Ausstellung

01.10.2014

Die Wunderkammer lebt

Dieses Elfenbein-Schachspiel aus dem Jahr 1920, das der Augsburger Drechslermeister Georg Munk herstellte, wird unter anderem in der neuen Ausstellung „Wunderkammer“ im Maximilianmuseum präsentiert.
Bild: Ulrich Wagner

Mit einem neuen Konzept zeigt das Maximilianmuseum im Erdgeschoss Depot-Stücke. Die Art und Weise der Präsentation hat einen eigenen, neuen Charme

Man kennt es ja vom voll gestellten Dachboden, der schon mehrfach aufgeräumt hätte werden sollen: Sobald man die Dinge in Augenschein nimmt, kann man sich nicht mehr von ihnen trennen. Erinnerungen, Geschichten sind mit ihnen verbunden, aussortiert aus der Wohnung, aber nicht aus dem Leben. Und den Museen geht es mit ihren Depot-Stücken genauso. Sie sind zum Wegwerfen oder Verkaufen viel zu kostbar, zum Präsentieren in der Dauerausstellung aber nicht geeignet. Geschichten haften an ihnen, nur können sie im Depot von niemandem gehört werden. Das Augsburger Maximilianmuseum hat nun in seinen Sonderausstellungsräumen im Erdgeschoss einen Weg gefunden, Depot-Stücke dauerhaft zu präsentieren, in einer alten, für heutige Verhältnisse eigenwilligen, aber äußerst ansprechenden Form – einer Wunderkammer. Ein Jahr lang werden sie dort so gezeigt, dann wird umgeräumt und neu arrangiert, wieder mit Depot-Stücken.

Die Vitrinen stehen dicht gedrängt, Beschriftungen finden sich keine, lediglich Nummern sind angebracht, mit deren Hilfe in einer Broschüre Erklärungen gefunden werden können. Die Objekte sollen für sich stehen, ganz und gar Gegenstand sein und in ein lockeres Verhältnis mit den anderen Objekten treten. Die sinnliche Dimension der Dinge kommt so zum Tragen. Woher sie stammen, wozu sie bestimmt waren, wer sie gemacht hat, wie sie ins Museum gelangt sind, das alles steht hinten an.

Gleichzeitig wächst dem Betrachter eine neue Freiheit zu. Nicht das kunstgeschichtliche Erkennen, Einordnen und Interpretieren steht im Vordergrund, vielmehr sollen die Gedanken machen, was sie wollen, ruhig auch einmal abschweifen. In doppelter Weise werden die Depot-Stücke also befreit – von ihrem Schattendasein und von ihrer Herkunft.

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Am Konzept der Wunderkammer hat sich Christoph Emmendörffer, Leiter des Maximilianmuseums, dabei orientiert. Eine Schlachtszene und ein Herrscherbild sollten die Wunderkammern des 17. Jahrhunderts enthalten. So gibt es nun ein Gemälde Maximilian I. zu sehen (Augsburg um 1570), und eine Prunkplatte, die Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt wurde und die Schlacht auf dem Lechfeld zeigt. Neben dieser Platte findet sich eine Gedenkmedaille an die Zerstörung des Augsburger Rathauses, noch zur Nazizeit angefertigt, und eine weitere Gedenkmedaille aus den 1950er Jahren, die an die Lechfeldschlacht erinnert. Drei Mal wird der Krieg thematisiert, jedes Mal unter anderer zeitgeschichtlicher Perspektive.

Auch die anderen Depot-Stücke, die in geballter Weise zu sehen sind, laden zum Sehen, zum Sinnieren ein. Ein altes Rollstuhl-Modell wirft die Frage auf, wie es Gehandicapten früher ging, wie sie wohl gelebt haben. Und das Schachspiel des Augsburger Drechslermeisters Georg Munk, der 1923 in die USA auswanderte, führt filigranes und aufwendiges Kunsthandwerk vor. Aus vielen Einzelteilen sind alle Elfenbein-Figuren zusammengesetzt. Ein gewaltiger Lederstiefel mit Reiterspore wirkt wie ein Rätsel. Die Menschen früher waren kleiner, aber dieser Bote musste auf riesigem Fuß leben. Oder trug der Schuh so auf, weil er besonders warm halten musste, wasserdicht war und extremen Belastungen standhalten sollte?

So bunt und vielfältig die Objekte auch sind, die drei Räume, in denen sie gezeigt werden, geben ihnen einen thematischen Überbau. Im ersten Raum geht es um Augsburg, im zweiten findet alles, was das Depot in seiner Bandbreite bereithält, seinen Platz, im dritten wird die Geschichte des Museums noch einmal erzählt. Auch die ist wechselvoll. Ursprünglich sollte das Haus ja den Kunsthandwerkern der Stadt Vorbilder für gutes, qualitätvolles Arbeiten zeigen. Heute ist es ein Ort, an dem Kunst, Kunstgeschichte und Stadtgeschichte bewahrt und präsentiert werden.

„Wunderkammer“ ist von heute an im Augsburger Maximilianmuseum zu sehen. Ein Jahr ist die Schau mit diesen Objekten zu sehen, im Anschluss wird sie umgebaut und mit neuen Depot-Stücken ausgestattet.

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