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11.07.2014

Mein Vater, der Kriegsverbrecher

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3 Bilder
Rainer Diekmann als Baby mit seinem Vater Adolf Diekmann, dessen Name für eines der schlimmsten Kriegsverbrechen steht. Der Bataillonskommandeur der SS ordnete im Zweiten Weltkrieg die Auslöschung des französischen Dorfs Oradour-sur-Glane an.

Erstmals spricht der Augsburger Kinderarzt Rainer Diekmann über seinen Vater, der  als SS-Offizier den Befehl zum Massaker im französischen Dorf Oradour gegeben hat.

Mit 72 Jahren spricht der pensionierte Augsburger Kinderarzt Rainer Diekmann zum ersten Mal mit einer deutschen Zeitung über seine schwierige Familiengeschichte: Sein Vater, Adolf Diekmann, gilt als verantwortlicher SS-Offizier für das Massaker in Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944, bei dem – offenbar als Vergeltungsaktion gegen Partisanen – 642 Männer, Frauen und Kinder von der Waffen-SS ermordet wurden und das komplette Dorf niedergebrannt wurde. Am 29. Juni 1944 starb Adolf Diekmann bei einem Kriegseinsatz in der Normandie. Sein Sohn Rainer war damals zwei Jahre alt. Zeit seines Lebens hat er versucht zu begreifen, was seinen Vater damals angetrieben hat.

Herr Diekmann, wann haben Sie erfahren, wer Ihr Vater war?

1968 lebte ich als Medizinstudent in München und Karl, ein befreundeter Fotojournalist, erzählte mir bei einem Abendessen, er würde am nächsten Tag für eine Reportage der Zeitschrift Quick nach Oradour reisen. Da fiel mir ein, dass ich den Namen Oradour seit meiner Kindheit irgendwie im Hinterkopf hatte. Meine Stiefgroßmutter hatte mir mal, als ich etwa acht Jahre alt war, erzählt: „Dein Vater hat im Krieg etwas sehr Schlimmes gemacht.“ Dabei fiel der Name Oradour. Danach war in der Familie nie mehr ein Wort darüber verloren worden. Aber ich hatte damals als Kind verstanden, dass es sich um etwas sehr Gravierendes gehandelt haben muss. Als Karl dann 1968 seine bevorstehende Reise nach Oradour erwähnte, bat ich ihn: „Erkundige Dich dort bitte mal – mein Vater muss da irgendwas angestellt haben“. Karl fragte: „Wie ist denn Dein Familienname?“ Wir kannten uns als Kumpels bis dahin ja nur per Vornamen. Als ich ihm meinen Familiennamen nannte, sagte er entsetzt: „ Dein Vater war der Hauptverantwortliche des Massakers!“ Als er ein paar Tage später aus Frankreich zurückkam, hat er mir die ganze Geschichte von Oradour erzählt.

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Was ging da in Ihnen vor?

Es war furchtbar. Mir hat sich der Magen umgedreht. Dass mein Vater offenbar grundlos 642 Menschen hat umbringen lassen, war unfassbar.

Haben Sie dann nicht sofort Ihrer Mutter Fragen gestellt?

Nein. Ich hatte ein ziemlich getrübtes Verhältnis zu ihr. Als ich etwa acht Jahre alt war, hat sie meinen Stiefvater geheiratet. Der Name meines Vaters war beinahe so etwas wie ein Tabu im Haus. Mit Anfang 20 brach der Kontakt dann fast ab, als ich zum Medizinstudium nach München gezogen bin. Ich habe bald geheiratet, wurde Vater einer Tochter, habe gejobbt – um neben der kleinen Waisenrente mein Studium zu finanzieren. Als dann 1968 plötzlich das Thema Oradour auf mich zukam, war ich so mit mir und meiner eigenen Familie beschäftigt, dass ich alles andere verdrängt habe. Zwei Jahre später starb meine Mutter.

War sie selbst mit dem Nationalsozialismus verhaftet?

Ich denke, sie war eine Mitläuferin. Sie hatte meinen Vater als Medizinstudentin 1938 in Prag kennengelernt und nach der Hochzeit 1940 bedingungslos unterstützt. Er war ein sehr schöner, stattlicher Mann. Sie war wohl ziemlich verschossen in ihn. Aus den wenigen Gesprächen mit ihr habe ich aber den Eindruck gewonnen, dass sie sich später von den Nazis distanziert hat.

Hatten Sie eine glückliche Kindheit?

Wir waren damit beschäftigt, mit dem Leben in einfachen Verhältnissen zurecht zu kommen. Als ich vier Jahre alt war, kamen mein jüngerer Bruder und ich in einem Flüchtlingstreck aus unserem Heimatort Elbogen bei Karlsbad in ein Auffanglager in Furth im Wald. Die Güterwagen zählen zu den ersten wichtigen Erinnerungen in meinem Leben. Die Vertreibung hat mich geprägt. Meine Mutter blieb zuerst zurück, weil sie als Medizinerin nützlich für die neuen Machthaber war. Irgendwie hat sie es dann doch geschafft, zu flüchten und zu uns zu kommen. Nach einem Jahr wurde ihr in Monheim eine Arztpraxis zugewiesen. 1953 hat sie mich ins humanistische Internat St. Stephan nach Augsburg geschickt.

