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05.08.2010

Die lange Wanderschaft eines Ritters

Die lange Wanderschaft eines Ritters
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Radierung von 1819: Das Siegelhaus sowie die daran anschließenden Wein- und Salzstadel zwischen Herkulesbrunnen und Ulrichskirchen sind abgebrochen. Auch der Brunnen mit dem "Wappner" ist verschwunden.

Augsburg Der Treppenaufgang im Nordflügel des Maximilianmuseums bildet seit März 2000 die Heimat für die einstige Brunnenfigur des "Wappners von Augsburg". Der schlanke Mann in majestätischer Haltung aus rotem Marmor empfängt hier die Besucher. Kunsthistoriker zählen ihn zu Augsburgs bildhauerischen Meisterwerken des frühen 16. Jahrhunderts. Sein Schöpfer hat weder ein Monogramm noch eine Jahreszahl an der Statue hinterlassen. Doch der Augsburger Bildhauer Sebastian Loscher (1482 bis 1551) erhielt zwischen 1516 und 1518 Zahlungen für eine "Brunnensawl aus Marbelstein" am Judenberg. Die von der Stadt bezahlte marmorne Brunnensäule dürfte der "Wappner" gewesen sein. Er zierte einen Vorgänger des Merkurbrunnens.

VON FRANZ HÄUSSLER

Hohe Säule mit wasserspeienden Delfinen

Um 1560 erschien ein Augsburg-Plan, der die erste Miniatur-Abbildung des steinernen Ritters als Brunnenfigur enthält. Er steht auf einem "Röhrbrunnen" (so hießen jahrhundertelang Fließwasserbrunnen) am Beginn der Ludwigstraße. Ein einfaches Steinbecken dürfte hier der 1412 aufgestellte erste "Röhrkasten" gewesen sein. Anno 1433 wurde er vom Erneuerer der ersten Augsburger Trinkwasser-Versorgung, Hans Felber, neu gesetzt. Ihm zu Ehren hieß der Brunnen bis zu seiner Beseitigung (um 1770/75) Felber-Brunnen.

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Dem Brunnen mit dem überschlanken Mann in Lebensgröße auf hoher Säule mit vier wasserspeienden Delfinen widmete Simon Grimm 1682 einen Kupferstich. Der Historiker Paul von Stetten erzählt anno 1788 die teils selbst erlebte Geschichte der Figur. Er reiht den Ritter ein in seine Beschreibung der fünf "großen Springbrunnen, welche Augsburg so sehr zur Ehre und Zierde gereichen". Der "metallene Neptun" (er ist derzeit in die Sonderausstellung "Bayern - Italien" im Maximilianmuseum integriert) sei "vor geringerer Bedeutung", urteilte Stetten.

Hinderlich an frequentierter Kreuzung

"Besser ist die Bildsäule von rothem Marmor des geharnischten Ritters über dem Springbrunnen auf St. Ulrichs Platz, welchen die Sage für den berühmten Kriegsobristen Sebastian Schertlin ausgibt und welcher vor wenig Jahren erst dorthin gesetzet worden, zuvor aber über einem Brunnen in Hlg. Kreuz Gasse, vor noch längerer Zeit aber am Judenberg gestanden ist."

Auf dieser viel frequentierten Kreuzung vor dem Höchstetterhaus an der Ecke Ludwigstraße/Kesselmarkt war das 16 Schuh (zirka vier Meter) weite Becken allzu hinderlich geworden. Es wurde zwischen 1750 und 1778 beseitigt. Paul von Stetten berichtet 1788 von der Versetzung der Statue "vor wenig Jahren" auf den Platz vor den Ulrichskirchen. Der steinerne Ritter löste dort 1778 einen Neptun mit Dreizack und riesigem Fisch auf einer reich geschmückten Säule über einem Brunnen ab. Hier zeigt ihn ein großformatiger Kupferstich.

Die Salz- und Weinstadel, auf die der Ritter ursprünglich blickte, wurden 1808 abgebrochen. Vermutlich zu diesem Zeitpunkt verschwand auch der relativ große Brunnen mit dem nach wie vor für den Augsburger Stadthauptmann Sebastian Schertlin von Burtenbach (1496-1577) gehaltenen gelockten Herrn mit dem Streitkolben in der rechten Hand. Der Brunnen stand nämlich dem Ablauf des Kornmarktes im Wege. Dieser war 1808 von der Schranne bei der Moritzkirche auf den Ulrichsplatz verlegt worden. Zur neuen "Schrannenhalle" hatte man die westlich an die evangelische Ulrichskirche angebaute Allerheiligenkapelle umfunktioniert. Sie wurde 1886 abgebrochen.

Wohin mit dem überflüssigen "Wappner" mit dem Stadtpyr auf dem schmalen Schild und dem abgelegten Turnierhelm neben den Füßen? Er kam vorerst in ein Depot. 1823 schenkte ihn dann der Magistrat dem damaligen Besitzer von Schloss Burtenbach, dem Augsburger Bankier und Mäzen Friedrich von Halder. Im Schlosspark von Burtenbach stand der Ritter mit dem Barett auf dem Haupt in der Folgezeit in einem Hain. Der Halder'sche Besitz ging an die Familie von Stetten über. Angelika von Stetten überließ leihweise die Skulptur dem Maximilianmuseum. Nach gründlicher Restaurierung bekam sie dort ihren heutigen Platz.

Übrigens: Schertlin von Burtenbach stellt der Gewappnete mit Sicherheit nicht dar! Das ergaben eingehende Porträt-Vergleiche.

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