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Augsburg

26.04.2019

Ein Tag auf dem Plärrer: Diese Menschen bringen Leben auf das Volksfest

Putzen und Reparieren, damit es später wieder ordentlich rummsen kann: Mitarbeiter kümmern sich am Vormittag um die Fahrzeuge des Autoscooters.

Zwei Wochen bestimmt das Volksfest das Leben vieler Menschen. Für Schausteller, Bedienungen und Köche beginnt es Stunden, bevor die Besucher kommen. Was dort von morgens bis abends los ist.

Es ist 9 Uhr morgens auf dem Plärrer. Wo sonst Ponys traben, ist die Manege leer. Eine Plane umspannt das Kinderkarussell. An den Buden blickt man nicht auf Schokofrüchte oder Mandeln, sondern auf Jalousien. Kein Geschrei, keine Musik, keine Durchsagen. Wer genau hinhört, hört etwas anderes. Das Rattern von Mülltonnen. Besenborsten, die über Aluminium schrubben. Mitarbeiter kehren, wischen und polieren vor den Ständen und in den Fahrgeschäften. Lieferwagen werden entladen. Zur Mittagszeit öffnet der Plärrer, bis dahin muss alles stehen.

9.20 Uhr Alles auf dem Volksfest folgt einem Takt, der sich jeden Tag wiederholt. „Müll entsorgen kann man zum Beispiel nur von neun bis zehn Uhr“, sagt Bruno Noli und zeigt mit einem Nicken in Richtung Binswangerzelt, hinter dem sich die großen Müllcontainer befinden. Noli, weiße Haare, Schnauzer, freundliches Lächeln, betreibt den Autoscooter. Zwei seiner Mitarbeiter putzen mit Lumpen die Elektroautos, ein anderer kehrt feuchte Sägespäne über die Stahlplatten der Fahrbahn. „Die nehmen den feinen Staub auf“, erklärt der Chef, der auch selbst Arbeitshosen trägt. Bis zu zwei Stunden reinigen sie jeden Morgen. Noli kümmert sich um die Wartung, um kaputte Kugellager zum Beispiel oder verschmorte Kontakte. Er zückt einen kleinen Zettel. Seine Tochter hat ihm am Abend zuvor eine To-do-Liste geschrieben. „Licht Boxen“ steht da drauf. Oder „Mercedes schwarz, Ring Bürste“. Noli weiß, was zu tun ist. Er dreht mit einem Kollegen das kleine Auto zur Seite, holt den Werkzeugkoffer und kniet sich auf den Boden vor das Fahrgerät.

9.45 Uhr Schausteller Josef Diebold, ebenfalls in Arbeitshose, der nebenan das Kinderfahrgeschäft Orient-Express betreibt, ist schon fertig mit Putzen. Das Podium glänzt wie neu. „Da liegt keine Zigarettenkippe“, sagt er. Es solle ja einladend sein. Während er erzählt, dass hinter dem Plärrer 85 Familienbetriebe stecken, die meisten davon Augsburger, dreht sich im Hintergrund bereits das Riesenrad – und im Schaller-Festzelt rotieren schon die ersten Grillhähnchen am Spieß.

Die Bedienungen polieren das Besteck und rollen es in Servietten ein.

10.15 Uhr Abseits von der Hitze der Hähnchenspieße haben sich die Bedienung Anna Diehl und ihre Kollegen der Frühschicht an Biertischen versammelt, um das Besteck zu polieren. Die 32-Jährige hat eine Box mit Messern und Gabeln vor sich, frisch aus der Spülküche. Sie putzt mit einem Geschirrtuch nach, ihre Kollegen wickeln das Besteck in weiße Servietten ein. „Wir haben so viele Bedienungen, die brauchen eine Beschäftigung“, sagt Festwirt Dieter Held mit einem Augenzwinkern. Zwischen 30 und 55 Personen sind es dem Schallerzelt-Chef zufolge je nach Tag und Schicht.

