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Augsburg

28.07.2018

Der tägliche Kampf im Straßenverkehr

Die Pferseer Unterführung ist ein Sinnbild für das schwierige und mitunter konfliktträchtige Miteinander im Verkehr.
Bild: Silvio Wyszengrad

Eine Kindergartenleiterin erzählt von ihrem Leid mit Radlern, die wiederum mokieren sich über das Verhalten von Autofahrern. Was ist los auf unseren Straßen?

Bevor sie mit einer Kindergartengruppe vor die Tür gehen, schnaufen die Erzieherinnen alle erst einmal durch. 250 Meter Wegstrecke sind es von den Räumen der Einrichtung in einem dicht bebauten Augsburger Viertel zum Spielplatz, wo sich die Kinder austoben können. „Aber der Weg hat es in sich“, sagt die Einrichtungsleiterin – er führt nämlich über einen kombinierten Fuß- und Radweg. „Die Kinder sind darauf gedrillt, an der Seite zu laufen. Und trotzdem kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen.“ Radler würden dicht und schnell an den Kindern vorbeifahren. „Und wenn man die Leute anspricht, kriegt man zu hören: ,Das ist ein Radweg und ich darf hier fahren.’ Aber es sind halt Kinder, die gerade lernen, im Straßenverkehr zurechtzukommen“, sagt die Kindergartenchefin. 70 Prozent der Radler erlebe sie als rücksichtslos. „Und das alles hat seit fünf bis sechs Jahren zugenommen.“

Was ist da los auf den Straßen der Stadt? Fußgänger – etwa in der Pferseer Unterführung – schimpfen über Radler, die dicht und schnell an ihnen vorbeibrausen. Radler klagen über Autofahrer, die beim Rechtsabbiegen oder Türe öffnen nicht über die Schulter schauen und Radler ohnehin als Fremdkörper auf der Straße betrachten. Und Autofahrer schimpfen über Radler, die über rote Ampeln fahren und nachts ohne Licht unterwegs sind. Das war irgendwie schon immer so, aber in den vergangenen Jahren hat es gefühlt zugenommen.

Der Verkehr wird zunehmend dichter

Die Augsburger Verkehrstherapeutin Sabine Keinath vermutet, dass die steigende Verkehrsdichte eine Rolle spielt. „Dazu kommt oftmals die Hetze von einem zum nächsten Termin.“ Das Verkehrsmittel werde dann zum Mittel, um Druck und Stress abzubauen. Zudem falle es Verkehrsteilnehmern offenbar schwer, sich in andere hineinzudenken. „Dazu muss man mal ausprobieren, wie es zum Beispiel als Radler im Straßenverkehr zugeht. Dann entsteht ein gewisses Verständnis, aber auch nur solange, wie eigene Bedürfnisse nicht betroffen sind.“ Keinath rät, Zeitdruck zu vermeiden. „Man sollte schauen, dass der Tag nicht so getaktet wird, Pausen machen und die Rushhour meiden.“

Bei der Stadt Augsburg gibt es schon seit Jahren Pläne, eine Kampagne für mehr Miteinander im Verkehr aufzulegen. Ab Herbst soll es Workshops mit Interessensverbänden geben, 250.000 Euro sind für den Haushalt beantragt. Möglichkeiten seien, ein Straßenstück als „Fairness-Korridor“ auszuweisen, wo alle Verkehrsteilnehmer darauf hingewiesen werden, dass sie Rücksicht nehmen müssen, so Stadtsprecher Richard Goerlich. Auch an Gefahrenstellen seien Aktionen denkbar, zum Beispiel bei Rechtsabbieger-Spuren. Zunächst, so Goerlich, müsse die Bauverwaltung genau formulieren, wo die Probleme sind und Lösungen aufzeigen. „Nur schöne Bildchen und Slogans bringen nichts.“ Eine wirksame Kampagne müsse Hand in Hand mit baulichen und Verbesserungen für alle Verkehrsteilnehmer gehen.