Wussten Ihre Mitschüler, wer Ihr Vater war?

Als ich etwa 14 war, kam ein Lehrer zu mir und sagte: „Dein Vater war Wehrmachtsoffizier – ich möchte wissen, was er für eine genaue Funktion hatte.“ Ich sagte völlig treuherzig: „Er war Obersturmbannführer bei der SS.“ Von dem Tag an wurde ich von meinen Kameraden gemobbt. Und in Griechisch und Latein bekam ich nur noch die Note 5 und 6.

Welches Bild haben Sie von Ihrem Vater?

Ein sehr blasses. Ich habe aus Mangel an Erkenntnissen über ihn angefangen, von meinen Charaktereigenschaften aus auf ihn zu schließen. Zum Beispiel kann ich sehr jähzornig sein. Ich kann mir vorstellen, dass er den Befehl in Oradour aus einem Jähzorn-Anfall heraus gegeben hat. Sein bester Freund, Sturmbannführer Helmut Kämpfe, war kurz zuvor von der Resistance gefangen und getötet worden. Wenn ich von meinem mitunter auftretenden Jähzorn ausgehe, kann ich mir ein bisschen vorstellen, dass dieser Charakterzug vielleicht ein bisschen mit ein Grund für die Geschehnisse in Oradour war. Nach der Devise „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Sie haben sich 1968 daran gemacht, andere Mitverantwortliche von Oradour wie den SS-General Heinz Lammerding, Kommandeur der Panzerdivision „Das Reich“, zu befragen, ob Ihr Vater wirklich eigenmächtig gehandelt hatte. Wollten Sie wirklich seine Ehre wieder herstellen?

Ich wollte die Wahrheit erfahren. Aber ich stieß auf Mauern. Lammerding residierte als vermögender Bauunternehmer in Düsseldorf auf einem riesigen Areal, von dem aus er bei der Gefahr einer Verhaftung direkt zum Flughafen abhauen konnte. 1968 habe ich ihn in einem Brief um ein Gespräch gebeten. Das kam leider nie zustande. Stattdessen hat er mich an den ehemaligen Standartenführer Sylvester Stadler, den direkten Vorgesetzten meines Vaters, verwiesen. Ich besuchte Stadler in Aalen – und stieß auf blankes Geschwätz im Sinne von „Lasst die Toten ruhen“. Gleichzeitig spürte man noch die große Kameraderie zwischen ehemaligen SS-Brüdern. Ich war davon angewidert.

Haben Sie weiter recherchiert?

Ich habe danach versucht, in der Familie weiter zu fragen. Aber da blieb ein großes Schweigen. Ich war noch zwei Jahre nach der Entdeckung, was mein Vater getan hatte, so schockiert, dass ich, als meine Mutter und mein Stiefvater 1970 kurz nacheinander starben, in meinem Furor bis auf ein paar Fotos alles verbrannt habe, was an meinen Vater erinnerte. Leider habe ich auch zwei Briefe – ungeöffnet, ungelesen – verbrannt, die mein Vater wenige Tage nach Oradour an meine Mutter geschrieben hatte. Ich wollte mit dem Thema nichts mehr zu tun haben. Aus Schutzmechanismus. Heute tut mir das sehr leid. Vielleicht hätten die Briefe einige Fragen beantwortet.

Warum sind Sie nicht einfach selbst nach Oradour gefahren?

Weil ich mich geschämt habe, von so einem Mann abzustammen. Und ich konnte kein Französisch. Wie hätte ich mich ausdrücken können, um mein Bedauern auszudrücken? Mein Bruder hatte in den 80er Jahren den Mut, mit Freunden nach Oradour zu fahren. Er hat mir berichtet, dass er die Maschinengewehreinschusslöcher in Brusthöhe in der Kirche gesehen hat, in der all die Frauen und Kinder umgebracht worden waren.

Welche Gefühle haben Sie gegenüber Ihrem Vater?

Ich würde nicht so weit gehen, von Hass zu sprechen. Ich nehme für ihn die – rein fiktive – Charaktereigenschaft in Kauf, dass er aus Jähzorn gehandelt hatte. Ich glaube auch, dass es einen Befehl von oben gab. Eine Entschuldigung für sein Vorgehen gibt es nicht.

Glauben Sie, dass er ein Gesinnungstäter war?

Ich glaube, dass er in erster Linie aus Rebellion gegen seinen Vater zur SS gegangen war. Der war Vorsitzender des Preußischen Lehrerbunds und wurde von den Nazis 1934 abgesägt. Mein Vater war ein miserabler Schüler, der auf der normalen Schule das Abitur nicht schaffen konnte. Dann ging er zur NS-Eliteschule Napola. Er ließ sich zum Offizier ausbilden und trat schnell in die SS ein. Ich kann nicht beurteilen, inwieweit er mit dem Herzen dabei war. Zumindest war er schon rein äußerlich der typische Germane – blond, groß gewachsen, blauäugig. Er erfüllte alles, was die Nazis an den Germanen bewunderten. Vielleicht hat er diese „Vorbildrolle“ einfach irgendwann erfüllt.

