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Vortrag

18.10.2013

Das alte Feindbild „Zigeuner“

Romani Rose

Der Verein „Gegen Vergessen Für Demokratie“ macht auf die Lage der Sinti und Roma aufmerksam

Als Josef Pröll ein kleiner Bub war, da sagte man ihm, ins Fischerholz im Augsburger Norden solle er bloß nicht gehen, da hausten Zigeuner und Jenische, und um die mache man besser einen großen Bogen. Weil aber Josefs Mutter Anna Pröll, die als junge Frau Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet hatte und dafür im KZ leiden musste, zwei Zigeunerfamilien betreute und ihnen half bei ihrem Kampf um Wiedergutmachung, hatte der kleine Bub guten Kontakt zu den Bewohnern des Fischerholzes, und er stellte fest, dass es keinerlei Grund gegeben hatte, ihn davor zu warnen.

Die Geschichte erzählte Pröll am Mittwoch im Rathaus bei einem Abend über die Situation der etwa 70000 Sinti und Roma, die heute in Deutschland leben, zu dem der Verein „Gegen Vergessen Für Demokratie“ eingeladen hatte. Pröll nahm damit schon ein wesentliches Ergebnis der Diskussion vorweg: Vorurteile und Feindbilder, die bis heute gegen die Minderheit herrschen, kann man am besten durch Begegnung und unbefangene Erfahrung korrigieren. Doch der vorurteilsfreie Kontakt zu Sinti und Roma bildet eher die Ausnahme als die Regel.

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, der die Stationen der Leidensgeschichte von Zigeunern während der Nazi-Diktatur – von Berufsverboten bis zur Deportation ins Vernichtungslager Auschwitz – darstellte, beklagte, dass im Nachkriegsdeutschland der Holocaust an den Zigeunern lange verleugnet wurde. Die Überlebenden begegneten in Ämtern den gleichen Beamten, die sie Jahre zuvor ins KZ geschickt hatten, und die verweigerten ihnen Entschädigung und die Anerkennung als NS-Opfer. Auch Polizisten, die Zigeuner verfolgt hatten, machten in der Bundesrepublik ungehindert weiter Karriere. Erst als die Sinti und Roma sich organisierten und 1980 mit einem Hungerstreik auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau auf ihre Lage aufmerksam machten, wurde ihr Leiden anerkannt. Dennoch begegnen sie bis heute rassistischen Denkmustern. Rose berichtete von vielen Sinti, die auch heute noch in der Arbeit, in der Nachbarschaft ihre kulturelle Identität verschweigen, aus Angst, ausgegrenzt zu werden.

Die Furcht, als Menschen 2. Klasse behandelt zu werden, macht auch Prof. Wolfgang Benz unter heute lebenden Sinti und Roma aus. Wenig Verständnis der Mehrheitsgesellschaft, ein „fortdauerndes Vorurteil“ herrsche als unausgesprochener Konsens in Bevölkerung, Medien und Politik, sagte der renommierte Rassismus-Forscher. Benz hat sein Berufsleben lang über Antisemitismus geforscht; jetzt hält er es für angebracht, sich den „Antiziganismus“ (also die Ablehnung von Tsigane, Zigeunern) vorzunehmen. Die alten Feindbilder vom angeblich kriminellen, asozialen, nicht integrationsfähigen Zigeuner würden heute nur allzu gern und schnell wieder aktiviert, seit Roma als Armutsmigranten aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland kommen. Die Deutschen hätten zwar die Lektion gelernt, dass die Verfolgung von Juden in der NS-Zeit ein katastrophaler Zivilisationsbruch war, aber auf Sinti und Roma hätten sie diese Lektion nicht übertragen, so Benz.

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