2017 hatten wir unsere Leser gefragt, wo sie sich als Radfahrer gefährdet fühlen. Hier die Ergebnisse:

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) würde eine Info-Kampagne begrüßen. Es sei aber klar, dass diese kein Ersatz für mehr Infrastruktur sei, so Vorstandsmitglied Arne Schäffler. Wenn die Stadt den Radverkehrsanteil auf 25 Prozent erhöhen will, dann müsse sie auch die Infrastruktur dafür schaffen, sonst provoziere sie sehenden Auges Konflikte. Schäffler verweist darauf, dass die Zahl der verletzten Radler in Augsburg im vergangenen Jahr gestiegen ist.

Die Infrastruktur ist veraltet

Die eine Seite des Problems sei, dass Infrastruktur für Radler häufig veraltet sei. Kombinierte Geh- und Radwege seien nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die andere Seite des Problems sei das Verhalten von Verkehrsteilnehmern, Radler eingeschlossen. „Wenn es durch Rücksichtslosigkeit zu berechtigtem Hass auf Radfahrer kommt, kann es mit der Radstadt genauso wenig klappen, wie wenn Baumaßnahmen und Verbesserungen in der Verkehrslenkung nicht gestartet werden“, so Schäffler. Der Weg sei neben Aufklärung auch mehr Repression. Mit dem Rad bei Rot über die Ampel zu fahren, auf dem Radweg in die falsche Richtung zu fahren oder nachts ohne Beleuchtung unterwegs zu sein, werde in Augsburg kaum geahndet. Unter anderem wäre es sinnvoll, wenn die Polizei ihre Fahrradstreifen verstärken würde. Diese seien kaum vorhanden.

Bei der Polizei verweist man darauf, dass im Rahmen der Möglichkeiten Fahrradstreifen unterwegs sind. Radler mit dem Streifenwagen anzuhalten, sei nicht immer einfach, wenn man Auffahrunfälle und Stürze vermeiden wolle. Insgesamt ging die Zahl der Verkehrsunfälle in Augsburg in den vergangenen Jahren um 16 Prozent nach oben – ein Zeichen für die steigende Verkehrsdichte. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Unfälle mit Radlern an, die Zahl der Unfälle mit Fußgängern sank. "

Was ist gegen den Ärger im Verkehr zu tun? Lesen Sie den Kommentar von Stefan Krog.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

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28.07.2018

auf dem Bild sieht man es doch ganz deutlich: Radler auf dem Gehweg. Dort hat er nichts zu suchen. Wohne in einem Ort mit 5.000 Einwohnern. Der Großteil der Radler fährt auf dem leider oft schmalen Gehweg. Auch ich fahre sehr gerne auf dem Rad, aber halt auf der Straße, da es innerorts keine Radwege gibt. Aufgefallen ist mir auch, dass viele Schüler auf dem Gehweg fahren. Bringt denen nicht mehr bei, dass der Gehweg nur bis 10 Jahren benützt werden darf? Mein Fazit ist, dass sich kaum Radler an die STVO halten. Aber so lange keiner es beanstandet ... warum sollte man sich ändern???

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29.07.2018

Herr Rais mit Ihrem letzen Satz sprechen Sie mir aus dem Herzen. Bin ich Fußggänger mag ich keine Radfahrer und Autos. Bin ich Radfahrer stören mich die Autos und die Fussgänger. Und bin ich als Auto/LKW unterwegs behindern mich überall Fussgänger und Radler.
Es ist wie so oft im Leben eine Frage der Perspektive.
Was uns auch zum Bild kommen lässt. Mann sollte hier beachten wieviele Menschen sich die Fahrbahn teilen, und wie voll die Autos hier besetzt sind. Warum bekommen die wenigen Menschen in den Autos einen so großen Platzanteil während sich an die Ränder gedrängt Radfahrer und Fussgänger sich zusammenquetschen müssen. Das ist die entscheidende Frage die wir uns bereits jetzt und auch in Zukunft in Städten stellen müssen.
Im übrigen sind die Gehwege hier für Fahrräder freigegeben. Meiner Ansicht nach leider keine tolle Lösung aber eben konsequent. Ich selbst möchte hier nicht auf der Fahrbahn fahren ( was ausdrücklich erlaubt ist ! - schlimm, dass man dies vielen Verkehrsteilnehmern expilzit erklären muss ). Ich empfehle den Personen gerne mal sich die Situation vor Ort ( hier sei auch noch gerne die Unterführung in der Holzbachstraße genannt ) anzusehen und sich zu fragen ob er sich selbst oder seine Kinder/Enkel hier guten Gewissens fahren lassen würde.
Und hier kommen wir wieder an ein menschliches Problem. Die stärkeren/mächtigen verdrängen die schwächeren.
Die Autos verdrängen die Radler von der Straße auf die Gehwege, egal ob freigegeben oder nicht; und die Radler verdrängen die Fussgänger. Über Rücksichtnahme oder Toleranz brauchen wir im Straßenverkehr sowiso nicht mehr sprechen. Meiner Meinung nach hat die Polizei auch bereits aufgegeben.
Mein Vorschlag wäre ein konsequentes Handeln gegenüber allen Verkehrsteilnehmern von Seite der Polizei und Ordnungsämtern. Mit empfindlichen Strafen. Weil:
" ... so lange keiner es beanstandet ... warum sollte man sich ändern??? "