10.45 Uhr In der Küche des Schallerzelts greift Koch Reiner Kögl in einen Eimer mit frischem Spätzleteig. „Mehl, Eier, Muskat, Salz, etwas Kurkuma“, zählt er die Zutaten auf und klatscht drei Portionen auf einen großen Spätzlehobel, ein Unikat mit größeren Löchern für größere Spätzle. In einem Wasserkessel kochen sie auf, dann hievt der 61-Jährige sie mit einer großen Schaumkelle in ein Sieb, das in kaltem Wasser hängt. Es ist heiß in der Küche und Kögls Sicherheitsschuhe sind schwer. „Egal“, sagt der Koch und lacht. Immerhin macht er das seit bald 30 Jahren. „Hier herinnen drehsch du a bissl am Rad“, sagt er, „aber wir sind ein lustiger Haufen und haben viel Spaß.“

Handgemacht: In der Schallerzelt-Küche wird vormittags das Essen vorbereitet. Aiketerini Thomaidou und Dennis Kobell kümmern sich um den Kartoffelsalat.

12 Uhr Am Eingang an der Badstraße stellen der Sicherheitsmitarbeiter Klaus Saumweber und seine Kollegin einen Biertisch und einen Sonnenschirm für die Taschenkontrolle auf. „Kommt’s ruhig rein, i beiß net“, ruft der 60-Jährige den Besuchern zu. „Was haben Sie mir denn mitgebracht?“ Eine Frau öffnet ihre Tasche: „Wollen Sie mir ein Osterei reinlegen?“, fragt sie. Saumweber lacht. Seine neongelbe Weste und der silberne Ohrring im linken Ohr leuchten in der Sonne. „Du wirst braun und wirst bezahlt dafür, gut oder?“ Er grinst. Dann gibt er zu: Draußen stehen bei der Hitze, das bedeutet Kollapsgefahr. Deshalb der Schirm. Sein Job sei „griabig“, langweilig werde ihm nur, wenn niemand kommt. „Dann stehst du dir die Beine in den Bauch.“ Ab und zu zieht er Glasflaschen aus den Taschen, vor allem gegen Abend Alkohol, oder auch Messer. Aber das löse er mit Geduld und Humor.

13.30 Uhr Maria Steger kratzt Hähnchenreste von einem Teller in den Restmüll und stapelt Holzbretter und Salatschüsseln auf der Terrasse des Binswangerzelts. Das Mittagsgeschäft laufe gut, sagt die 53-Jährige und lächelt. Mit einer Kollegin teilt sie sich 14 Tische, abends sind es 18. Jeder dürfe mal drinnen und draußen bedienen, so bleibe es fair je nach Wetter und Uhrzeit. Doch genug geredet. Mit großen schnellen Schritten geht die kleine Frau wieder los, um Bier an der Schenke zu holen.

15 Uhr Bella, Samira und Lady haben Pause. Die Ponys entspannen in ihren Boxen hinter dem Reitsalon Schubert, während in der ovalen Manege fünf ihrer Kollegen seit zwei Stunden Kinder auf dem Rücken spazieren tragen. Sie werden geführt von Familienvater Alexander Schubert und seinen beiden Kindern Marvin und Justine, 20 und 18 Jahre alt. Alle vier Stunden dürfen die Pferde pausieren. Mutter Jona erzählt aus dem Kassenhäuschen heraus, dass es schon um sechs Uhr morgens losgehe: Die Ponys würden gefüttert, es wird gemistet, eingestreut, geduscht und geputzt. „Erst kommen die Tiere und dann kommen wir“, sagt sie und lacht. Und dann noch der Haushalt.

15.30 Uhr Vor den Losbuden ist der Boden inzwischen übersät mit weißen und gelben Schnipseln, die aussehen wie Zigarettenstummel. Dazwischen Nieten. Der leichte Wind trägt den Rauch von Zigaretten und Holzkohle durch die Budenstraßen, vermischt mit süßem Mandelduft. Popmusik läuft, Kinder schreien und manches Fahrgeschäft klingt, als ob Rennautos vorbeisausten.

