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Hoffmannkeller

18.06.2016

Mama meint es doch nur gut

Die Tochter (Kerstin König, links) hat es nicht leicht mit Mama (Ute Fiedler). Sie kann es ihrer Mutter einfach nie recht machen. Der Vater (Gregor Trakis) ist bei Mutter nicht mehr als ein Stichwortgeber. Das Theater hat Alina Bronskys Roman „Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche“ inszeniert.
Bild: Nik Schölzel, Theater Augsburg

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche – so heißt der Bestseller von Alina Bronsky. Es ist erstmals auf der Bühne zu sehen. Das gewagte Experiment gelingt auch noch

Ist sie Muttertier oder der Schrecken der Familie, Glucke oder Monster? Wie Rosalinda, sowjetische Mama und Oma tatarischer Abstammung, wirklich ist, das weiß man auch nach fast zwei Stunden im Hoffmannkeller noch nicht genau. Fest steht nur: Diese Frau will immer das Beste für die Ihren, und dann kommt doch nur was Schlechtes dabei heraus.

Noch kurz vor Spielzeitende, und zum Abschluss einer wegen Sanierungsplänen, Bürgerdebatten und Brandschutz höchst dramatischen Saison, bringt das Theater Augsburg noch eine veritable Uraufführung auf die kleine Bühne des Hoffmannkellers, die Dramatisierung von Alina Bronskys Roman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“. Einen Bestseller von 320 Seiten Länge, überbordend von Erzählideen und ausgestattet mit großem Personal, auf eine Bühnenfassung von knapp zwei Stunden und mit lediglich drei Personen einzudampfen, das ist ein wahrlich ambitioniertes Experiment. Denn man geht dabei ja das Risiko ein, dass die vielen Leser, die das Buch mit atemlosem Vergnügen gelesen haben, es auf der Bühne nicht mehr recht wiedererkennen könnten.

Keine Bange: Das Experiment ist gelungen. Dramaturgin Barbara Bily hat eine zügig konstruierte Fassung erstellt, die mutig Schnitte im Originaltext setzt, aber doch das Wesentliche erzählt, die nur hin und wieder kleine Längen aufweist, aber zu allermeist die Zuschauer fesselt. Bily bleibt dabei eng an der Vorlage und lässt auch auf der Bühne so wie im Buch diese Rosalinda selbst erzählen, vertraut sich ihrer Perspektive an. Herausgekommen ist dabei eine Art Erzähltheater, in dem die Handlung nicht durchgängig in Dialoge aufgelöst wurde, in dem vielmehr die Prosa über weite Strecken die Führung übernimmt und immer wieder von Dialogen und kleinen Spielszenen unterbrochen wird. Diese theatralen Elemente hätte Regisseur Pascal Wieandt noch etwas vermehren und verstärken können, da wäre noch Luft nach oben drin. Aber dennoch: Durch Wieandts konzentrierte und doch leichtfüßige Personenführung entsteht im Kellergewölbe ein intimer Raum, in dem die Zuschauer den drei Personen sehr nahe kommen.

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Im Mittelpunkt also steht diese Rosalinda. Ute Fiedler, die als Erzählerin gewaltige Textmengen zu bewältigen hat (und das bravourös tut), spielt sie als energiegeladene Person, die sich und ihren Mitmenschen nichts durchgehen lässt, die sich und die anderen stets im Griff hat, die aber in ständiger Sorge lebt, wie sie für die Ihren das Leben besser machen könnte. Die Ihren, das sind Ehemann, Tochter und Enkelin. Gregor Trakis, der im Verlauf des Abends auch Rosalindas Schwiegersöhne und ihren Lover spielen muss, lässt sich von dieser dominanten Frau zu einem erkennbar erbarmungswürdigen Stichwort-Empfänger degradieren, trägt dieses Schicksal aber mit Würde. Kerstin König, die Tochter und Enkelin darstellt, ist einfach zauberhaft in der Vielfalt ihrer kindlichen Tonlagen, ein Lichtblick als Gegenpart der zwanghaft planenden und kontrollierenden Mutter bzw. Oma.

Im beweglichen Bühnenbild von Birgit Klötzer - nicht mehr als einige Kisten im traditionell russischen Matrjoschka-Look, die mal Möbel, mal Babywiege, Koffer oder Flugzeug sind – kreisen diese drei Menschen beständig umeinander, in Liebe, Abhängigkeit und Angst. Der Mann hat wenig zu sagen; der Tochter Sulfia gesteht die Mutter keinerlei eignen Willen zu und zwingt sie, als sie schwanger wird, zur Abtreibung. Die geht schief, und Enkelin Aminat kommt zur Welt. Die Großmutter liebt dieses Kind heiß und innig. Sie will nur das Beste für das Mädchen, und das Beste heißt in der zerfallenden Sowjetunion Deutschland, „wo man die Straßen mit Shampoo wäscht“. Um dieses Emigrationsziel zu erreichen, scheut Rosalinda nicht davor zurück, die hübsche Enkelin mit einem pädophilen Deutschen zu verkuppeln. Man kann sich vorstellen, wie schlimm diese Geschichte ausgeht. Das hätte die Regie durchaus noch stärker herausarbeiten können!

Doch die schlimme Geschichte ist so lebensprall und wird so temperamentvoll erzählt, dass immer wieder komische Situationen entstehen. Es wird oft gelacht im Hoffmannkeller, aber ebenso oft spürt man auch Beklemmung. Die Dialektik vom Bösen, das das Gute will, oder vom Guten, das tragisch endet; von der Tragödie, die aber auch eine Menge Komik produziert _ das macht den Reiz von Alina Bronskys Romanen aus. Die als Jugendliche mit ihrer Familie nach Deutschland emigrierte Russin gilt neben Lena Gorelik als starke Stimme der jungen deutschen Autoren russischer Abstammung; ihr Erzählton ist freilich viel ruppiger und schärfer (vielleicht ein bisschen wie in „Tschick“ von Wolfgang Herndorf): Sie zielt noch mehr auf die Härten des Lebens, die einen Menschen zerbrechen können (zum Beispiel auch in „Scherbenpark“, „Nenn mich einfach Superheld“ oder „Baba Dunjas letzte Liebe“).

Auch wenn die Autorin oft genug brüchige, alles andere als pflegeleichte Persönlichkeiten ins Zentrum ihrer Geschichten stellt, denunziert sie sie doch niemals, sondern vertraut ihnen. Auch bei Rosalinda, die ja gewiss herrschsüchtig und skrupellos ist, spürt man immer wieder, dass sie es eigentlich gut meint, also nicht nur Monster, sondern auch Muttertier ist, dass das, was sie anstellt, doch eine Art von Liebe ist, die aber leider immer zu Unterdrückung wird. Es ist das Verdienst der Augsburger Aufführung, diese zwei Seiten, diese Vielschichtigkeit der Personen und ihrer Geschichte nicht zu unterschlagen.

Aufführungen am 19., 24. und 30. Juni sowie am 7. und 16. Juli

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