner. Wir gehen in der Regel über den Betriebsrat und machen dann Betriebsbesuche. Die großen Geschichten der vergangenen Jahre, wo wir intensiv eingebunden waren, waren ja Weltbild, Schlecker, oder zuletzt auch die Schließungen bei Fujitsu oder Ledvance.

Wann kommen Sie ins Gespräch?

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Helmer: Wir kennen zumeist die Betriebsräte und wenn Probleme entstehen, wie etwa Personalabbau, werden wir informiert und kommen zum Gespräch oder auch zur Betriebsversammlung. Wir kommen als Zuhörer. Unsere Frage ist immer „wie geht es dem Menschen?“ Manchmal haben wir auch schon Hintergrundinformationen, weil uns beispielsweise jemand von einer Benachteiligung erzählt. Die Gewerkschaften sind in solchen Fällen natürlich erster Ansprechpartner und auch die Betriebsräte.

Wie kommt der Betriebsseelsorger ins Spiel?

Helmer: Wir kommen zuerst einmal, um mit den Menschen zu reden. Aber wir äußern uns auch politisch, dort, wo wir Unrecht spüren. Vor zehn Jahren war beispielsweise großes Interesse an den „Schleckerfrauen“. Wir hatten direkten Kontakt zu den Beschäftigten und es war so ein Leichtes, auch in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. Damals hatte Schlecker ja in Augsburg vier Märkte geschlossen und um die Ecke einen neuen Markt aufgemacht und die Leute als Leiharbeiter wieder eingestellt – zum halben Lohn! Es herrschte großes Interesse in der Öffentlichkeit.

Neben Ihrem politischen Engagement sind Sie aber auch seelsorgerisch unterwegs?

Helmer: Wenn wir zum Gespräch zum Betriebsrat kommen, bringen wir viel Zeit mit, haben ein offenes Ohr und ein großes Herz. Unsere wichtigste Frage ist: „wie geht’s dir“. Wir kommen in den Betrieb und reden mit den Leuten über alles. Konflikte können Thema sein, aber meistens ist das gar nicht der Fall. Es geht um den menschlichen Kontakt. Bei den engagierten Betriebsräten kommt es zum Beispiel häufig vor, dass sie sich selbst überfordern. Das führt bis zum Burn-out, weil sie sich um zu viele Dinge kümmern. Da bestärke ich den Menschen, dass er Grenzen setzt. Ich muss mich als Betriebsrat selber schützen und beispielsweise nicht auch noch in meiner Freizeit erreichbar sein. Darin unterstützen wir ihn.

Wie hat sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert?

Helmer: Die Arbeit im Betrieb ist sehr intensiv geworden, die Arbeitszeit stark verdichtet. Früher gab es mehr betriebliche Pausen, wo man zum Beispiel einen Geburtstag gefeiert hat. Das ist weniger geworden. Es gibt zwar auch eine Gegenreaktion, zum Beispiel durch „Wellness-oasen“ im Betrieb. Aber es bleibt bei einer starken Verdichtung. Es wird mehr in die Arbeitszeit gepackt, was zu Hektik und damit zu psychischer Belastung führt. Die Krankheitstage durch psychische Belastung sind enorm angewachsen, während die Krankheitstage durch Muskelprobleme abnehmen. Es muss ein Recht geben auf Unerreichbarkeit – das bringen wir gerade auch im Hinblick auf den Sonntagsschutz ins Spiel. Nach Arbeitsschluss sollte niemand mehr Dienstmails bekommen, wenn er nicht gerade in einem Notdienst beschäftigt ist. Wer rund um die Uhr erreichbar ist, schwebt in großer Gefahr, „burnout“ zu werden.

Sie treten vehement für „gute Arbeit“ ein. Was verstehen Sie darunter?

Helmer: Dazu gehört ein gutes Klima, Mitsprache im Betrieb und Unternehmenskultur. Aber auch anständige Freizeit, Pausen, geregeltes Urlaubsgeld und Urlaub. Am liebsten ist uns, wenn die Leute nicht am Sonntag arbeiten müssen. Natürlich gibt es Branchen, wo das sein muss. Aber wir wollen nicht, dass sich das ausweitet. Die Tendenz ist deutlich da. Wir haben die „Allianz für den freien Sonntag“ bundesweit gegründet, das ist ein großes Thema für uns.

Sie waren maßgeblich beteiligt, dass 2017 zwei verkaufsoffene Sonntag in Augsburg vom Gericht gekippt wurden.

Helmer: Da haben die KAB (Katholische Arbeitnehmer-Bewegung) Augsburg und Verdi geklagt. Es ging hier darum, dass sich durch Bundesurteile die Rechtslage geändert hat. Ein reines Umsatz- oder Shoppinginteresse genügt nicht, um Sonntagsarbeit zu bekommen oder sonntags Geld zu verdienen. 2015 hat das Bundesverwaltungsgericht ein Kriterium genannt, das uns hilft. Es braucht einen Sachgrund wie beispielsweise einen Markt. Die Geschäfte dürfen um diesen Markt, wie das Turamichele-Fest, geöffnet sein. Aber das Fest muss prägend sein, die Ladenöffnung muss definitiv kleiner sein. Das hat uns die Möglichkeit für unsere Klagen eröffnet. Beim Tu-ramichele beispielsweise hatte ja die halbe Stadt geöffnet.

Aber wenn Menschen trotzdem gerne sonntags arbeiten oder shoppen würden?

Helmer: Die Unternehmen sollen ihre Lockangebote und Preisangebote am Samstag machen. Oder am Freitag. Es muss nicht der Sonntag sein, der eben den grundgesetzlichen Schutz hat. Das Bundesverwaltungsgericht sagt, der „werktägliche Charakter“ darf nicht auf den Sonntag gehen. Die Tendenz ist, dass immer wieder Schlupflöcher gesucht werden. Wie jetzt beim Verbot, am Sonntag ganztags Semmeln verkaufen zu können. Wenn man ein paar Stühle und einen Tisch hinstellt, hat man ein „Café“ und kann Sonntagnachmittag auch verkaufen. Auch wenn das wohl Einzelfälle bleiben werden, sehen wir das kritisch. \u0009Interview: Fridtjof Atterdal

Der ehemalige Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) und Diakon Erwin Helmer (67) ist im Ruhestand, engagiert sich aber weiter in der Betriebsseelsorge. Gerade wurde er von der IG Metall Augsburg für sein Lebenswerk mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet. Kontakt ist möglich über Tel. 0160/97849513.

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