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Lesung

06.02.2015

Diktaturen fürchten das Wort

Auch auf Deutsch liegen einige Gedichte von Najet Adouani vor. Sie signierte nach ihrer Lesung Bücher.
Bild: Richard Mayr

Die Exilschriftstellerin Najet Adouani trägt in der Asylbewerberunterkunft Ottostraße Gedichte vor und sie erzählt davon, warum sie ins Exil musste. Im Publikum schäumen einmal in Sekundenschnelle die Emotionen über

Die Kinder haben beim Aufbau geholfen. Dort, wo sie tagsüber unterrichtet werden, wurde ein kleines Podium aufgebaut. Das Brechtfestival kommt ins Asylbewerberheim in der Ottostraße in Augsburg. Familien wohnen dort unter anderem. Die Kinder lernen sehr viel schneller Deutsch als ihre Eltern. Seba, zwölf oder dreizehn oder vierzehn Jahre alt, spricht es fließend, obwohl sie erst neun Monate lang im Land ist. Sie will lernen, das vermittelt sie mit jeder Faser. An der Wand hängt ein Übungsblatt. Dort steht: „Die Sonne scheint. Draußen ist es warm“. Seba sagt, dass sie einen so kalten Winter wie in Deutschland das erste Mal erlebe. Seba lacht.

Sie ist einer der Gäste aus der Unterkunft an der Ottostraße, die sich mit dem Brechtfestival-Publikum mischen. Die deutsch-arabische Lesung der tunesischen Dichterin Najet Adouani, 58, bringt für einen Abend Menschen zusammen, die sich mehr vom Hörensagen kennen – hier Flüchtlinge der Unterkunft, dort diejenigen, die mehr aus den Medien als aus dem persönlichen Gespräch über deren Situation wissen. Vorne sitzt eine leidenschaftliche, eine mutige, eine entschlossene Frau, die schon als junge Frau ihr Geburtsland verlassen musste. Mit ihrer Lyrik erregte sie in den frühen 1980er Jahren den Argwohn der tunesischen Diktatur. „Das Wort ist einer Diktatur immer verdächtig, völlig gleichgültig, was man schreibt“, sagt sie. Ein Satz, der bei ihr keine Zuspitzung ist, sondern erfahren wurde. Sie wurde eingesperrt, bedroht, drangsaliert, bis ihre Eltern sie überredeten, das Land zu verlassen, um in Sicherheit zu leben. Das war 1982.

Als sie der Moderator Ulrich Ladurner von der Wochenzeitung Die Zeit fragt, was ihre Heimat sei, sagt Adouani: „Die Menschen, mit denen ich lebe. Meine Heimat ist kein Land, meine Heimat sind die Menschen.“ So spricht eine Dichterin, für die das Exil zum Dauerzustand geworden ist. In Berlin lebt Adouani als PEN-Stipendiatin, als eine von acht Schriftstellern im deutschen Writers-in-Exile-Programm. An den folgenden beiden Tagen werden in der Asylbewerberunterkunft in der Calmbergstraße, der, wie es heißt, schlimmsten in Bayern, und im Vorzeigeprojekt Grandhotel Cosmopolis die jungen syrischen Schriftsteller Yamen Hussein und Amer Matar lesen. Das Brechtfestival, das um Brecht und sein Exil kreist, zeigt an drei Abenden, wie aktuell das Thema ist.

Adouani erzählt, dass ihre Eltern sie traditionell erziehen wollten. Das hieß, dass sie als Mädchen nicht zur Schule gehen sollte. Sie machte es heimlich, in dem sie auf einen Baum in ihrem Garten kletterte und so dem Unterricht der Mädchenklasse in der direkten Nachbarschaft zuhören konnte. „Als die Klasse und auch ich einmal Frère Jacques gesungen haben, bin ich vom Baum gefallen“, sagt sie. Was dazu führte, dass die Lehrerin auf sie aufmerksam wurde und im Anschluss Adouanis Vater überredete, sie auf die Schule gehen zu lassen – aber nur, bis sie zehn Jahre alt war, das war die Bedingung des Vaters. Genug Zeit für Adouani, um ihrem Leben eine andere Prägung zu geben. Mit acht Jahren begann sie, zu schreiben. Und ihr Schreiben veränderte alles, machte sie letztlich zu einem politischen Menschen, der einer Diktatur die Stirn bot und dafür ins Exil musste.

Als Adouani erzählt, dass sie viel bessere Noten hatte als ihre Brüder, gibt es einen Zwischenruf. Auf Arabisch. Ein junger Mann, wohl etwas Abfälliges über die Frauen, wie Seba später erklärt. Ein älterer Mann schreitet ein. Auch auf Arabisch. In Sekunden schäumen die Emotionen über. Ein paar Augenblicke später kommt es auf dem Gang zu einer Rangelei – die beiden Männer sind nach draußen gestürmt, um die Sache dort mit anderen Argumenten zu klären, gefolgt von Bewohnern der Unterkunft. Die Streithähne werden getrennt, nur der ältere Mann kommt zurück.

Die Schriftstellerin erzählt, wie sie als junge Dichterin über 500 Kilometer gelaufen sei, um Minenarbeitern ihre Gedichte vorzutragen – nicht in einem Kulturhaus, sondern an einer Mauer, auf der Straße, unter freiem Himmel. Nach dem Vortrag hätten sie spontan gemeinsam demonstriert. Als die Polizei kam, seien alle Männer verschwunden. Nur sie blieb zurück. So fing ihr Kampf gegen die Diktatur und für die Freiheit des Worts an.

Adouani trägt keinen Schleier. Sie sitzt selbstbewusst auf dem Podium und lässt sich von Zwischenrufen nicht provozieren. Leidenschaftlich wird sie, als sie zwei Gedichte vorträgt. Weich, wohlgeformt, zärtlich klingen die Laute auf Arabisch. Die Übersetzung offenbart, dass es in einem um den Verlust und im anderen um die Freiheit geht, sich befreien aus dem Käfig, in den der Mensch gesteckt werden soll.

Nach dem Aufstand hat sich nichts in Tunesien geändert

Nach so vielen Jahren im Exil macht Adouani einen gefestigten Eindruck. Wenn sie über Tunesien heute spricht, sagt sie trocken, dass nach einem kurzen Aufflackern des Aufstands wieder alles beim Alten sei. Die Diktatur habe über Jahrzehnte jede Form von Opposition verboten. Deshalb habe es keinen organisierten, sondern nur einen spontanen Widerstand gegeben. Deshalb habe sich nichts im Land geändert. Es herrschten die gleichen Leute in einem neuen Gewand.

Nach der Lesung ist das Strahlen aus Sebas Gesicht immer noch nicht verschwunden. „Ich habe alles verstanden“, sagt sie, als eine der wenigen, sowohl das, was auf Arabisch gesagt wurde, als auch das, was ins Deutsche übersetzt wurde. Das mit der Opposition sei ihr neu gewesen. Über die Opposition habe sie sich bislang keine Gedanken gemacht. Darüber müsse sie nachdenken. Und noch etwas: „Weißt Du, was ich wirklich toll finde hier: die Meinungsfreiheit.“ Sie lacht unwiderstehlich.

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