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Neu-Ulm

22.11.2018

Eine Schülerin im Bann des Todes

Geht lieber zu Beerdigungen als zum Basketball: die Schülerin Miriam (Melanie Schmidt).
Bild: Dagmar Hub

„Miriam ganz in Schwarz“ des Theaters Neu-Ulm stellt wichtige Frage und rührt im Innersten. Das Stück gehört eigentlich nicht auf Theaterbühnen.

Neu-Ulm Miriam verteilt im Publikum Sterbebildchen. Am Vormittag war sie bei der Beerdigung von Sigbert Hashagen, der 89-jährig starb. Acht Beerdigungen hat die Schülerin in diesem Monat schon besucht. Ihre Freundin Silvie geht 16 Mal pro Monat ins Basketballtraining, Miriam verbringt ihre Freizeit lieber auf Beerdigungen. Und denkt darüber nach, warum sie das tut, warum sie über den Tod von Menschen weint, die sie nicht gekannt und die sie nicht geliebt hat. Darüber, was deren Tod mit ihrer eigenen Existenz zu tun hat. Das eigenartige Hobby bedeutet für Miriam Seelenhygiene – und sie spürt, dass es die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens ist, die sie dazu bringt, sich mit dem Leben, dem Tod und mit der Trauer um Verstorbene zu beschäftigen. Das neue Schülerstück des Theaters Neu-Ulm, Jörg Menke-Peitzmeyers „Miriam ganz in Schwarz“ (inszeniert von Claudia Riese und Heinz Koch) ist ein starker Monolog von Schauspielerin Melanie Schmidt, buchbar ins Klassenzimmer. Es rührt am Coolsein, an der emotionalen Kälte – und im Innersten.

Miriam lernt mehr von den Toten als von den Lebenden

Als sie selbst Basketball spielte, da wollte sie jede Minute festhalten, in der die Zuschauer dem Team zujubelten – und stellte es nicht eben geschickt an, sodass sie aus dem Team flog. Traurig ist Miriam darüber eigentlich nicht. Die 16-Jährige, eine konzentrierte, wenn auch durchschnittliche Schülerin, lernt von den Toten, zu deren Beerdigung sie geht. Über Musik, über die Berufe der Verstorbenen, vor allem aber über menschliche Gefühle, über deren Echtheit. Darüber, warum jemand einen anderen wirklich geliebt hat und ihn vermisst oder darüber, warum die Witwe oder die Kinder eines Verstorbenen bei der Trauerfeier nicht weinen.

Da sind diese Bilder in Miriams Erinnerung. Sie kam mit den Eltern vom Tierpark zurück, an einem Sonntagnachmittag war es. Ihre geliebte Oma sollte auf die kleine Schwester aufpassen, die man bei ihr im Laufstall gelassen hatte. Ein Moment hat sich Miriam für immer eingeprägt: Oma liegt tot auf dem Boden. Die Schwester rennt wie verrückt im Laufstall herum. Und die Mutter bringt es fertig, zu sagen: „Da bittet man sie einmal, auf die Kleine aufzupassen!“

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Das Theater Neu-Ulm bietet das Stück Schulen an

Ist es die Gefühlskälte der eigenen Eltern, die Miriam auf die Suche gehen lässt danach, was im Leben trägt? „Warum weine ich eigentlich? Weine ich etwa um mich?“, fragt sie sich. Hochzeiten, das weiß die Schülerin jedenfalls seit der Hochzeitsfeier ihrer Cousine, sind nichts für sie. Zu viel Schauspiel, zu viel Ewigkeit, die so tut, als gäbe es den Tod nicht. Beerdigungen relativieren so eigenartig, sagt Miriam. Und sie machen den, der um die Vergänglichkeit weiß, gefährlich für die, die den Tod ausblenden. Denn die, die um die Sterblichkeit wissen, entschleunigen und lassen sich weniger in die Tretmühle einspannen. Dann ist sie wieder beim Basketball: „Ob jetzt 69 oder 78 Einsatzminuten ist denen doch egal“, sagt Miriam.

Das Ein-Personen-Stück des Theaters Neu-Ulm ist für Schulen buchbar; das Bühnenbild ist das jeweilige Klassenzimmer.

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