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Ausstellung

01.02.2014

Bisweilen hoch über Augsburg

Der Schein trügt: Freiherr von Lütgendorf, der auf dieser Vorabwerbung so souverän mit seiner „Luftkugel“ dem staunenden Publikum entschwebt, ist weder 1786 noch 1787 in und um Augsburg vom Boden hochgekommen.
Bild: Grafische Sammlung

Das Grafische Kabinett im Höhmannhaus zeigt Exponate zur Ballonfahrt. Diese machen auch deutlich, wie scheitern kann, wer ganz nach oben will

Das ist nicht so einfach, wie der Ausstellungstitel „Abgehoben!“ vermuten lassen könnte. Immerhin betrifft ein Großteil der Exponate im Grafischen Kabinett das Scheitern, nämlich das gescheiterte Abheben eines bemannten Gasballons über Augsburg in den Jahren 1786 und 1787. Der Mann, der es mehrmals vergeblich versuchte, Joseph Maximilian Freiherr von Lütgendorf (1750–1829), wurde statt zum ersten deutschen Luftsegler zur Spottfigur „Erdlieb“. Auf einem Kupferstich muss er sich von J. P. Blanchard, dem zuvor ein Ballonstart in Paris gelungen war, Belehrungen gefallen lassen, während ein Teufel mit dem Blasebalg hantiert.

Und doch muss Lütgendorf, der „Kurpfalz Bayerische Hoff-Kammer- und Regierungs-Rat“, zu den Flugpionieren gezählt werden – so wie schon der mythische Ikarus, der zwar groß abhob, aber der Sonne zu nahe kam und ins Meer stürzte, oder der tatsächliche Augsburger Schuster Salomon Idler, der 1665 zwar kurz abhob, aber bei seiner Sturzlandung vier Hühner erschlug.

Sogar in Madagaskar wurde Interesse geweckt

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Das Peinliche bei Lütgendorf war ja nur, dass seine Versuche so spektakulär angekündigt wurden. Das wiederum war nötig, damit Geld in die Kasse kam. Deshalb wurden Anteilscheine ausgegeben, auf denen der Baron auf einer Wolke über Augsburg schwebt und die, mit einem Siegel versehen, zum Eintritt berechtigten. Kleine Einlasskarten zeigten das geprägte Wappen Lütgendorfs. Es gab ferner eine „Pränumerationsliste“, deren im Höhmannhaus aufgeschlagene Seiten Anmeldungen aus ganz Europa, ja sogar aus Madagaskar aufweisen.

Gedenkmünzen wurden aus Zinn gegossen. Ebenfalls zur Vorabwerbung schufen Augsburger Kupferstecher wie J. C. Schleich, J. M. Will, M. Sedlmayer, J. G. Fehling und J. L. Rugendas d. Ä. plakative Blätter, auf denen die Arrangements des Startplatzes zu sehen sind oder weite Panoramen mit einem souveränen Lütgendorf im Korb des hoch aufsteigenden Ballons.

Auch nachdem der Augsburger Rat dem Freiherrn weitere Startversuche untersagt hatte und Lütgendorf einen Ballonaufstieg für 1787 im benachbarten Gersthofen (nahe dem heutigen Ballonmuseum) ankündigte, war das mit einem Kupferstich verbunden, der ihn mit seiner „Luftkugel“ den Augen einer großen Menschenmenge entschweben lässt. In Wirklichkeit wurde wieder nichts daraus.

„Madame Bittdorf“ und später Monsieur Auguste Piccard

Die Enttäuschung der angeblich 100000 Zuschauer ist gut nachvollziehbar. Wem diese Zahl zu hoch erscheint, dem verrät im Höhmannhaus ein Kupferstich vom Ballonaufstieg der Brüder Montgolfier am 19. September 1783 vor dem Schloss Versailles, dass diesem Aufstieg mit einem Hammel, einem Hahn und einer Ente als Passagieren über 130000 Neugierige beigewohnt haben, darunter die Königsfamilie.

In Augsburg blieb es einer Frau vorbehalten, der „Madame“ genannten Geliebten des Würzburger Mechanikus Sebastian Bittdorf, als erster Mensch mit dessen Ballon durch die Luft zu kutschieren. Am 5. Juni 1811 war das, ebenfalls im Grafischen Kabinett nachvollziehbar – wie auch die imposante Entwicklung, welche die Aeronautik durch die 1897 erfolgte Gründung der Augsburger Ballonfabrik des August Riedinger (1845-1919) genommen hat. So klein (wie eine Münze) die Lütgendorf-Zinnmedaille von 1786 ist, so groß (wie ein Teller) die Rotgussmedaille zum legendären Stratosphärenflug des Auguste Piccard am 27. Mai 1931 in einem Riedinger-Ballon. Die Dramatik eines früheren Startversuchs Piccards auf dem Betriebsgelände Riedingers hat Fritz Döllgast in einer aquarellierten Federzeichnung festgehalten. Sie fehlt ebenso wenig wie die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des 1901 gegründeten Freiballonvereins Augsburg.

„Abgehoben!“ bis 4. Mai (Di.–So. 10–17 Uhr) im Grafischen Kabinett des Höhmannhauses. Eintritt frei.

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