Hatten Sie sich je für Ihren Vater schuldig gefühlt?

Den Schuh ziehe ich mir nur teilweise an. Ich glaube, dass ich seit meiner frühen Jugend versucht habe, mich klar gegen Krieg, Waffen, Gewalt und all dem zu stellen.

Was würden Sie Ihrem Vater sagen, wenn er heute zur Tür reinkäme?

Ich würde ihm sagen: „Wie konntest Du nur? Okay, Du kannst mir sagen, dass Du an die Wand gestellt worden wärst, wenn Du den Befehlen nicht gehorcht hättest. Aber ich wäre lieber an der Wand gestanden, bevor ich so gehandelt hätte wie Du.“

Waren Sie manchmal froh darüber, dass Ihr Vater damals ums Leben kam?

Ich dachte immer: Gott sei Dank hat er für sich selbst und für uns die NS-Zeit nicht überlebt. Für uns ist das Leben dadurch sicher leichter gewesen.

Haben Sie je sein Grab in der Normandie besucht?

Ja, ich war als Austauschschüler in der Bretagne und in der Normandie. Dabei habe ich den Soldatenfriedhof, auf dem mein Vater liegt, besucht. Ich habe nichts dabei empfunden. Ich sehe bei jedem Soldatenfriedhof nur die Verschwendung an Menschenleben.

Inwiefern hat Ihre Herkunft Ihr Leben beeinflusst?

Diese Geschichte hängt bis heute tief in meiner Seele. Jede Form von Gewalt ging mir immer völlig gegen den Strich. Schon als 20-Jähriger, als Oradour nur ein vages Thema in meinem Hinterkopf war, habe ich den Kriegsdienst verweigert. Ich habe meiner Tochter, meinem Sohn und meinem Adoptivsohn alles erzählt, was ich über meinen Vater weiß. Am wichtigsten war mir, ihnen klarzumachen, dass ich strikt gegen jegliche Form von Gewalt und gegen Krieg bin.

Sie haben sich in Augsburg als Kinderarzt einen Namen gemacht. Haben Sie im Freundes- und Kollegenkreis über Ihre Familiengeschichte gesprochen?

Nie. Dazu war ich seit den Erfahrungen in meiner Schulzeit zu sehr ein gebranntes Kind. Ich war aber einfach auch mit anderen Themen beschäftigt. Mit meiner Praxis, damit, zum Beispiel hyperaktive Kinder zu fördern. Bis ich in Rente ging, war ich eigentlich 24 Stunden täglich im Dienst.

Trotzdem haben Sie sich auch sozial in Augsburg sehr engagiert.

Stimmt, nachdem ich 1972 von München wieder nach Augsburg gezogen bin, wurde ich ein bisschen bekannt in der Stadt. Wir haben zum Beispiel mit Freunden in den 80er Jahren das Ulrichsviertel-Fest ins Leben gerufen, haben für die Erhaltung des sogenannten „Glasscherbenviertels“ gekämpft. Das Fest war multikulti – da sangen und tanzten Einheimische mit Türken, Griechen, Italienern, Obdachlosen. Wir haben die Hausaufgabenbetreuung von Ausländerkindern organisiert und den Müttern beim Deutschlernen geholfen.

Vor gut zwei Jahren sind Sie noch einmal als Revoluzzer aufgefallen, als Sie lange vor Papst Franziskus’ Wahl ein Büchlein mit dem Titel „Habemus Papam Francesco Primero“ geschrieben haben.

Das mit dem Titel war natürlich Zufall. Aber das Buch geht auf meine elf Jahre im katholischen Internat zurück. Und auf Enttäuschungen durch Johannes XXIII und den „Mittelalterpapst“ Paul VI, der Pille und Abtreibung verboten und hunderttausende Kinder in der Dritten Welt in den Hungertod geschickt hat. Das war für mich so unbegreiflich, dass ich mir mit meinem Büchlein überlegt habe, was ich als Papst tun würde und selbst ein Programm zusammengestellt habe.

Inzwischen leben Sie auf La Palma. Haben Sie Augsburg gänzlich den Rücken gekehrt?

Meine Frau und ich haben schon seit dem Jahr 2000 einige Monate im Jahr auf La Palma verbracht, seit ich meine Praxis verkauft hatte. Seit drei, vier Jahren leben wir ganzjährig hier. Aber Augsburg zieht uns immer wieder an. Wenn mich Kollegen händeringend bitten, mache ich immer noch gern Vertretungen in Praxen. Und Augsburg ist ja eigentlich Heimatstadt für mich. Hier habe ich seit den Schuljahren die längste Zeit meines Lebens verbracht. Augsburg ist eine schöne Stadt – nicht hektisch, entspannt. Nur manchmal schwelgt sie mir etwas zu sehr in ihrer Vergangenheit. Interview: Marika Schaertl

Die Autorin (48) lebt in München und schreibt unter anderem für Focus und Paris Match.

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