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29.07.2018

>> Im übrigen sind die Gehwege hier für Fahrräder freigegeben. <<

Aber nur in eine Richtung; der im Bild links Richtung Pfersee fahrende Radler ist einfach ein Ekel, dem ich nach einem Sturz nicht helfen würde...

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28.07.2018

Leider ist das so, dass ausgewiesene Radwege neben den Fußgängerwegen von den Radlern als "Rennbahn" angesehen werden und die Fußgänger da mehr oder weniger stören. Das ist aber nicht nur in Augsburg so, sondern in fast allen Städten. Gerade in München kann man das sehr oft sehen. Man sollte den Radfahrern die Rücksicht auf kombinierten Fuß-und Radwegen mehr bewusst machen und darauf hinweisen, dass es hier eine Gefährdung der Radler gegenüber den Fußgängern gibt und die Radler hier eine besondere Sorgfaltspflicht haben. Leider ist das Verhältnis der Rücksichtslosigkeit Radler /andere Verkehrsteilnehmer stark auf der Seite der Radler. Da helfen auch keine weiteren Radwegen neben den Fahrbahnen/Fußwegen, wenn die Radler stur auf Ihr (angebliches) Recht beharren; im Gegenteil: das fördert noch mehr die Aggressivität. Manchmal hat man das Gefühl, die Radler sehen die Fußgänger und Autofahrer als "Gegner" an. Bin übrigens selbst sehr oft mit dem Rad unterwegs und würden mir mehr Rücksicht und Verständnis, hautsächlich seitens der Radler, gegenüber den anderen wünschen.

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28.07.2018

Auch Fahrradfahrer haben ihren Kampf im Straßenverkehr, aber solange entlang der Tramlinie 3 zwischen Alter Postweg und Hofackerstraße jeden Tag Hunderte von Geisterradler unterwegs sind und die Polizei nichts dagegen unternimmt, es immer wieder zu gefährlichen Situation kommt, würde ich Augsburg auch nicht als „Fahrradstadt 2020“ bezeichnen.

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28.07.2018

Die Stadt fördert die Konflikte zwischen Fahrrad und Fußgängern aktiv durch die Ausweisung von "Radfahrer frei" Tafeln auf Fußwegen - der abgebildete Bahnhofstunnel ist das beste Beispiel. Und eine Lösung ist nicht in Sicht, weil der man in Ehrerbietung vor der DB den Bahnhofsdurchstich nicht für Radfahrer realisiert hat. Es wird in diesem Tunnel auch künftig eng bleiben - schon heute könnte man LKW und Busse konsequent aussperren und die Fußwege verbreitern - die Tram ist schmal und nicht das Problem.

Insgesamt sehe ich als Erwachsener die Sache nicht so dramatisch - aber ja, für meine Kinder sehe ich in Radfahrern tatsächlich die größte Gefahr. Das ist aber keine Frage von "ohne Licht" oder "gegen die Fahrtrichtung" wie gerne populistisch behauptet wird. Es ist einfach die Frage von schnoddriger Typ oder Mensch auf dem Sattel.

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