16 Uhr „Die Bude ist voll“, sagt eine Sanitäterin des Roten Kreuzes an der Plärrerwache. Hier, hinter dem Festplatz, sind Sanitäter, Feuerwehrleute und die Polizei untergebracht. Gerade haben die Sanitäter einiges zu tun. Einem Kind ist schlecht geworden beim Karussellfahren. Und ein Mann, der gestürzt ist, wird behandelt.

17 Uhr Auf der Damentoilette liegt alles bereit. Es gibt Deo, Handcreme, Tampons, Seife und genug Papier. Adile Dogan, eine adrette, blonde Frau mit Nasenpiercing, freut sich, dass alle zufrieden sind. Sie betreibt zum ersten Mal die Sanitäranlagen beim Binswangerzelt. Ihre Schwester hilft ihr, ihr Sohn, die Schwägerin und Nichte Shirin, die am Eingang gerade kassiert. Dogan ist den ganzen Tag da. „Ich bin so eine, die immer kontrolliert. Alles muss passen“, sagt sie und lacht.

„Alles muss passen“: Toilettenfrau Adile Dogan (Mitte) mit ihren Helferinnen.

17.50 Uhr Hinter dem Binswangerzelt hat sich die Münchner Partyband MG versammelt: Fünf Männer um den kräftigen Bandleader Tom Peter und Sängerin Denise. Es wird geraucht, gequatscht und noch ein Schluck Bier genommen. Ein Ritual haben sie nicht. „D’Hauptsach is, dass d’Musi spielt“, finden sie. Eine Viertelstunde später stimmen sie „Ein Prosit“ an und mit dem ersten Ton steigen die ersten Burschen auf die Bänke.

Die Krüge hoch: Bandleader Tom Peter stimmt im Binswangerzelt – mal wieder – das „Prosit“ an.

19.10 Uhr Rebecca Maurer wartet hinter der Alm-Bar im Schallerzelt auf Kundschaft. Gegen 20 Uhr gehe es unter der Woche richtig los, sagt die junge Frau. Meistens schenkt die 21-Jährige Bier aus, doch auch Caipirinha, Caipiroska, Gin und Long Drinks wie Havana Cola sind beliebt. Kurz vor Ausschankschluss um 23 Uhr komme noch mal der große Ansturm auf den letzten Drink, erzählt die Barkeeperin.

Bier, Rum oder lieber Gin? Rebecca Maurer schenkt an der Schaller-Alm aus.

22.30 Uhr Im Kinderkarussell Orient-Express nehmen die Mitarbeiter von Josef Diebold jetzt die Besen in die Hand und beginnen, den Aluminiumboden zu schrubben. Danach wischen und polieren sie die kleinen Waggons, die immer noch blinken und leuchten. Denn: „Wenn noch ein Gast kommt, kann er fahren“, sagt Diebold, der jetzt Jeans trägt. „Der Kunde ist König.“

22.40 Uhr Gegenüber in Eberhardts Knusperhaus reinigen Mitarbeiter die Maschinen. „Erst kommt die Zuckerwatte, dann die Schokogeräte, dann die Mandelmaschine“, sagt Inhaber Josef Eberhardt. Solange sie warm seien, könnten sie gut geputzt werden. Die Schokofrüchte versucht er, auszuverkaufen. Die Kunden kommen bis zum Schluss, weiß er aus Erfahrung. Immerhin steht der 65-Jährige aus Lechhausen seit über 40 Jahren auf dem Plärrer.

Feierabend um 23 Uhr: Josef Eberhardt schließt den Süßigkeitenstand.

22.55 Uhr Beim Orient-Express wird der Planenvorhang zugezogen, in Eberhardts Knusperhäuschen werden die Holzjalousien heruntergelassen. Danach kehren die Mitarbeiter von Bruno Noli und Josef Diebold die Straße vor ihren Fahrgeschäften. Wie schon am Morgen – und wie morgen früh wieder.

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