1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Die Me262: Hitlers "Wunderwaffe" aus dem Scheppacher Forst

Augsburger Geschichte

13.11.2019

Die Me262: Hitlers "Wunderwaffe" aus dem Scheppacher Forst

Die Me 262 begründete das Jet-Zeitalter.
Bild: Airbus Corporate Heritage/ Sammlung Häußler

Plus Die Nationalsozialisten sahen das Jagdflugzeug mit zwei Strahltriebwerken als „Wunderwaffe“. Gebaut wurde sie von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen.

Das Buch „Wunderwaffe aus dem Wald“ (Verlag Presse-Druck) lenkt den Blick auf ein Messerschmitt-Flugzeug, das ab Herbst 1944 im Geheimwerk „Kuno“ im Scheppacher Forst nahe der Autobahn AugsburgUlm gefertigt wurde. Es ist die Me262, der erste einsatzfähige und in Serie gebaute Düsenjäger der Welt.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Der Journalist Maximilian Czysz zeigt auf, unter welch unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in den Kriegsjahren 1944 und 1945 in versteckten Fertigungsstätten Flugzeuge bauten. Das „Waldwerk Kuno“ war eines von vielen getarnten Messerschmitt-„Werken“, in denen in Wäldern, Baracken, Bunkern, Stollen, Tunneln und Höhlen Flugzeuge produziert wurden.

Die Me262 war ab 1938 in den Messerschmitt-Konstruktionsbüros konzipiert worden. Es war kein Propellerflugzeug, sondern flog mit Turboluftstrahlantrieb. Die zwei Triebwerke waren eine epochemachende technische Entwicklung: Die Me262 war mit 870 km/h um 200 km/h schneller als Propellermaschinen. Sie begründete das „Jet-Zeitalter“. Gefertigt wurde die Me262 als Jäger (Bezeichnung „Schwalbe“) und als Jagdbomber („Sturmvogel“). Zur „Wunderwaffe“ wurde die Me262 nicht. Ihr Mythos war dennoch lange ungebrochen.

Die Transportwege waren lang

1944/45 wurden Teile der Me262 an zahlreichen Messerschmitt-Geheimwerken in Deutschland und Österreich gebaut. Zum Zusammenbau waren meist lange Transportwege zurückzulegen. 2052 Rümpfe wurden gefertigt, aber nur 1433 Me262 fertiggestellt. Eine Vielzahl davon blieb mangels Treibstoff am Boden und wurde bei Luftangriffen zerstört. Recherchen einer Historikerin ergaben, dass lediglich 358 Me262 tatsächlich zum Einsatz kamen.

Zwei Augsburger Messerschmitt-Werkspiloten flogen die Me262 bereits bei der Erprobung: Fritz Wendel hob am 25. März 1942 mit einer Me262 erstmals mit Strahlantrieb ab. Er verzeichnete in seinem Flugbuch damit 112 Starts. Von den Flugbüchern des Messerschmitt-Werkspiloten Sepp Gerstmayr ist nur sein letztes erhalten. Es beginnt mit dem 1627. Flug am 8. Januar 1944 und endet mit dem 2110. Start am 4. April 1945. 1944/45 stieg er 253-mal in eine Me262. Jeder Flug ist mit Datum, Uhrzeit, Dauer sowie Start- und Zielort eingetragen.

Sepp Gerstmayr (1917–1988) war „Ur-Messerschmittler“: von 1935 bis Kriegsbeginn 1939 als technischer Angestellter, von Januar 1944 bis Kriegsende als Einflieger. Dazwischen flog er über vier Jahre bei der Luftwaffe Transportmaschinen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Piloten wieder fliegen durften, zählte der leidenschaftliche Flieger in Augsburg zu den Ersten, die hier wieder abhoben.

Die Me262 galt unter den Nationalsozialisten als „Wunderwaffe“.
Bild: Airbus Corporate Heritage

Tödliche Unfälle im Flugbetrieb

Sepp Gerstmayr entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Messerschmitt-Chronisten. Er erarbeitete eine in sachlicher Sprache verfasste „Dokumentation tödlicher Unfälle im Flugbetrieb der Firma Messerschmitt“. Im Mai 1985 ließ er von dem Manuskript einige Kopien fertigen, in die er Fotos klebte. Diese Dokumentation enthält keinerlei Äußerungen zum NS-System, über Militärflugzeuge als todbringende Waffensysteme oder über ihre Herstellung durch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, obwohl Gerstmayr darüber sehr gut Bescheid wusste.

Sepp Gerstmayr zeichnet das Schicksal von 14 Me262 und ihrer Piloten nach. Diese 14 Turboluftstrahlmaschinen waren bei Test-, Werk- und Überführungsflügen abgestürzt. Der Chronist hinterließ kein „Fliegerlatein“ und kein „Heldenepos“, sondern schonungslose Insiderprotokolle über insgesamt 56 Flugunfälle mit Messerschmitt-Maschinen von 1928 bis 1945. Er hatte 36 Flugzeugtypen geflogen und war in neun Messerschmitt-Werken tätig. Sein letzter Einsatzort war das in Stollen eines ehemaligen Silberbergwerks versteckte Geheimwerk „Stichling“ in Schwaz in Tirol. Dort wurden bis Kriegsende Me262 gefertigt.

Ein weiteres unterirdisches Werk (Deckname „Bergkristall“) gab es in St. Georgen im Salzkammergut. In diesem Geheimwerk bauten vor allem KZ-Häftlinge Me262-Rümpfe – insgesamt 987. Dort entstand auch der Rumpf der Me262 im Deutschen Museum. Die Historiker recherchierten die Geschichte: Die Tragflächen der jetzigen Museums-Me262 stammen aus einem Ausweichwerk in einem Autobahntunnel nahe Leonberg bei Stuttgart.

Den Bodensee angepeilt, in der Schweiz gelandet

Die flugfähige Maschine wurde am 25. März 1945 an die Luftwaffe übergeben. Am Morgen des 25. April 1945 stand sie auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck. Die Amerikaner rückten näher. Ihnen sollte die Maschine nicht in die Hände fallen und deshalb zum Flugplatz Bad Aibling geflogen werden. Der Pilot peilte jedoch den Bodensee an, überflog ihn und landete auf dem Schweizer Flugplatz Dübendorf beim Zürichsee. 80 Liter Treibstoff befanden sich noch in den Tanks. Sie hätten lediglich für weitere zwei Minuten Flugzeit gereicht. Diese Me262 flog nie mehr: 1957 schenkte sie der Schweizer Bundesrat dem Deutschen Museum. Flugfähig dagegen ist die Me262 des Flugmuseums Messerschmitt in Manching. Sie ist jedoch ein Nachbau mit modernen Triebwerken. Seit 2006 hebt diese Me262 ab.

Der Nachbau einer Me262 des Flugmuseums Messerschmitt in Manching fliegt mit modernen Triebwerken.
Bild: Airbus Corporate Heritage/ Sammlung Häußler

Eine der in Deutschland 1945 erbeuteten Me262 zählt im National Museum of the United States Air Force in Augsburgs amerikanischer Partnerstadt Dayton zu den Exponaten. Sie wurde im Juli 1945 mit weiteren Me262 in die USA verschifft und später dort erprobt. Dann landete sie im weltgrößten Museum für Militärflugzeuge in Dayton. – Im nächsten „Augsburg-Album“ wird in Wort und Bild an Messerschmitts vergessene fliegende „Giganten“ erinnert.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie hier.

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren