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Konzert

20.04.2015

Immer noch der Alte

Der „alte Mann“ und seine Gitarren: Hannes Wader erntete ihm Gögginger Kurhaus bei seinem Auftritt tosenden Applaus.
Bild: Wolfgang Diekamp

Auch mit 72 Jahren kann Liedermacher Hannes Wader noch gute Geschichten erzählen und singen. Aber auch über ihn selbst gibt es viel zu sagen

So stellt man sich einen früheren Bänkelsänger aus dem Mittelalter vor. Einer der Lieder mit vorwiegend dramatischen Inhalten singt und erzählt. Also wie einst Walther von der Vogelweide. Hannes Wader ist zumindest ein Nachfahre von ihm. Nur das sich der Bänkelsänger heutzutage Liedermacher nennt. Wader steht ober auf der Bühne allein auf weiter Flur. Nur mit der Klampfe unterm Arm begrüßt er sein Publikum im ausverkauften Gögginger Kurhaus und singt und erzählt dort seine Geschichten.

Wader macht das auf der Bühne schon über 50 Jahre. Daran hat sich auch im Alter nichts geändert. Auch mit 72 Jahren bissig und ironisch. Wader prangert an. Die Machtgeilheit der Politiker, die braune Brut – die Neonazis oder den Missbrauch an Kindern.

Es klingt zunächst fröhlich und ein bisschen nach Jamaika wenn er sich am Touristenstrand ein Eis kauft und es bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn an diesen Strand eine tote schwarze Frau angespült wird. Spätestens dann weiß man, dass Wader sein Eis nicht irgendwo in der Karibik genießt, sondern am Mittelmeer auf der Insel Lampedusa. Oder das Antikriegslied „Le Deserteur“ das der französische Schriftsteller Boris Vian im Februar 1954 geschrieben hat. Erinnerungen werden wach. Ältere Leute im Saal kennen den Song, vom Soldaten der nicht mehr auf Menschen schießen will, auch noch vom französischen Chansonnier Jean-Claude Pascal der den Titel 1967 auf deutsch gesungen hat.

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Über Wader selbst gibt es auch viel zu erzählen. Ihm eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Der ehemalige Layouter des damaligen Satiremagazins Pardon gehörte jahrelang zu den Linken. Eher Kommunist als Sozialist. 1971 vermietete er seine Wohnung im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel einer vermeintlichen NDR-Reporterin. Allerdings war diese Reporterin niemand anders als die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Wader machte zwar nie einen Hehl daraus, dass er früher RAF-Sympathisant war, beteuerte aber immer wieder, dass er nicht wusste, wem er damals seine Wohnung vermietete. Später im Jahr 1977 trat er auch in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ein.

Im Rundfunk wurden seine Lieder nicht mehr gespielt und es hagelte Auftrittsverbote. Politisch engagiert sich Wader schon lange nicht mehr und in einigen Interviews hat er auch betont, dass er sich heute noch schämt, RAF-Sympathisant gewesen zu sein.

Seine Vergangenheit schadet ihm nicht mehr. Reinhard Mey und Konstantin Wecker sind seine Freunde geblieben und in der Branche ziehen sie ehrfürchtig den Hut vor ihm. Ein Indiz ist, dass die „Toten Hosen“ sein Erfolgslied „Heute hier morgen dort“, auch schon lange mit in ihr Programm aufgenommen haben. „Heute hier morgen dort“ ist auch im Kurhaus der Beginn einer großen Freundschaft. Wader packt diesen Song gleich am Anfang aus. Wader kann auch witzig sein. Wenn er über heruntergekommene Hotels („Hotel zur langen Dämmerung“) mit aufgemalten Fenstern singt oder wenn er dem Publikum erklärt wie Frauen bei ihm ticken. Oder wenn er sich, in einer irischen Kneipe in der Nähe von Limerick („Folkingers Rest“), an ein Trinkgelage mit befreundeten Musikern erinnert. Bevor Hannes Wader unter tosendem Applaus die Bühne verlässt, muss noch das Unvermeidliche kommen: „Sag mir wo die Blumen sind.“ Das Publikum soll mitsingen und tut es auch – mit Hingabe. Wader hat es wieder einmal geschafft.

Bei ihm bietet sich ein Vergleich mit Fußballern an. Dort sagte einst Trainer Otto Rehhagel: Es gibt keine jungen und alten Spieler. Es gibt nur gute oder schlechte. Ähnlich ist es in der Musik und da ist Hannes Wader ein Guter. Immer noch.

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