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Tanz

20.03.2015

Der Minimalist

Marco Goecke ist als Choreograf international gefragt.
Bild: Wolfgang Diekamp

Dem Choreografen Marco Goecke genügen ein guter Tänzer und die Freude an der Bewegung, um sein Publikum zu erreichen. Im Theater ist jetzt sein Stück „Peekaboo“ zu sehen

Wut kann ein starker Motor sein. Und wütend war Marco Goecke, als er nach Jahren der harten Ballettausbildung schließlich am Stadttheater Hagen gelandet war. „Das war nicht das Gelbe vom Ei. Nein, das war grauenhaft“, erinnert er sich an diese vier Jahre in der Provinz. Dabei hatte er geträumt von den großen Bühnen, hatte dort vorgetanzt und nur Absagen bekommen. Für Goecke war Hagen die Endstation als Tänzer, denn Wut und Frust motivierten ihn zum Einstieg in die Choreografie. In diesem Fach ist er heute international gefragt, seine Stücke sind zu sehen in Monte Carlo, New York, London, in Berlin, Stuttgart und Hamburg. Auch in Augsburg, wo Goeckes „Peekaboo“ jetzt Teil eines modernen Tanzabends mit drei Stücken ist.

Derzeit ist Marco Goecke, Jahrgang 1972, Hauschoreograf sowohl am Stuttgarter Ballett als auch am berühmten Nederlands Dans Theater. Jeweils eine Produktion kreiert er pro Jahr für die beiden Häuser, ansonsten ist er als freier Choreograf unterwegs. Zur morgigen Premiere in Augsburg wird er nicht kommen können, da ist er schon in Düsseldorf, um dort ein Stück einzustudieren. Ein unruhiger Geist ist er also, dieser Marco Goecke, der zu seinen Anfangszeiten vor 15 Jahren gern als „junger Wilder“ bezeichnet wurde und dessen Bewegungsvokabular oft als „nervös“ beschrieben wird. Für ihn selbst ist sein spezieller Stil eher Ausdruck der veränderten Geschwindigkeit unserer Zeit. „Ich bin ein Kind der MTV-Generation“, erklärt er, „auf Schnarchgeschichten, wie sie vor 50 Jahren gezeigt wurden, habe ich keine Lust“. Goecke provoziert gern und er hat seine eigenen Vorstellungen, wie zeitgenössischer Tanz sein sollte. „Es ist schon bitter, wie diese Kunstform an den Theatern systematisch verharmlost wird. Da wird etwas klein gemacht, was so viel Kraft hätte“.

Eine neue Sprache und einen eigenen Ausdruck zu finden, darum gehe es in der Choreografie. „Ich hatte es leicht, ich wurde in meiner kurzen Karriere als Tänzer nicht durch große Choreografen beeinflusst, ich war sehr frei.“ Wenn man ihn nach Vorbildern fragt, nennt er, der selbst auch zeichnet, zuerst Picasso. „Der war lange mein Held, weil er so etwas Verspieltes hatte“. Aber natürlich fällt bei dem gebürtigen Wuppertaler schnell auch der Name Pina Bausch, weil diese Grenzen so radikal gesprengt habe. Doch könne man deren große Form des Tanztheaters nicht einfach weiterführen. „Ich musste für mich zurück zur Bewegung kommen, minimalistisch im Kleinen und Zarten etwas Neues finden“, beschreibt er die Suche nach dem eigenen Stil.

„Peekaboo“, das er 2013 mit der brasilianischen São Paulo Companhia de Dança für das Wolfsburger Festival Movimento einstudierte, ist für Goecke ein „verspieltes, ein süßes Stück“. „Peekaboo“ ruft man im englischen Sprachraum, wenn man sich versteckt hat, ähnlich dem deutschen „Kuckuck“. Das Stück bewege sich in der Spannung von Sichtbarkeit und Verschwinden, erklärt der Choreograf. „Man umkreist etwas Tieferes, das man aber nie erreicht.“ Acht Tänzer stehen auf der Bühne, die mit dem Zuschauer mithilfe von schwarzen Hüten ein Versteckspiel treiben. Dass sie die Hüte dabei aufsetzen werden, ist übrigens nicht zu erwarten. „Das Unspannendste der Welt ist es, etwas zu tun, was man kennt“, sagt Goecke, „da kann man Steuerberater werden, wenn man das will.“ Seit 15 Jahren befinde er sich bei jeder Choreografie im freien Fall, immer in der Angst, dass er die Leere und Dunkelheit der Bühne nicht füllen könne. Erst die Arbeit und die Kommunikation mit den Tänzern erlöse ihn davon. „Und mittlerweile weiß ich: Ein guter Tänzer und die Freude an der Bewegung reichen aus, um das Publikum zu fesseln.“

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